Zehntausende Menschen lernen das Ausländeramt als ein bürokratisches und diskriminierendes System kennen. Sanktionen, Verweigerungen der Arbeitserlaubniss und Abschiebungen hinterlassen ihre Spuren bei den betroffenen Menschen. Der Flüchtlingsaktivist Nasrin K. kommt aus Burkina Faso und lebt seit Juli 2015 in Deutschland. In Perspektive Online berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen – ein Gastkommentar.

Seitdem ich in Deutschland lebe, habe ich vieles kennengelernt, wogegen ich meine Stimme erheben möchte. Ich habe das Recht zu kritisieren, weil mein Leben hier wirklich schrecklich geworden ist. Warum? Weil ich aus Westafrika komme! So eine Diskriminierung habe ich vorher noch nicht erlebt, und leider sehen wir eine gesetzliche Diskriminierung durch das Ausländeramt, das gegen alle internationalen Menschenrechtsgesetze verstößt.

Deutschland sucht sich seine Migranten aus. Der eine hat Glück, der andere Pech, es herrscht ein großer Unterschied zwischen den Migranten und ihren Asylverfahren sowie der Bearbeitung durch die Ausländerbehörde.

Dabei gibt es eine große und wichtige Sache: Kein Mensch ist illegal! Wir sind alle gleich – ob schwarz, rot, gelb oder weiß. Mensch ist Mensch!

Für mich ist all diese Vielfalt eine Schönheit der Menschheit, etwas Besonderes, und wir sollten uns alle gemeinsam daran erfreuen. Jeder sollte bewusste danach streben. Es ist wahr, man kann nicht alle Leute lieben, aber man muss einander respektieren.

Niemand flieht freiwillig

Kein Mensch gibt jemals seine Familie und seine Verwandten freiwillig auf, um in ein fremdes Land zu gehen. Dies ist ein sehr schwerer und schmerzlicher Schritt. Besonders dann, wenn man in der neuen Gesellschaft, in dem neuem Land, abgelehnt wird aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe.

Es ist sehr schwer zu ertragen, vor allem, wenn man weiß, dass es in dem eigenen Heimatland einen Notstand gibt wie zum Beispiel Krieg, Armut, Hungersnot, Korruption, Terroranschläge und Diktatur. Die wiederholten Staatsstreiche sind wichtige Gründe dafür, warum viele nicht in ihr Herkunftsland zurückzukehren können.

Wir sehnen uns nach Freiheit und Demokratie mit besseren Lebensbedingungen. Wir wollen unabhängig sein. Wir sind junge und arbeitskräftige Menschen. Doch dazu gibt dir die Ausländerbehörde oft keine Möglichkeit.

“Wir sind junge und arbeitskräftige Menschen. Doch dazu gibt dir die Ausländerbehörde oft keine Möglichkeit.”

Hohe Hürden, um arbeiten zu dürfen

Drei Jahre lang habe ich hier in Deutschland gearbeitet, aber weil jetzt mein Aufenthalt nur „geduldet“ ist, wurde mir meine Arbeitserlaubnis von der Ausländerbehörde wieder weggenommen.

Die Ausländerbehörde fordert jetzt meinen Reisepass aus der Heimat, damit ich wieder arbeiten darf. Dabei durfte ich drei Jahre lang ohne einen Reisepass arbeiten. Sie haben mir alles genommen, denn die Arbeit hat mir Spaß gemacht, hat mich bei meiner Integration weiter gebracht, und ich war nicht von Sozialleistungen abhängig.

Ich habe alles versucht, was die Ausländerbehörde von mir verlangt hat: ich habe mich mehrfach an die Botschaft gewandt, ich habe mehrfach Briefe in meine Heimat geschickt, Anwälte in der Heimat kontaktiert, um fehlende Dokumente für einen Reisepass zu erhalten.

Meine Geburtsurkunde oder verschiedene andere Dokumente reichen der Ausländerbehörde nicht aus, um meine „Identität zu klären“.

Sanktionen statt Arbeit

Da mir die benötigten Dokumente immer noch fehlen und ich somit kein Reisepass beantragen oder vorlegen kann, wurde ich von der Ausländerbehörde sanktioniert. Ich erhalte nun Lebensmittelgutscheine für 144 Euro im Monat.

Diese kann ich nur in bestimmten Lebensmittelmärkten einlösen, und ich darf damit bestimmte Dinge nicht kaufen wie zum Beispiel Handykarten, Kaffee, Zeitschriften. Diese Sanktion trifft mich hart, es fühlt sich wieder an, als ob man nichts wert ist – es ist bedrückend, beängstigend und erniedrigend.

Ich frage mich warum? Ich habe nichts Böses getan, ich habe nur Schutz gesucht in einem anderen Land mit mehr Sicherheit. Ich habe Deutsch gelernt, mich angepasst, mich gebildet und gearbeitet – all dies wird nicht anerkannt.

Ich habe mich integriert und für mein eigenes Geld gearbeitet, um auf eigenen Beinen zustehen. Doch es ist nicht gewollt, egal wie sehr man sich bemüht, wie sehr die Unternehmen einen weiter arbeiten lassen möchten – die Antwort der Ausländerbehörde lautet: nein.

“Die Antwort der Ausländerbehörde lautet: nein.”

Ist unser Einsatz nichts wert?

Ich denke oft zurück an einen guten Freund aus dem Niger: er lebte sechs Jahre in Deutschland. Er arbeitete immer, er hat sogar einen unbefristeten Vertrag erhalten, da die Firma mit Ihm sehr zufrieden war. Er hat seinen Reisepass eingereicht, er arbeitete weitere zwei Jahre fleißig, doch dann wurde er ohne Vorwarnung in sein Heimatland abgeschoben. Er durfte sich von Niemandem hier verabschieden und kein Geld mit sich führen.

Die Begründung lautete, dass in seinem Land kein Notstand mehr herrsche und er somit kein Recht mehr habe, in Deutschland zu leben. Sind diese sechs Jahre Arbeit nix wert? Hat man nach sechs Jahren mit einer Duldung kein Recht auf Freunde? Kein Recht darauf, sich zu verabschieden? Kein Recht auf sein Geld, für das man hart gearbeitet hat?

Maschine Ausländerbehörde

Ich habe das Gefühl, dass es in der Ausländerbehörde manchmal zugeht wie in einer Fabrik. Als ob die Mitarbeiter dort nur noch wie programmierte Maschinen arbeiten. Keiner sieht dich als Mensch. Keiner sieht die Geschichte hinter dir als Mensch. Ich denke schon, dass man den Fleiß, den Willen, die Bemühungen vieler nur geduldeter Menschen anerkennen kann. Dies geht aber nur, wenn ich mich für die Geschichte hinter dem Menschen interessiere und wie ein Mensch handeln darf. Und wenn die Gesetze dies auch zulassen.

Trotz meiner Sanktionen, vieler Freunde, die gehen mussten und meiner Rückschläge gebe ich nicht auf, ich gehe weiter freiwillig zu einem Deutschkurs, bilde mich und versuche alles, um meine Situation zu verbessern. Dennoch bleibt die Angst, dass all die Mühe vergebens ist, mein ständiger Begleiter.

Die Ampel-Koalition plant nun, eine neue Bleiberechtsmöglichkeit für Menschen wie mich einzuführen. Das wäre eine gute Möglichkeit, um meine Situation zu verbessern, also am Ende einen Aufenthaltstitel zu bekommen.

Trotzdem mache ich mir noch Sorgen: denn es gibt eben viele Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde: Rassismus, Respektlosigkeit, unmögliche Kommunikation. Man erreicht Niemanden per Telefon oder Mail – manchmal wartet man einen Monat auf eine Antwort.
Wird es wirklich eine Antwort geben? Wird mein Antrag dort durchkommen?

Ich habe auch viele tolle Menschen getroffen an verschiedenen Stellen, beim Sozialdienst, beim Flüchtlingsrat. Die Probleme liegen einfach bei der Ausländerbehörde. Ich wünsche mir, dass die Menschen sehen, was wir leisten und dies mehr anerkennen. Dafür setze ich mich auch als Flüchtlingsaktivist ein.


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