Derzeit kämpfen die Palästinenser:innen im besetzten Westjordanland so vehement wie seit Jahren nicht mehr. Ihre Wut gilt den zionistischen Siedler:innen, den Besatzungstruppen Israels und den Schergen der palästinensichen Pseudo-Autonomiebehörde. Ob und wie der an Stärke gewinnende Widerstand tatsächlich zu politischen Erfolgen führen wird, ist noch offen. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

Der Widerstand gegen den andauernden Siedlerkolonialismus, die fortwährende Vertreibung und die tägliche tödliche Gewalt ist ungebrochen. In den letzten Monaten erlangten vor allem die bewaffneten jungen Kämpfer der “Höhle der Löwen” (Arabisch: ʿarīn al-ʾusūd, Englisch: Lion´s Den) mit militanten Aktionen gegen die zionistische Besatzung große Bekanntheit.

Die Gruppe aus der Stadt Nablus ist durch ihre Militanz und Stärke ins Visier der zionistischen Behörden und der korrupten bürgerlichen palästinensischen Führung geraten – diese wollen die “Höhle der Löwen” möglichst schnell liquidieren.

Aber schon jetzt ist klar, dass die “Höhle der Löwen” nicht einfach verschwinden wird. Der Widerstand formiert sich überall im Westjordanland neu und wird von so vielen Palästinenser:innen unterstützt wie seit der zweiten Intifada nicht mehr.

Eine neue Generation geht voran

In den Städten und Flüchtlingslagern des Westjordanlands und in Jerusalem schreiben die Jugendlichen gerade die Geschichte des palästinensischen Widerstands fort. Diese Generation, die momentan den Kampf gegen die zionistische Besatzung und die korrupte palästinensische Elite anführt, ist nach der Zweiten Intifada groß geworden.

Das bedeutet ein Leben in den, durch die israelischen Panzer und Bulldozer, zu Staub zerschlagenen Camps, es bedeutet, eingesperrt zu sein hinter der Apartheidsmauer, eingeschränkt zu sein durch die Checkpoints, es heißt ein Leben mit Schikane durch Armee und Siedler:innen.

In Jenin, Nablus, Hebron, natürlich Jerusalem und vielen anderen Ortschaften in der Westbank gibt es täglich Angriffe durch das Militär und die Siedler:innen. Ganze Straßenzüge, Camps oder Stadtteile werden von den Israelis unter Blockade gestellt. Allein dieses Jahr wurden im Westjordanland schon über 100 Palästinenser:innen durch die Israelis ermordet.

Doch der Widerstand lebt! Und er lebt gerade im Westjordanland und an den Orten der heftigsten Kämpfe der Zweiten Intifada. Er wird gerade dort weiter geführt, wo die israelische Besatzung gehofft hatte, den Widerstand für immer zu unterdrücken. Auf den Straßen kämpfen Jugendliche gegen die hoch gerüstete zionistische Armee – mit bloßen Händen, Steinen und auch mit Schusswaffen. Und in den Militärgefängnissen der Besatzungsmacht protestieren die Gefangenen mit Hungerstreiks.

Die momentan kämpfenden Jugendlichen sind sich ihrer historischen Rolle bewusst: “Meine Operation am Checkpoint Sho’ fat war ein Tropfen im tosenden Meer des Kampfes” sagte Odai al Tamimi. Der 19-Jährige wollte weitere Jugendliche zum Kampf mobilisieren und neue Kämpfer:innen vom Widerstand überzeugen. An einem Checkpoint erschoss er einen Soldaten der israelischen Besatzungsarmee. Er wurde kurz darauf getötet.

Gemeinsamer Widerstand über Organisationsgrenzen hinweg

Eine Besonderheit, die bei der “Höhle der Löwen” und anderen kämpfenden Gruppen momentan beobachtbar ist, ist das zumindest in der Aktion eine Einheit über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg entsteht. So ist zum Beispiel bekannt, dass mittlerweile Kräfte aus dem gesamten Spektrum des palästinensischen Befreiungskampfs miteinander agieren – von islamistischen und konservativ-nationalen Kräften über zentralistische, sozialdemokratische bis hin zu sozialistischen Kräften.

Der bewaffnete Kampf in der Westbank wird auch vom unter Blockade stehenden Gaza aus unterstützt. Denn schon mit der “Intifada der Einheit” im Mai 2021 – einem Manifest für eine Vereinheitlichung des Kampfes –  wuchs die Verbindung zwischen palästinensischen Jugendlichen über regionale Grenzen hinweg.

Zwar lässt der gemeinsame Kampf  über ideologische und politische Grenzen hinweg viele Fragen offen, die für die Befreiung Palästinas dringend geklärt werden müssen; es scheint aber zugleich so zu sein, dass gerade diese Einheit in der Aktion zu einem großen Rückhalt in der Bevölkerung führt. Sie stellt einen Fortschritt da gegenüber immer wieder in der palästinensischen Geschichte eskalierten Konflikten, insbesondere die Erinnerung an den palästinensischen Bürgerkrieg, der hauptsächlich zwischen Hamas und Fatah geführt wurde, ist in der Erinnerung vieler Palästinenser:innen noch lebendig.

Und der revolutionäre Funke springt auf immer größere Teile der Bevölkerung über: so riefen anlässlich der Ermordung von Odai al-Tamimi am vergangenen Donnerstag zahlreiche Gruppen zu einem eintägigen Generalstreik im ganzen Westjordanland und Jerusalem auf, dem sich Geschäfte, Universitäten, der öffentliche Nahverkehr und andere Einrichtungen anschlossen.

Offene Frage: Wohin führt der Widerstand?

Weil sich die Wut im Westjordanland nicht zuletzt gegen die seit den 1990er Jahren amtierende Führungsriege und die Pseudo-Autonomiebehörde richtet, hoffen viele Palästinenser:innen derzeit auch darauf, diesen verlängerten Arm der zionistischen Besatzung endlich stürzen zu können. Und tatsächlich fanden bereits erste bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Widerstandskämpfer:innen und Kräften der Autonomiebehörde statt. In der breiten Bevölkerung hat die Behörde ohnehin nur noch wenig Rückhalt, schaltet und waltet sie doch seit Jahren nur noch für den israelischen Staat anstatt für die Palästinenser:innen selbst.

Doch was würde passieren, wenn die Palästinensische Autonomiebhörde tatsächlich gestürzt wird? Es ist sehr wahrscheinlich, dass es dann zu weitaus mehr Kämpfen zwischen zionistischen Kräften und dem palästinensischen Widerstand kommt. Die zionistische Armee hat bereits gezeigt, dass sie nicht davor zurückschreckt, im Westjordanland die gleichen Maßnahmen wie in Gaza anzuwenden und ganze Städte zu blockieren, um Ordnung und Ruhe zu schaffen.

In Palästina kämpft heute vor allem die Jugend vereint gegen die Besatzung. Sie lässt sich nicht spalten. Viele Fragen bleiben aber von dieser neuen Generation weiter unbeantwortet: Wie kann der Widerstand großflächig organisiert werden? Wie soll das neue Palästina aussehen? Wie können sie es schaffen, sich mit den israelischen Arbeiter:innen zusammenzutun?

Doch trotz aller Ungewissheit zeigen uns der Mut und die revolutionäre Hingabe der jungen Kämpfer:innen deutlich: Widerstand gegen Unterdrückung ist möglich, auch in der schwersten Lage.


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Mohannad Lamees, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt mittlerweile in Berlin-Neukölln, schreibt seit Sommer 2022 für Perspektive Online, kritisiert oft die bürgerliche Doppelmoral und berichtet regelmäßig über Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus in Deutschland und auf der ganzen Welt. Hobbys: Fußball und Arbeiter:innenlieder