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Donnerstag, Juli 25, 2024
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    Ein Jahr nach dem Tod von Georgios Zantiotis in Polizeigewahrsam kämpft seine Familie immer noch für Gerechtigkeit

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    Am 01.11.2021 starb Georgios Zantiotis unter bis heute ungeklärten Umständen in einer Zelle im Wuppertaler Landgericht. Der 24-Jjährige war zuvor gewaltsam festgenommen worden. Fast ein Jahr nach seinem Tod fand am Dienstag in Wuppertal eine Informationsveranstaltung statt, bei der Georgios Familie über ihren bis heute währenden Kampf für Gerechtigkeit und Aufklärung berichtete. Für kommenden Dienstag ist eine Demonstration angekündigt.

    In der Nacht des 01. November 2021 wurde der 24-jährige Georgios Zantiotis von der Wuppertaler Polizei verhaftet. Ein Taxifahrer hatte zuvor die Polizei verständigt – bis heute ist nicht genau klar, warum. Laut Aussage der Beamt:innen hat sich der junge Mann mit seiner Schwester gestritten. Seine Schwester bestreitet dies jedoch. Kurz nach seiner Verhaftung starb Georgios bei der Blutabnahme in einer Zelle im Wuppertaler Landgericht.

    Die Wuppertaler Polizei verschwieg seinen Tod zunächst. Erst sechs Tage später, als der Fall bereits von griechischen Medien aufgegriffen worden war und ein Video, das seine Schwester von Georgios gewaltsamer Verhaftung gemacht hatte, in den sozialen Medien zirkulierte, bestätigte die Polizei Wuppertal auf Anfrage von Perspektive seinen Tod.

    Polizei Wuppertal bestätigt “Todesfall in Polizeigewahrsam”

    Bis heute ist unklar, warum Georgios sterben musste. Die Behauptung der Polizei, dass er an einer Überdosis Alkohol und Drogen starb, konnte durch eine unabhängige Obduktion jedoch zweifelsfrei widerlegt werden.

    Fast ein Jahr nach seinem Tod fand jetzt in Wuppertal eine Informationsveranstaltung statt, bei der Georgios Familie zusammen mit ihrem Rechtsanwalt und weiteren Unterstützer:innen über ihren Kampf um Gerechtigkeit und Aufklärung berichtete.

    “Seit seinem Tod ist das Haus so leer”

    Zu Beginn der Veranstaltung erzählte Georgios Schwester kurz von ihrem Bruder. Er sei ein fröhlicher, freundlicher und lustiger Mensch gewesen. Sein Tod hätte die ganze Familie schwer getroffen und tiefen Schmerz und Trauer verursacht. So erzählte: “Georgios hat das Haus mit Lachen gefüllt. Seit seinem Tod ist das Haus so leer”.

    Im Anschluss berichtete der Rechtsanwalt der Familie über den Kampf der Familie um Aufklärung. Bereits der Tatvorwurf “Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte” gegen Georgios sei das typische Vorgehen der Polizei in Fällen von Polizeigewalt. Damit versuche die Polizei, das Opfer als Täter darzustellen, um seine Aussagen oder die der Angehörigen so weniger glaubwürdig erscheinen zu lassen.

    Tod im Polizeigewahrsam

    Auch sei Georgios Todesursache lange unbekannt geblieben. Erst das Ergebnis einer Unabhängigen Obduktion konnte die Todesursache überhaupt feststellen: dem Gerichtsmediziner zufolge handelte es sich bei Georgios Tod um einen “klassischen Fall von Tod im Polizeigewahrsam” durch “Herzversagen”.

    Mit einem klassischen Tod im Polizeigewahrsam ist eine Art von stressbedingtem Herzversagen gemeint. Die extreme Belastung bei einer Festnahme kann im Zusammenspiel mit einem gewaltsamen Vorgehen der Polizei – beispielsweise die verhaftete Person auf den Bauch zu legen, ihr das Knie in den Rücken zu drücken oder die Hände auf den Rücken zu fesseln – sowie weiteren Risikofaktoren wie z.B. Übergewicht zu einem Herzversagen führen. Das Video von Georgios Verhaftung zeigt, wie er auf dem Bauch liegt und mehrere Beamte auf seinem Rücken knien. Auch bei der Blutabnahme im Wuppertaler Landgericht sei die Polizei erneut gewaltsam vorgegangen.

    Laut Rechtsanwalt sei das Vorgehen der Polizei bei der Verhaftung sowie bei der – juristisch wie medizinisch – unnötigen Blutabnahme verantwortlich für Georgios Tod. Da das Erkennen von Warnzeichen und Risikofaktoren für einen Tod durch Herzversagen Teil der Polizeiausbildung sind, müsse es den Beamt:innen bewusst gewesen sein, dass ihr Verhalten das Leben und die Gesundheit des jungen Mannes bedrohe.

    Aufgrund der von der Familie und ihren Unterstützer:innen zusammengetragenen Ergebnisse konnte eine Klage gegen die Wuppertaler Polizei eingereicht werden. Die Beweislast lag dabei – wie so oft in solchen Fällen – bei den Opfern. Angehörige, die Gerechtigkeit in Fällen von Polizeigewalt fordern, müssen Beweise meist jahrelang mühselig und eigenständig zusammentragen und unabhängige Obduktionen selbst bezahlen.

    Ein Unterstützer der Familie von der “KARAWANE für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen” meinte zur Beweisführung: “Wir müssen im Grunde die Arbeit der Polizei erledigen.” Gerade die Kosten einer Obduktion behinderten oft die Aufklärung der Fälle, da sie sich die meisten Arbeiter:innen einfach nicht leisten könnten.

    Trotz all dieser Ergebnisse sieht der Rechtsanwalt der Familie die Erfolgsaussichten als gering an. Die Gerichte stehen in den meisten Fällen hinter der Polizei. Klagen gegen Polizist:innen würden oft aufgrund von Formalitäten abgelehnt. Zu einem Prozess kommt es nur in den seltensten Fällen, zu einer Verurteilung so gut wie nie. Umso wichtiger sei es, auch außerhalb des Gerichtssaals politischen Druck zu machen.

    “Gerechtigkeit für Georgios auch außerhalb des Gerichtssaals erkämpfen”

    Am Ende der Veranstaltung gab es Raum für eine Diskussion der anwesenden Unterstützer:innen, die teilweise auch aus anderen Städten angereist waren. Besprochen wurde die Notwendigkeit einer Massenbewegung gegen Polizeigewalt sowie der bundesweiten Vernetzung von Opfern und Angehörigen. Ebenso müsse darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei Polizeigewalt eben nicht um viele “Einzelfälle” handele, sondern um ein Problem, das nicht nur die gesamte Polizei, sondern auch Staat und Justiz umfasse.

    Die Angehörigen von Georgios und ihre Unterstützer:innen rufen deshalb für den kommenden Dienstag (1.11.) zu einer Gedenk-Demonstration am Wupperfelder Markt auf, bei der sie ihre Forderungen nach Aufklärung, Gerechtigkeit und einem Ende von Polizeigewalt auf die Straße bringen wollen. Seine Schwester sagt dazu: “Georgios Tod war nicht umsonst, wenn er verhindern kann, dass andere das gleiche erleiden müssen”. Dafür würden Familie und Unterstützer:innen weiter kämpfen.

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