Unternehmen, die jetzt Erdgas an der Börse einkaufen, zahlen soviel Geld wie noch nie zuvor. Das wird bei den Endverbrauchern in den kommenden Monaten und im Jahr 2023 ankommen. Vorher wird es bereits bei teurerem Strom und Alltagsprodukten spürbar sein.

Der “Dutch TTF Natural Gas” gilt als der europaweite Maßstab für Erdgaspreise. Er hat am Mittwoch einen historischen Höchststand erreicht: Lag der Gaspreis für eine Megawattstunde (MWh) im September 2020 noch bei einem Niveau von etwa 13 Euro, waren es am vergangenen Mittwoch 292 Euro. Das ist eine Steigerung von 2.150% in nur zwei Jahren.

Besonders massiv ist der Anstieg seit Mitte Juni diesen Jahres. Zu diesem Zeitpunkt lag der Preis für eine MWh noch bei etwa 80  Euro – hat sich dann jedoch innerhalb von nur zwei Monaten um 265% erhöht.

Hintergrund dessen ist zum einen der Wirtschaftskrieg zwischen Russland und der Europäischen Union. Dabei versucht die EU, der russischen Wirtschaft mit massiven Wirtschaftssanktionen zu schaden – diese setzt wiederum ihre Kontrolle über Erdgaslieferungen als Waffe ein. Erst kürzlich hatte der russische Energiekonzern Gazprom wieder eine außerordentliche Wartungsarbeit von drei Tagen an der Pipeline Nord Stream 1 angekündigt. Möglich ist jedoch, dass diese auch länger dauern könnte.

Zudem sind aufgrund der massiven Hitze und Trockenheit französische Atomkraftwerke z.Zt. nicht in der Lage, soviel Strom wie sonst zu produzieren. Aus diesem Grund wird vermehrt Gas verbrannt, um Strom zu generieren – was wiederum den Gaspreis in die Höhe schnellen lässt.

Außerdem hat Freeport LNG aus Texas jüngst den Termin für die Wiederinbetriebnahme seines Erdgas-Exportterminals, das bei einer Explosion beschädigt wurde, auf Mitte November verschoben. Dies ist ein weiterer Rückschlag für die Europäische Union, vom russischen Gas loszukommen.

Endverbraucher:innen massiv betroffen

Der extreme Gaspreis schlägt sich bereits bei den Gaskund:innen nieder, die gerade einen neuen Vertrag abschließen müssen: Lag der Arbeitspreis beim günstigsten Anbieter im Vergleichsportal „Check24“ im Mai 2021 noch bei etwa 5 Cent, so muss man dort mittlerweile mindestens 35 Cent pro Kilowattstunde (KWh) bezahlen.

Bestandskunden können noch von längeren Preisbindungen profitieren, die auf den alten Gaspreisen basieren. Doch auch für sie werden die Rechnungen in den kommenden Monaten und Jahren massiv ansteigen, wenn die Preisbindung endet und die Konzerne die gestiegenen Preise weitergeben dürfen.

Zudem werden wir Endverbraucher die gestiegenen Gaspreise auch an anderer Stelle bemerken. So werden mit Gas nicht nur Privathaushalte beheizt, sondern mit ihm wird auch in der Industrie produziert oder Strom hergestellt.


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