In Japan sind die Corona-Fallzahlen auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2020. Nachdem im August die Zahlen in die Höhe schossen und das Gesundheitssystem an sein Limit kam, fielen sie bald darauf rapide ab. Bisher ist nicht klar, was diesen Rückgang bewirkt hat, auch eine neue Welle kann nicht ausgeschlossen werden.

Im Juli und August diesen Jahres fanden die Olympischen Spiele in Tokio statt. In dieser Zeit und in den Tagen nach den Spielen erreichten die Corona-Inzidenzen in Japan ihren Höhepunkt. Im Schnitt infizierten sich mehr als 25.000 Menschen pro Tag. Das Gesundheitssystem drohte überlastet zu werden, und die Prognosen sahen düster aus.

Dr. Hideaki Oka, ein Experte für Infektionskrankheiten am Saitama Medical University Hospital außerhalb von Tokio erinnert sich noch gut an die Zeit. Doch schon im September waren die Inzidenzen im freien Fall und die Ärzt:innen konnten aufatmen: „Wir hatten zwei Monate lang keine COVID-Patienten in unserem Krankenhaus“, erklärt er, „so dass wir uns auf die Allgemeinmedizin konzentrieren konnten, wie zu Zeiten vor COVID.“

Der Umschwung war so drastisch, dass Expert:innen und Beobachter:innen um eine Erklärung ringen. Die Fälle sind seit ihrem Höchststand um mehr als 99 % zurückgegangen. In den letzten Wochen gab es in Japan weniger als einen Todesfall pro Tag – der niedrigste Stand seit Juli 2020.

Nach den vier vorangegangenen Infektionswellen begannen die Fälle schnell wieder anzusteigen, sobald die lokalen Regierungen den Ausnahmezustand aufhoben. Doch nach der Aufhebung des letzten Ausnahmezustands am 28. September gab es keinen plötzlichen Aufschwung mehr: „Wir haben seit acht Wochen durchschnittlich weniger als 50 neue Fälle [pro Tag]“, sagte Dr. Norio Ohmagari vom japanischen National Center for Global Health and Medicine bei einem Treffen am 9. Dezember über die Situation in Tokio.

Seine Erklärung: „Wir glauben, dass dies auf die Gegenmaßnahmen vieler Bürger und Institutionen und die beschleunigte Impfung zurückzuführen ist, dank der Bemühungen des medizinischen Personals und des Verständnisses der Bürger.“

Japan war zu Beginn des Jahres hinter anderen Industrienationen zurückgeblieben, aber jetzt sind fast 80 % der 125 Millionen Einwohner vollständig geimpft. Mit der Verabreichung von Auffrischungsimpfungen wurde erst diesen Monat begonnen. Neben den Impfungen sei auch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ein Grund für die niedrigen Fallzahlen. „Auch wenn ich keine COVID-Patienten habe, habe ich in Japan noch niemanden auf der Straße gesehen, der keine Maske trägt“, schildert Oka. „Auch wenn sie denken, dass es nicht notwendig ist [eine Maske zu tragen], gibt es einen Druck auf die Menschen, das Gleiche zu tun wie alle anderen.“

Vergleich mit Südkorea wirft Fragen auf

Andererseits hat Japans Nachbarland Südkorea mehr als 90% seiner erwachsenen Bevölkerung vollständig geimpft. Und auch in diesem Land ist es üblich, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen. Doch Südkorea erlebt gerade die bisher schlimmste Infektionswelle der Pandemie: Nach anderthalb Monaten allmählicher Lockerung musste das Land ab dem 3. Dezember erneut Beschränkungen für Versammlungen und Geschäfte einführen, die am 16. Dezember noch einmal verschärft wurden.

Wie schon in den ersten Monaten der Pandemie im vergangenen Jahr versucht Japan herauszufinden, warum die Zahl der COVID 19-Fälle und der Todesopfer im internationalen Vergleich niedrig bleibt. Nur wenige in Japan trauen der Reaktion der Regierung auf das Corona-Virus. Wie schon im letzten Jahr veröffentlichen Medien und wissenschaftliche Zeitschriften immer wieder Hypothesen über einen „X-Faktor“, eine Eigenschaft der japanischen Bevölkerung oder ihrer Umwelt, die das Land vor ernsthafteren COVID 19-Schäden bewahrt haben soll.

„Eine Hypothese besagt, dass die Immunzellen der Japaner etwas Besonderes sind, das die Infektion abwehren kann“, sagt Akiko Iwasaki, Immunologin an der Universität Yale, die im vergangenen Jahr in einem Artikel der Frage nachging, warum es in Japan so wenige Fälle von COVID19 gab. Darin erwähnt sie eine andere Hypothese, die besage, dass eine mildere Variante des Corona-Virus bereits in Japan zirkulierte und einige Menschen immun gegen SARS-CoV-2 machte. Eine weitere Theorie besage, dass die Delta-Variante in Japan so mutiert sei, dass sie die Fähigkeit zur Replikation verloren habe und damit dem Aussterben entgegengehe.

So interessant diese Hypothesen auch sein mögen, sagt Iwasaki: „derzeit sind es keine bewiesenen Theorien“. „Selbst wenn die Theorien richtig sind“, stimmt Oka zu, „ist es für Japan nicht möglich, das Land zu verschließen und für Außenstehende abzuschotten. Das wird nicht ewig so bleiben. Die Realität ist, dass eine weitere Welle definitiv kommen wird.“

Um die Omikron-Variante fernzuhalten, hat Japan im vergangenen Monat seine Grenzen für Ausländer:innen geschlossen. Nachdem die Beschränkungen kurzzeitig gelockert wurden, scheinen die Fallzahlen wieder zu steigen. Eine weitere Infektionswelle, fügt Oka hinzu, könnte schnell alle Spekulationen ausräumen, dass Japan in Bezug auf COVID 19 eine Ausnahme darstellt.


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