Schon vor dem Kriegsbeginn hatte die russische Regierung den Kampf gegen die “Ideologie der Kinderlosigkeit” auf der Agenda. Russische feministische Gruppen warnen nun davor, dass selbstbestimmte Familienplanung noch weiter eingeschränkt werden soll.

Der russischen Staatsduma soll ein Gesetzesentwurf vorliegen, der Medien kriminalisieren will, die Kinderlosigkeit in einem positiven Licht darstellen. Die “fremde ‘kinderlose’ Ideologie” sei unter jungen Menschen in Russland sehr populär. Die Geburtenrate und Bevölkerungszahl seien in Gefahr. Ähnlich wie die LGBTI+-feindlichen Verordnungen soll dieses Dekret als Ergänzung zu den “Gesetzen zum Schutz der Kinder” verabschiedet werden.

Der Entwurf stammt aus der Republik Baschkortostan, der bevölkerungsreichsten Republik Russlands. Zu den Autorinnen zählt auch Utyasheva Rimma Amirovna, eine Abgeordnete und Gynäkologin, die sich in der Vergangenheit offen für den Krieg in der Ukraine aussprach.

Außerdem soll der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen weiter erschwert werden. Die russische Gruppe “Feminist against war” berichtet davon, dass alle sozialen Indikationen, die bei der gesetzlichen Krankenversicherung angeführt werden können, nicht mehr gelten sollen. Dazu zählen auch Vergewaltigung und Inhaftierung. “Mit dem Ausbruch des Krieges verstärkte sich der Wunsch der Regierung, Abtreibungen zu verbieten.”, erklären die Feministinnen.

Wirtschaftliche Not als weitere Bedrohung

“Jeder Krieg macht die Menschen ärmer und die Frauen doppelt ärmer: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in Russland betrugen vor dem Krieg zwischen 5% und 70%; es ist schwer vorstellbar, wie viel größer der Unterschied jetzt sein wird. Da Frauen weitaus seltener hohe Positionen bekleiden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie entlassen werden, statistisch gesehen höher.

Das zunehmende Ausmaß an Gewalt zusammen mit der Verarmung ist eine Mischung, die die reproduktiven Möglichkeiten der Frauen vereinnahmt. Mit diesem Gesetz gibt der Staat zu, dass er die Körper der Frauen kolonisieren und sie gleichgültig ausbeuten will, um neue Soldaten zu schaffen.”, schreibt die Gruppe.

Bereits seit März hätten Kliniken Schwierigkeiten, den Bedarf an oralen Verhütungsmitteln und Tabletten für medikamentöse Abbrüche zu decken.

Krieg bedroht reproduktive Selbstbestimmung

Dass ungewollt Schwangere schlechte oder keine Zugänge zu medizinischer Versorgung haben, ist eine von vielen humanitären Krisen in Kriegen. In der Ukraine selbst ist der Abbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche legal und wird unter bestimmten Bedingungen bis zu 28. Woche durchgeführt. Nicht jedoch im Nachbarland Polen, in das viele Ukrainer:innen flüchten mussten.


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