Heute, am 11. August, wäre Sammy Baker 25 Jahre alt geworden. Vor zwei Jahren reiste er anlässlich seines Geburtstages mit Freunden nach Amsterdam, um dort gemeinsam mit ihnen zu feiern. Am 13. August wurde er dort von der Polizei erschossen. – Ein Kommentar von Elena Behnke.

Sammy Baker war ein Fitnesscoach und Influencer. Seine Familie beschreibt ihn als höflich und respektvoll. Als einen Sportler, dem seine Gesundheit extrem wichtig war, weshalb er selbst auch keine Drogen konsumierte. Sammy wuchs in Wetzlar auf und hatte afro-amerikanische Wurzeln, was der Tat zusätzlich einen rassistischen Hintergrund verleiht.

Die Familie des Influencers kämpft auch heute – zwei Jahre nach seinem Tod – noch für Gerechtigkeit, denn sein Mörder, ein Polizist, wurde nie bestraft. Die Mutter von Sammy kontaktierte Perspektive Online, um auf den Fall aufmerksam zu machen.

Vor zwei Jahren reiste er mit seinen Freunden nach Amsterdam, um dort gemeinsam mit ihnen seinen 23. Geburtstag zu feiern. Sie verbrachten den Abend zuvor in einem Coffeeshop, in dem Sammy zum ersten Mal in seinem Leben mit Cannabis in Kontakt kam. Es liegt die Vermutung nahe, dass Sammy den Wirkstoff nicht vertrug und infolge des Konsums eine cannabisinduzierte Psychose entwickelte.

Er zeigte paranoides Verhalten, distanzierte sich am Tag darauf von seinen Freunden und war schließlich nicht mehr erreichbar, weshalb seine Familie ihn bei der Amsterdamer Polizei als vermisst meldete. Sammys Mutter reiste außerdem sofort hinterher, um selbst nach ihrem Sohn zu suchen.

Gemeinsam mit seinen Freunden gelang dies schließlich auch. Sammy wirkte verzweifelt, rastlos und misstrauisch. Er ließ sich nicht dazu überreden, mit nach Hause zu kommen. Als sich zufällig Polizisten in der Nähe befanden, wurden diese hinzugezogen in der Hoffnung, dass sie die Mutter und die Freunde in dieser verzweifelten Situation unterstützen würden.

Wenn der „Freund und Helfer“ zum Mörder wird

Doch was dann geschah, reiht sich ein in eine Kontinuität von tödlicher Polizeigewalt, die so oft gerade denjenigen widerfährt, die am dringendsten auf ärztliche Hilfe angewiesen und den bewaffneten Behörden schutzlos ausgeliefert sind. Denn es war offensichtlich, dass Sammy verwirrt und orientierungslos war und panisch auf die Anwesenheit der Polizei reagierte.

Anstatt zu deeskalieren, wurde er von einem massiven Polizeiaufgebot umzingelt. Zu diesem Zeitpunkt bestand keinerlei Gefahr für andere Personen – entgegen der Argumentation der Polizei, die sich im Nachhinein die altbewährte Notwehr-Lüge zurechtlegte. Im Gegenteil, Sammy stellte ausschließlich eine Gefahr für sich selbst dar, indem er ein Messer gegen sich richtete.

Mehrmals bat er um Hilfe und fragte nach einem Arzt. Das wurde von den Polizisten abgelehnt. Mehrfach wurde durch die Einsatzleiterin deutlich gemacht, Sammy sei wie ein Patient zu behandeln, aber das Psycho-Ambulanzteam, das extra hierfür ausgebildet ist, wurde von der Polizei wieder weggeschickt.

Mehrmals waren es die Mutter, sowie einer der Freunde, die der Polizei ihrerseits Hilfe anboten, um beruhigend auf Sammy einzuwirken, denn die Polizei war offensichtlich nicht in der Lage und nicht willens dazu. Stattdessen wurde die aggressive Stimmung immer weiter hochgeschraubt, bis sie Sammy schließlich von hinten übermannten und auf dem Boden fixierten.

Dass Sammy sich wehrte, ist die natürliche Reaktion eines Menschen, der gewaltsam festgehalten wird. Keiner der Beamten wurde verletzt und dennoch wurde geschossen. Dreimal. Nicht etwa in die Extremitäten, sondern es waren tödliche Schüsse in den Brustkorb und in den Bauch.

Nach diesen Schilderungen, für die es etliche Zeug:innen gibt, sollte man meinen, dass das offensichtlich falsche Vorgehen der Behörden sowie die tödlichen Schüsse gründlich aufgearbeitet würden und die Täter dafür bestraft werden. Aber wie das nun mal ist, wenn Polizist:innen morden, ist es dazu nicht gekommen.

Es gab keine Zeugenbefragungen der Anwohner:innen, die den Tatvorgang beobachtet hatten, und die Bodycam, die hätte ausgewertet werden können, war passenderweise „defekt“. Die Staatsanwältin Anne-Marie Ruijs-Verweij veranlasste keine Anklage und legte den Fall ad acta, da sie der Argumentation der Polizei, in Notwehr gehandelt zu haben, folgte. Der Todesschütze bleibt also bis heute ungestraft. Und Sammy ist kein Einzelfall.

Gerade die jüngsten Ereignisse in Dortmund, bei denen der 16-jährige Mohammed D. von der Polizei erschossen wurde, zeigen bedrückende Parallelen auf. Denn wie Mohammed D. befand sich auch Sammy in einem psychischen Ausnahmezustand. Bei beiden wurde die Polizei hinzugerufen, um zu helfen. Für beide bedeutete das den Tod.

Dortmund: Hunderte gehen nach Polizeimord an 16-Jährigem auf die Straße

An Perspektive Online schreibt die Mutter von Sammy: „Polizei – dein Freund und Helfer?! Für mich sind sie das spätestens seit dem 13.08.2020 nicht mehr, als mein Sohn [Sammy] erschossen und getötet wurde. (…) Unter dem Deckmantel der Rechtsstaatlichkeit wird munter gemordet!“

Am 13. August – Sammys zweitem Todestag – findet am Brockhausbrunnen vor Karstadt auf der Zeil in Frankfurt am Main von 11:00 bis 17:00 Uhr eine Mahnwache in Gedenken an ihn statt.

Der Kampf um Gerechtigkeit ist also nicht vorbei. Und auch wenn die Justiz im Zweifel immer auf der Seite der Staatsorgane steht und nicht auf unserer Seite, so darf er hier nicht enden. Wir können auf den Staat nicht vertrauen und müssen es deshalb selbst in die Hand nehmen, all diese Taten als das zu bezeichnen, was sie sind: staatliche Morde.