Die Eskalation zwischen Russland und der NATO wird nicht nur auf ukrainischem Boden vorangetrieben, sondern auch im Baltikum. Litauen will den Warenverkehr Russlands nach Kaliningrad einschränken.

Mit der Ankündigung Litauens, dass Russland künftig keine der Waren, die westlichen Sanktionen unterliegen, mehr über sein Territorium nach Kaliningrad transportieren darf, wird die Aufmerksamkeit der professionellen und hobbymäßigen Geostrateg:innen im Konflikt zwischen NATO und Russland erneut auf ein Stück Land außerhalb der Ukraine gelenkt.

Den Begriff “Suwalki-Lücke” hat die NATO geprägt: er bezeichnet die etwa 65 km lange Landverbindung zwischen Belarus und der russischen Enklave Kaliningrad an der Ostsee. Diese Landverbindung verläuft zugleich entlang der Grenze zu Polen und Litauen. Auch wenn das Gebiet nicht sonderlich dicht besiedelt ist, ist es von enormer strategischer Bedeutung – und zwar sowohl für die NATO, als auch für Russland.

Dass es für Russland militärisch und ökonomisch enorm wichtig ist, seine Enklave Kaliningrad zu erhalten und weiter mit militärischen und zivilen Gütern zu versorgen, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Die Stadt ist militärisch stark gerüstet und stellt die bei weitem westlichste Militärbasis Russlands dar. Für ein Land mit den russischen Großmachtansprüchen ist auch der einfache Zugang zur Ostsee von enormer Bedeutung.

Doch auch für die NATO bzw. die Staaten der EU ist dieser Landstrich wichtig: Er stellt nämlich zugleich die einzige Landverbindung zwischen Polen und Litauen dar und somit auch zwischen den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland und dem Rest der europäischen NATO-Staaten. Der Begriff “Suwalki-Lücke” wurde von der NATO gewählt, weil er die Sorge vor militärischen Problemen im Falle eines russischen Einmarschs zum Ausdruck bringt.

Nahezu alle namhaften Militärexpert:innen auf beiden Seiten sind sich einig, dass im Falle eines Kriegs zwischen der NATO und Russland sich letzteres wohl schnellstmöglich bemühen würde, genau diese “Lücke” im eigenen Einflussgebiet zu schließen. Prognostiziert wird in Planspielen in letzter Zeit dabei ein Angriff über litauisches Territorium.

Verschiedene Lageeinschätzungen von NATO-Militärs gehen davon aus, dass die baltischen Staaten in einem solchen Fall nicht erfolgreich zu verteidigen seien.

Aus Sicht der NATO erschwerend kommt hinzu, dass das Gebiet selbst zwar seit 1920 zwischen Polen und Litauen aufgeteilt ist, im Grenzgebiet leben in beiden Nationalstaaten jedoch auch viele Angehörige der jeweils anderen Nation, die immer wieder darüber klagen, diskriminiert zu werden.

Der Vorstoß Litauens, den Warenverkehr Russlands in dessen eigene Enklave massiv einzuschränken, macht jedenfalls deutlich, wie enorm wichtig dieses Gebiet für beide Seiten der Auseinandersetzung ist. Russland bezeichnete den Schritt Litauens als “feindselig” und drohte bereits mit Konsequenzen.


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