Pharmakonzerne stoppen die Produktion von günstigen Generika wegen zu geringer Profitmargen. Das führt unter anderem bei Medikamenten für die Behandlung von Krebs und Diabetes zu Versorgungsengpässen. Expert:innen sprechen von „Systemversagen“.

Das Medikament „Tamoxifen“ war zu Beginn dieses Jahres nur sehr schwer erhältlich. Es wird für die Behandlung und Vorbeugung gegen Brustkrebs eingesetzt. Dass das Fehlen eines so wichtigen Präparats für die Betroffenen eine Katastrophe ist, betonte kürzlich die Lobbyorganisation „Pro Generika“. Sie setzt sich für die Interessen von Pharmaunternehmen ein, die Generika produzieren.

Generika sind patent-freie Medikamente, die die selbe Wirkung wie ihre patentierten und teureren Originale haben. Sie werden oft in großen Mengen in Indien und in China produziert. Trotzdem unterliegen sie strengen Kontrollen und hohen medizinischen Standards.

Die aktuelle Teuerungswelle traf diese medizinischen Präparate genauso wie alle anderen Güter des täglichen Bedarfs. Da die Krankenkassen Großverträge mit den Arzneimittelherstellern abschließen und diese eine lange Laufzeit haben, können die Unternehmen diese Preissteigerungen nicht an die Krankenkassen weitergeben. Ihre Profite sinken, die Kosten für Generika blieben bis jetzt aber relativ stabil.

„Allein in den letzten 12 Monaten ist der Wirkstoff Paracetamol um 70 Prozent teurer geworden“, so der Lobbyverband Pro Generika. Da die Unternehmen sich über ihre Lieferverträge verpflichtet haben, die Medikamente zu festen Summen zu liefern, sei das Geschäft mit den Generika zunehmend unprofitabel. Das erklärt den Stopp der Produktion für diverse Generika wie Tamoxifen oder Paracetamol-Präparate.

Die Krankenkassen beharren hingegen auf ihrem Standpunkt und wollen weiter daran festhalten, den günstigsten Anbieter auszuwählen. Eine Preissteigerung der Generika würde horrende Kosten für die Kassen nach sich ziehen. Rund 68 Milliarden Euro wurden 2020 für Arzneimittel ausgegeben, davon entfielen 6 Milliarden auf die günstigen Generika und 62 Milliarden auf teure Originalpräparate. Bei den gelieferten Mengen ist das Verhältnis umgekehrt: Obwohl Lieferungen von Generika nicht einmal ein Zehntel der Arzneimittelausgaben ausmachen, sind fast 80% der verordneten Medikamente Generika. Die rund 20% Originalpräparate machen also mehr als 90% der Kosten aus, dabei sind sie nicht wirksamer, sondern unterscheiden sich von den Generika lediglich durch ihr Patent.

Das Versorgungssystem ist weiterhin instabil, auch wenn Tamoxifen wieder erhältlich ist. Der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Wolf-Dieter Ludwig, spricht davon, dass es Lieferengpässe bei Medikamenten schon seit über zehn Jahren gäbe. Zahlreiche Initiativen, dies in den Griff zu bekommen, seien schon fehlgeschlagen, nun verschärfe sich die Situation weiter.


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