Seit einigen Wochen laufen die Tarifverhandlungen in der Stahlbranche. Ursprünglich forderten die Gewerkschaften eine Lohnerhöhung von rund 8,2%. Jetzt werden es doch nur 6,5%. Was IG-Metall-Bezirksleiter Giesler als „höchste prozentuale Erhöhung in der Stahlindustrie seit 30 Jahren“ anpreist, ist in Wahrheit eine schlecht versteckte Reallohnsenkung. – Ein Kommentar von Tabea Karlo 

Letzten Donnerstag zogen sie noch gemeinsam durch die Straßen: Stahlarbeiter:innen und Gewerkschaftschef:innen. In den Straßen Duisburgs konnte man sie gemeinsam rufen hören: „8,2 Prozent oder die Hütte brennt!“ Tausende demonstrierten gemeinsam für diese Lohnerhöhung in der Eisen- und Stahlindustrie. Zuvor hat die IG-Metall zu dem Warnstreik aufgerufen, der am 9.6. bei Thyssenkrupp Steel Europe (tkSE) in Hamborn stattfand.

Zu diesem Zeitpunkt spuckte die Gewerkschaftsleitung noch große Töne: „Ihr habt eine klare Forderung und die ist richtig. 8,2%, die wollen wir und die holen wir uns!“, sagte der IG-Metall-Bundesvorsitzende Jörg Hofmann in der Hauptrede der Veranstaltung. Der tkSE-Betriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol zog mit, er sprach davon, dass er am Verhandlungstisch „dem Bösen in die Augen“ schaut. Ebenso wie Vertrauenskörperleitung Klaus Wittig betonte er seine Bereitschaft zum Streik. Wittig kündigte sogar an, die gesamte Produktion lahmzulegen, wenn vor dem 20. Juni „keine Vernunft“ einziehe.

Jetzt müssen die Arbeiter:innen der Stahlbranche schmerzlich miterleben, was schon so viele vor ihnen erfahren mussten: Von den kämpferischen Worten der sozialpartnerschaftlichen Betriebsräte und Gewerkschaften bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als eben diese leeren Worte. Statt den vor einer Woche noch beschworenen 8,2% stehen die Parteien kurz davor, sich auf 6,5% zu einigen; bei einer Laufzeit von 18 Monaten, während die Inflation schon im Mai innerhalb von 12 Monaten bei 7,9% lag.

Der Vertrag gilt für 68.000 Menschen, die in der Branche in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen tätig sind. Er beginnt im Juni und läuft dann 18 Monate. Die Lohnerhöhungen kommen allerdings erst am 1. August. Auf diese schlägt die Konzernseite noch ein Mal ganz „gönnerhaft“ zwei Einmalzahlungen oben drauf. Diese belaufen sich auf gerade einmal 500 Euro insgesamt, für Auszubildende übrigens sogar nur 200 Euro. Die kommen dafür schon ab Juni.

Damit der Tarifvertrag gültig wird, muss die Tarifkommission der IG-Metall ihm noch zustimmen, die Konzernseite hat dies auf dem Papier bereits getan.

Die ganze Abmachung ist ein fauler Kompromiss: Von Gewerkschaftsseite wurde die Inflation immer wieder als Argument genannt, warum es dringend eine Lohnerhöhung für die Eisen- und Stahlarbeiter:innen braucht. Umso erstaunlicher, dass sie von Anfang an nur 8,2% forderten. Mit diesem Prozentsatz ist gerade eben ein Inflationsausgleich gegeben und das auch nur, wenn man entgegen aller Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass die Inflation nicht noch weiter ansteigt und besonders betroffene Bereiche außen vor lässt. Mit den 6,5%, auf die man sich jetzt einigen wird, setzt die Konzernseite eine klare Reallohnsenkung durch.

Stahlindustrie: Warnstreikankündigung in elf Städten

Zu Beginn der Verhandlungen boten die Konzerne nur eine Einmal-Zahlung von 2.100 Euro an. Nach den Warnstreiks in Städten wie Salzgitter, Bremen, Bochum und Duisburg boten sie dann eine Erhöhung um 4,7% bei einer Laufzeit von 21 Monaten an. Das hätten die Gewerkschaften als Zeichen sehen können, dass den Konzernen mit genügend Druck durchaus mehr abgerungen werden kann. Stattdessen ließen diese sich, ganz ihrer sozialpartnerschaftlichen Natur entsprechend, nach einer neunstündigen vierten Verhandlungsrunde auf bloße 6,5% herunter handeln.

Für Giesler mag es die höchste prozentuale Erhöhung in der Stahlindustrie seit 30 Jahren sein. Für die Arbeiter:innen ist es eine Lohnkürzung, bei gleicher Arbeit und sinkendem Lebensstandard. Diese Tarifverhandlungen haben uns wieder einmal vor allem eines gezeigt: Auf die Gewerkschaften können wir uns nicht verlassen. Auch im Arbeitskampf müssen wir vor allem auf unsere eigenen Kräfte setzen.

 


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