Im Juni lag die Inflation mit 7,6 Prozent leicht unter dem Niveau vom Mai. Doch von Entwarnung kann nicht gesprochen werden. Fast jeder Einzelhändler für Nahrungs- und Genussmittel plant weitere Preiserhöhungen. Deutschlands führende Kapital-nahe Wirtschaftsforschungsinstitute fordern zudem, die massive Teuerungen beim Einkauf des Gases zeitnah an die Verbraucher:innen weiter zu geben.

Gleich vier Wirtschaftsforschungsinstitute haben sich in einer Studie mit den Auswirkungen der gedrosselten Gaslieferungen nach Deutschland beschäftigt. Ihr Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke mit Erdgas im Fall eines Stopps russischer Lieferungen sei gegenüber April deutlich gesunken. “Trotz mittlerweile deutlich besser gefüllter Speicher sind damit aber noch nicht alle Risiken für die Gasversorgung der Industrie im Winterhalbjahr 2022/2023 gebannt”, erklärten sie.

Es sei daher „ratsam“, zeitnah die Preissignale „bei den Verbrauchern ankommen zu lassen.” Ihre Rechnung ist einfach: wenn Gas teurer wird, können sich das die Menschen weniger leisten „und die günstigeren Konstellationen der Gasverfügbarkeit würden wahrscheinlicher“.

Dafür sei es notwendig, auch den Preisanpassungsmechanismus gemäß Energiesicherungsgesetz zu aktivieren. Danach dürfen Energieanbieter vertragsbrüchig werden und trotz festgelegter Tarife die Preise direkt erhöhen.

Habecks Gas-Alarm: Energie-Konzerne könnten bald Preis-Bomben zünden

“Da höhere Preise bereits einen starken Anreiz für die Einsparung von Energie liefern, sind zusätzliche staatliche Anreize zum Energiesparen nicht notwendig und bergen das Risiko ungünstiger Verteilungseffekte”, erklärten das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Das Problem dabei: durch massive Preissteigerungen werden vorrangig Menschen mit wenig Geld getroffen – die ohnehin oftmals nicht so viel heizen, da sie in kleinen Wohnungen leben. Zudem werden viele Menschen im Winter einfach heizen müssen, da sie sonst in Ihren Wohnungen frieren – und dann später mit hohen Schuldenbergen konfrontiert sind.

Für einen besonders betroffenen Vier-Personen-Haushalt, der vorrangig Gas nutzt, bedeuten die Preiserhöhungen den Berechnungen der Unternehmensberatung Oliver Wyman zufolge eine jährliche Kostensteigerung von bis zu 2.900 Euro bei Gas und 800 Euro für Strom. Das macht in der Summe 3.700 Euro.

Auch Lebensmittel verteuern sich

Auch in anderen Bereichen sollen die Preissteigerungen weitergehen. So müssen sich die Menschen in Deutschland in den kommenden Monaten auf weiter anziehende Lebensmittelpreise einstellen.

Nach einer ifo-Umfrage im Juni lagen die Preiserwartungen der Einzelhändler für Nahrungs- und Genussmittel bei 98,9 Punkten. Demnach plant fast jeder befragte Händler höhere Preise. Auch in den übrigen Sparten des Einzelhandels will eine Mehrheit der Befragten ihre Preise anheben. Dort stiegen die Preiserwartungen auf 78,6 Punkte, von zuvor 75,5. „Damit dürften die Inflationsraten vorerst weiter hoch bleiben“, sagt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.