Am Donnerstag beschäftigte sich der Innenausschuss des NRW-Landtags mit dem Tod des 24-jährigen Giorgos Zantiotis in Wuppertaler Polizeigewahrsam. Bislang ist noch immer offen, warum der junge Mann mit griechischen Wurzeln sterben musste. Mittlerweile sind Proteste in mehreren Städten Deutschlands angekündigt.

Am 1. November starb Giorgos Zantiotis in Polizeigewahrsam. Erst knapp eine Woche danach wurde sein Fall durch Medienberichterstattung – unter anderem von Perspektive Online – bekannt. Bis heute sind die Hintergründe seines Todes ungeklärt. Mittlerweile ist die Autopsie abgeschlossen, liegt jedoch dem Anwalt der Familie des Toten noch nicht vor.

Dennoch berichtete eine Vertreterin des Justizministeriums im Landtag über die Ergebnisse der am 3. November durchgeführten Obduktion bei einer Sitzung des Innenausschuss. Demnach gebe es „keine Hinweise auf todesursächliche Ursachen von außen“. Die wahrscheinliche Todesursache sei ein Herzinfarkt oder eine andere Herzerkrankung in Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen. Mit keinem Wort wird seine schwere Magenoperation erwähnt, der er sich kürzlich unterzogen hat. Zudem ist das toxologische Gutachten offiziell noch gar nicht abgeschlossen, das den Konsum von Drogen hätte feststellen können – obgleich es in Polizeigewahrsam bereits vor mittlerweile 11 Tagen zu einer gewaltsamen Blutabnahme durch einen Arzt gekommen war.

Die Schwester des Verstorbenen, die laut Innenminister Herbert Reul (CDU) vor der Ingewahrsamnahme durch die Polizei von ihrem Bruder gewaltsam angegangen worden sein soll, will sich jedoch mit der offiziellen Polizeierklärung nicht zufrieden geben. Laut dem WDR habe sie Anzeige gegen die Polizei gestellt.

Gleichzeitig stellt die Schwester, die den Vorfall mit ihrem Handy gefilmt hat, in einem aktuellen Interview gegen über dem griechischen Nachrichtenportal ellinofreneia öffentlich die Frage, ob der Tod nicht eher durch die gewaltsame Festnahme verursacht wurde, bei der ihr Bruder lange Zeit auf den Boden gedrückt wurde: „Wurde sein Bauch zerdrückt? Ist drinnen etwas gebrochen? Vielleicht wurde er verbal bedrängt und hatte einen Herzinfarkt.“, so die junge Frau im Interview.

Auch die fehlende Information der Öffentlichkeit über den Tod von Giorgos Zantiotis war ein Thema im Innenausschuss. Reul erklärte dazu wörtlich: „Das ist ein tragischer Fall, eine persönliche Tragödie und nichts, was man in den Medien breit treten sollte.“

Ganz anders sieht dies die Linkspartei. Sie forderte, dass sich  die Veröffentlichtungspraxis der Polizei- und Justizbehörden ändern müsse. Jules El-Khatib, stellvertretender Landessprecher, forderte: „NRW-Justizminister Biesenbach muss über einen Runderlass anordnen, dass alle Todesfälle in Polizeigewahrsam und Gefängnissen umgehend veröffentlicht werden und nicht erst infolge öffentlichen Drucks.“ Wenn Menschen stürben, die sich in Polizeigewahrsam und Gefängnissen befinden, sei dies für die Öffentlichkeit immer relevant.

Tod in Wuppertaler Polizeigewahrsam: Es riecht nach Vertuschung

10 Minuten

Insgesamt wurde der Fall Giorgos Zantiotis nur kurz besprochen. Die Organisation „Migrantifa NRW“, die bei der Anhörung anwesend war, erklärte dazu: „Es waren maximal 10 Minuten (von möglichen 15 Minuten), die der Innenausschuss gebraucht hat, um Giórgos’ Tod in Polizeigewahrsam zu besprechen. Es gab keine Nachfragen. Wir haben tausende. & wir wissen dieser Kampf wird ein langer. Doch wir sind widerständig & haben Ausdauer“

Am Freitag wird in Frankfurt protestiert werden: hier haben „Copwatch FFM“ und die Initiative „Gerechtigkeit für Giórgos Zantiótis“ um 17 Uhr zu einer Kundgebung auf der Konstablerwache aufgerufen. Für Samstag, den 13.11. ist eine Demonstration um 18 Uhr vor den „City Arcaden“ in Wuppertal-Elberfeld angekündigt. Am Samstag, den 20.11 gibt es eine Demonstration in Berlin.

Griechische Politik debattiert

Derweil zieht der Fall insbesondere in Griechenland weitere Kreise. Trotz des Aufruhrs in den sozialen Medien nach der Veröffentlichung des Videos mit den harten Bildern von der Verhaftung des 24-Jährigen hat die griechische Regierung bisher noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben. Bereits Anfang der Woche forderte ein Europa-Abgeordneter der „Kommunistischen Partei Griechenlands“ Aufklärung.

Bisher ist nur bekannt, dass der griechische Generalkonsul in Düsseldorf nach Hagen gereist ist, wo die Ermittlungen in diesem Fall durchgeführt werden – ansonsten gab es keine offizielle Mitteilung der griechischen Regierung. Zudem soll der griechische Botschafter in Berlin in einem Schreiben an den Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen um vollständige Informationen gebeten haben.

In einer parlamentarischen Anfrage, die gestern im Parlament eingereicht wurde, fragten 33 Abgeordnete der Partei SYRIZA den Außenminister N. Dendias, welche Schritte er unternommen habe, um zu untersuchen, ob es zu einer übermäßigen Gewaltanwendung der deutschen Polizei gegen den 24-jährigen Giorgos gekommen ist. „In Deutschland hat der Vorfall viel Aufmerksamkeit erregt, es gab Proteste und Reaktionen, insbesondere nach der Veröffentlichung des Videos, das zeigt, wie gewalttätig der junge Mann von der deutschen Polizei behandelt wurde. In Griechenland hat sich das Außenministerium jedoch entschieden, zu schweigen, und die Reaktion unseres Landes war bisher gelinde gesagt ‚lauwarm'“, kritisieren sie.


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