Wieder kein leichter Start in das neue Ausbildungsjahr: Während zuvor vor allem die Corona-Pandemie für viele Probleme der Auszubildenden im Betrieb wie in der Berufsschule sorgte, sind es in diesem Jahr die enormen Teuerungen. Aber wir Jugendlichen wissen, in was für einer Welt wir leben wollen, und auch in diesen Zeiten werden wir dafür kämpfen. – Ein Kommentar von Ivan Barker

Auszubildende besonders von Teuerungen betroffen

Die niedrigen Löhne in der Ausbildung sorgen aktuell für besonders starke Einschnitte im Alltag. Wer keine Unterstützung durch seine Eltern erhält, muss sich meist auf das Nötigste begrenzen, um über die Runden zu kommen – und Auszubildende, die noch bei ihren Eltern leben, haben immer seltener die Chance auf eine eigene Wohnung.

Auch der Kuschelkurs der Gewerkschaften mit den Kapitalist:innen hat in den letzten Tarifrunden dafür gesorgt, dass die sogenannte Ausbildungsvergütung weiterhin kaum für ein selbstständiges Leben ausreicht. Die gesetzliche Mindestgrenze liegt aktuell bei 585 Euro im ersten Ausbildungsjahr, wobei Tarifvorrang herrscht, sie theoretisch also sogar noch unterschritten werden könnte. Aktuell erhalten zum Beispiel Friseur:innen und Floristiker:innen in Ostdeutschland genau so viel. Niedrigere Löhne in der Ausbildung als im Westen gibt es bis heute dennoch in vielen Branchen im Osten.

Im Interesse der Unternehmen sind diese Zustände allemal. Als noch formbare und besonders billige Arbeiter:innen sind Auszubildende häufig Bedingungen ausgesetzt, die sich bei älteren Kolleg:innen nicht so leicht durchsetzen ließen. Wegen des oft beklagten Fachkräftemangels werden Auszubildende zusätzlich von vielen Konzernen vor allem als dringend benötigter Nachwuchs gesucht. Für das System, das auf der Ausbeutung unserer Arbeitskraft beruht, muss es ständig Nachschub geben.

Der Kapitalismus braucht die Jugend – wir brauchen den Kapitalismus nicht

Deswegen sind die Klagen auch besonders laut, dass im letzten Jahr vier von zehn Betrieben nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnten. Bürgerliche Studien sehen den Grund dafür in der sinkenden Zahl der Jugendlichen insgesamt und dem beständigen Trend zum Studium. Gleichzeitig gibt es auch viele Jugendliche, die trotz der unbesetzten Stellen keinen geeigneten Ausbildungsplatz finden. Zum Beispiel, weil sie eben aufgrund des mangelnden Geldes nicht an den Ausbildungsort umziehen können, oder weil sie als „ungeeignet“ eingestuft werden. Zwar ist für Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss eine Ausbildung die einzige mögliche Bildungsoption, trotzdem sinken mit niedrigeren Schulabschlüssen die Chancen. Ebenso ergeht es migrantischen Jugendlichen. Außerdem ist auch das Selbstbewusstsein gestiegen, und die Jugendlichen lassen sich nicht mehr alles Mögliche gefallen. Betriebe, von denen schlechte Arbeitsbedingungen, lange oder nicht verlässliche Arbeitszeiten und niedrige Löhne bekannt sind, erhalten häufig gar keine Bewerbungen mehr.

Für die Kapitalseite liegt das Problem selbstverständlich ausschließlich bei den jungen Leuten: Laut der „Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“ läge das Hauptproblem darin, dass sie sich oft nicht auf die freien Stellen bewerben würden, sondern unbedingt in ihrem Wunschberuf arbeiten wollten. Die Jugend soll also gefälligst den Interessen des Kapitals dienen und sich dort, wo sie gebraucht wird, am besten bis ins Alter von 72 Jahren in 42-Stunden-Wochen ausbeuten lassen. Wem das nicht schmeckt, der kann sich dann noch gern für die BRD im imperialistischen Krieg verheizen lassen.

Dabei ist die einzige Sache, für die wir als klassenbewusste Jugend kämpfen sollten, der Klassenkrieg gegen das Kapital. Ja, wir wollen ein selbstständiges Leben führen, Erfüllung statt Entfremdung durch unsere Arbeit erleben und nicht voller Angst an die Zukunft denken. Diese Perspektive verwehrt uns aber der Kapitalismus. So lange er existiert, werden uns Preisexplosionen und Kriege begleiten. Ist unsere einzige Aussicht ein Leben in Lohnarbeit, werden sich unsere Vorstellungen einer besseren Welt nicht erfüllen und schlussendlich aus unseren Köpfen verschwinden. So ging es unseren älteren Kolleg:innen vor uns und so wird es nach uns die nachfolgende Generation treffen. Unsere einzige Möglichkeit, diesem Teufelskreis ein Ende zu bereiten, ist der gemeinsame Klassenkampf über alle Spaltungslinien hinweg – als Auszubildende, junge und alte Arbeiter:innen, Arbeitslose und Rentner:innen.


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