Der Versandhändler Amazon lässt offenbar künstliche Intelligenzen berechnen, ob ein:e Arbeiter:in gekündigt werden soll. Die Kündigung wird dann zudem auch noch direkt durchgeführt. Laut Unternehmen würde dies einen Wettbewerbsvorteil schaffen und effizienter sein. Derlei Methoden können nur mit kapitalistischer Logik nachvollzogen werden. – Ein Kommentar von Julius Kaltensee.

Bereits im Sommer des letzten Jahres bekam der Ex-Amazonarbeiter Stephen Normandin seine Kündigung bei dem Online-Versandhändler Amazon per E-Mail. Darin hieß es, dass er seinen Beruf nicht gut genug ausgeführt habe und sich deshalb eine neue Stelle suchen müsse.

Das Brisante daran: Diese E-Mail war automatisiert und von künstlicher Intelligenz (KI) erstellt worden. Sie hatte berechnet, dass Normandin nicht die nötige Effizienz gezeigt habe und deshalb ersetzt werden müsse.

Der Mann hatte zuvor rund um die Stadt Phoenix als Paketbote für den Versandhandel gearbeitet. Die Maschine entschied nun, dass er die Pakete nicht schnell genug zugestellt habe und daher gefeuert werden müsse.

Dabei wurde nicht bedacht, dass es Normandin teilweise gar nicht möglich war, die Pakete zuzustellen. Dies kann zum Beispiel passieren, wenn das Grundstück schlicht und einfach nicht erreichbar ist. Anscheinend gab es bei dem Entscheidungsprozess auch keine menschliche Aufsicht oder Kontrolle. Der Roboter durfte vollkommen autonom berechnen und dann entscheiden.

Alles für die Effizienz

Der Gründer und Konzernchef Jeff Bezos äußerte dazu, dass die Einbeziehung von Maschinen die nötigen Entscheidungsprozesse in dem Unternehmen deutlich vereinfachen würde. Das wiederum ermögliche einen Wettbewerbsvorteil.

So unbegreiflich diese Methoden wirken mögen – im kapitalistischen System ergeben sie absolut Sinn: Die Unternehmen, getrieben vom Druck der Konkurrenz, benötigen immer kreativere oder perfidere Methoden, um die Effizienz noch ein wenig mehr steigern zu können und damit ihren Konkurrent:innen einen Schritt zuvor zu sein.

Amazon verwendet dabei besonders abstoßende Methoden, festigt dadurch aber auch seine Monopolstellung auf dem Markt. So fiel das Unternehmen bereits dadurch auf, dass es die sogenannte „Time off Task“ (TOT) der Arbeiter:innen erfasste und z.B. die Zeit, die auf Toilette oder für eine Pause verbracht wurde, genau berechnete.

Amazon-Roboter feuert zu langsame ArbeiterInnen automatisch

Dies mag kleinlich klingen, bringt dem Unternehmen aber einen großen Vorteil gegenüber Mitbewerber:innen. Jede Sekunde, die mehr gearbeitet wird, ermöglicht den Unternehmen einen kleinen Vorsprung im Rennen um die bestmögliche Akkumulation und manifestiert die Vormachtstellung von Amazon.

Grundsätzlich geht es bei der Effizienzsteigerung immer häufiger um Makromechanismen, die minimale Vorteile ermöglichen, aber in der Summe einen Vorsprung für das jeweilige Unternehmen ermöglichen.

Nun mögen sich viele Menschen speziell über Amazon empören, doch nicht nur der Versandhändler agiert so. Auch andere Unternehmen verdichten und flexibilisieren die Arbeitszeit zum Beispiel durch das Konzept „Teilzeit“. Dadurch schaffen sie sich einen enormen Vorteil: die Arbeiter:innen werden wie Mosaiksteinchen eingesetzt, um die bestmögliche Produktivität zu erzielen.

Es gehört nun einmal einfach zur kapitalistischen Produktionsweise dazu, dass Arbeiter:innen bestmöglich ausgebeutet werden. Wer sich also über Amazon echauffiert, der darf nicht bei den lokalen, kleineren Kapitalist:innen ein Auge zu drücken.

Die Zwänge des Kapitals durchbrechen

Die Kapitalseite geht es bei diesen fragwürdigen Methoden vor allem um eins: Um die zwanghafte Akkumulation von immer mehr Kapital. Auf die enorme psychische Belastung für die Arbeiter:innen wird sich nicht geschert, sie wird sogar bewusst einkalkuliert. Die Angst, selbst abzusteigen und parallel dazu eine Gesetzgebung, die ein solches Verhalten ausdrücklich fordert und schützt, schafft den Nährboden für derlei Ideen zur Effizienzsteigerung.

Es bedarf daher logischerweise einer kraftvolle Gegenbewegung der Leidtragenen – nämlich der Arbeiter:innen -, denen es gelingt, diese Grundannahme zu erschüttern und aufzubrechen. Denen es gelingt, den freien Markt aufzulösen und die Prozesse, die Menschen zu derlei unmenschlichem Verhalten treiben, anzuprangern und zu beenden. Denn eins ist sicher: Solche Methoden werden uns in Zukunft immer häufiger begegnen – und sie werden notwendigerweise noch perfider und arbeiter:innenfeindlicher sein!


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