In Großbritannien sorgt ein Arbeiter:innenmangel nach dem Brexit in einigen Branchen für erhebliche Engpässe. Nun diskutiert die britische Regierung, ob auch Menschen mit laufendem Asylverfahren künftig arbeiten dürfen, um die Lücke zu schließen. Die Wochenarbeitszeit für Fernfahrer:innen wurde kurzerhand erhöht.

Nach dem Brexit beklagen Unternehmen in der Gastronomie, aber auch in der Logistik einen umfassenden Personalmangel. Rund 100.000 Fernfahrer:innen fehlen den Logistik-Betrieben des Landes, was bereits zu erheblichen Lieferproblemen geführt hat. Die britische Regierung ist aufgefordert, diesem Fachkräftemangel etwas entgegen zu setzen und hat verschiedene Pläne dazu entwickelt.

Eine Strategie ist besonders präsent in den britischen Medien: Asylsuchende sollen trotz laufender Asylverfahren das Recht erhalten zu arbeiten. Aktuell ist das Asylsuchenden verboten. Lediglich in Ausnahmesituationen, etwa wenn das Asylverfahren aufgrund bürokratischer Fehler erheblich verzögert wird, gibt es Ausnahmeregelungen unter strengen Auflagen. Das Aufnahmeverfahren soll eigentlich nicht länger als sechs Monate dauern, laut NGOs beträgt die Dauer jedoch oft mehr als ein Jahr.

Damit ist das Recht im UK restriktiver als die EU-Gesetzgebung. EU-Staaten müssen Asylsuchenden nach neun Monaten laufenden Verfahrens das Recht gewähren, arbeiten zu gehen.

Aktuell warten 70.000 Menschen in Großbritannien auf ihren Asylbescheid. Diese Zahl ist in den letzten zwei Jahren um 73 Prozent gestiegen, obwohl die Zahl der Antragsteller:innen annähernd gleich blieb.

Einen Beitrag leisten

Justizminister Dominic Raab ist einer der populärsten Vertreter einer Gesetzesänderung: „Wenn sie die Sprache lernen und arbeiten können, integrieren sie sich auch besser und leisten einen positiven Beitrag“, begründet der Konservative seine Haltung.

Davon, dass der „geleistete Beitrag“ einen Einfluss auf das Asylverfahren hat und somit die Bleibeperspektive der Asylsuchenden verbessert, ist bisher nicht die Rede. Dennoch unterstützen viele Organisationen für Geflüchtete das Vorhaben. Denn die Menschen in laufenden Asylverfahren leiden aktuell unter den Regelungen: Wird ihr Asylantrag positiv entschieden wird, haben sie nur 28 Tage Zeit, eine Arbeitsstelle und meist einen neuen Wohnort zu finden.

Eine Gesetzesänderung könnte also eine Verbesserung der Lebensumstände für Refugees in Großbritannien bedeuten, wozu sich viele Abgeordnete im Hinblick auf den Personalmangel durchringen könnten. Die zuständige Innenministerin, Priti Patel, hat sich dazu allerdings noch nicht befürwortend geäußert.

Gefangene und Militär

Gleichzeitig könnte der Arbeitsmarkt auch für weitere Personengruppen geöffnet werden, die bisher keinen Zugang haben. Raab schlug nämlich weiterhin vor, Gefangene als Fahrer:innen einzusetzen. „Warum sollte man sie nicht, wenn es Engpässe gibt, bezahlte Arbeit machen lassen, wenn es einen Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft hat?“

Auch Angehörige des Militärs sollen umgeschult werden, um im Bedarfsfall Tanklaster zu fahren. Denn von dem Fachkräftemangel sind die Tankstellen besonders betroffen: Einige mussten in den vergangenen Wochen sogar schließen, weil kein Kraftstoff mehr vorrätig war. Der Verband der unabhängigen Tankstellen teilte mit, dass rund 27 Prozent der Mitgliedsbetriebe nicht mehr über Benzin verfügen.

Um dem Engpass kurzfristig begegnen zu können, wurden die Arbeitsbedingungen der Fernfahrer:innen erheblich verschärft: Die maximale Wochenfahrtzeit der Fahrer:innen wurde erhöht, auch die Ausbildung soll verkürzt werden. So bräuchten Auszubildende nicht zuerst die Qualifikation für normale Lastwagen zu erlangen, bevor sie einen Sattelzug lenken dürfen.


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