Digitalisierung geht in vielen Branchen damit einher, dass Arbeiter:innen pausenlos überwacht werden können. Besonders verheerende Folgen hat das in der Logistikbranche, wo sekundengenaue Nachverfolgung auf der Arbeit an die Überlastungsgrenze trifft, argumentieren Forscher:innen der Uni Bamberg.

Der technische Fortschritt erlaubt die lückenlose Überwachung und Bewertung von Logistik-Arbeiter:innen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Allein die Arbeiter:innen auf den letzten Metern der Lieferkette, also bei Post-, Kurier- und Paketdiensten, zählten 2019 rund 570.000 Personen. Forscher:innen der Universität Bamberg widmeten deren Arbeitsbedigungen eine Studie. Sie ziehen ein Fazit: In der Logistikbranche sei ein “digitaler Taylorismus” entstanden.

Der Taylorismus meint eine spezielle Art, eine Produktion anzuleiten, die mit der Industrialisierung einher ging. Taylor entwickelte den Gedanken, dass es möglichst effizient sei, sogenannte “Kopf- und Handarbeit” voneinander zu trennen. Daraus entstand ein Managementprinzip: Alle Arbeitsschritte werden so zerlegt, dass sie – bei maximaler Belastung in Akkordarbeit – größtmöglich effektiv sind. Die Folge sind zermürbende, sich wiederholende Arbeiten und dauerhaft überlastete Arbeiter:innen.

Die Prozesse in den Lieferketten sind bereits in die kleinstmöglichen Arbeitsschritte zerlegt. Technische Neuerungen erlauben den Unternehmen nun außerdem, die Tätigkeiten der Beschäftigten sekundengenau zu überwachen. Für Vorgesetzte ist minutiös nachvollziehbar, in welchem Moment sich Auto, Arbeiter:in und Pakete schnellstmöglich bewegen – und in welchem nicht.

Dieser Leistungsdruck trifft eine chronisch überlastete Branche, die nicht genügend Menschen beschäftigt, um dem ständig wachsenden Bedarf nachzukommen. Ein immer größerer Teil der Beschäftigten ist solo-selbstständig, die Verständigung unter den Beschäftigten selbst finde nur sporadisch statt.

TikTok-Trend “Tanz für mich”

In den USA heben die sogenannten “RingCams” die gläsernen Arbeiter:innen auf die nächste Stufe. Die Lieferant:innen von Amazon z.B. werden über eine Kamera am Türschloss bei ihrer Arbeit gefilmt, Belieferte können die einzelnen Arbeiter:innen im Anschluss über eine App bewerten.

So kommt es zu den skurrilsten, aber auch zu menschenverachtenden Auswüchsen: Eine TikTok-Nutzerin forderte beispielsweise den Paketarbeiter mit einem Schild auf, bei der Lieferung zu tanzen. Er kam der Aufforderung nach und nutzte den Ruhm auf der App, um seine DJ-Karriere zu bewerben. Der Trend bekam jedoch einen bitteren Beigeschmack, als die Nutzerin erklärte: “Wenn sie nicht tanzen, bewerte ich sie schlecht”.

Denn für die Lieferfahrer:innen hängt viel von ihrer Bewertung ab. “Alles, was amazon aufzeichnet, dient der Bestrafung”, kritisiert deshalb ein TikTok-Nutzer in den Kommentaren.


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