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Mittwoch, Mai 22, 2024
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    Das Feindbild “Fußballfan”

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    Polizeigewalt kann im Leben eines Fußballfans genauso zum Alltag gehören wie Bratwurst und Bier. Besorgniserregende Vorfälle der letzten Monate machen dabei klar, warum es eine widerstandsfähige und solidarische Atmosphäre innerhalb sowie außerhalb der Fangemeinden braucht. – Ein Kommentar von Konstantin Jung

    Beinahe täglich findet in Deutschland ein Fußballspiel auf professioneller Ebene statt, bei den meisten ist dabei mit einem Polizeiaufgebot im dreistelligen Bereich zu rechnen. Allein in Nordrhein-Westfalen werden in der Spielsaison pro Woche etwa 150 Bundespolizist:innen zusätzlich zum Regeldienst eingesetzt. Und wo viel Polizei ist, findet auch viel Repression statt.

    Der Dachverband der Fanhilfen, der eine Art Anlaufstelle für Fußballfans und deren rechtlichen Belange darstellt, beklagte sich erst kürzlich über permanente und unverhältnismäßige Polizeiansätze. In der entsprechenden Mitteilung heißt es dazu: „Nach zwei Jahren Pandemie blüht die Fankultur in den Fußballstadien wieder vollends auf. Viel zu oft erleben Fans jedoch willkürliche und unverhältnismäßige Polizeimaßnahmen gegen sich. […] Wasserwerfer, Ganzkörperkontrollen und sogar Drohnenüberwachung gehören mittlerweile zum Standard-Repertoire der Polizei – selbst bei Fußballspielen in der 3. Liga.“

    Auf der Suche nach namhaften Beispielen muss man nicht allzu weit in die Vergangenheit blicken: Vergangenen Samstag beklagte das Landgericht Leipzig rechtswidriges Handeln der Polizei im Falle zweier Fußballfans. Hintergrund des Beschlusses ist eine präventive Maßnahme am Tag eines Derbys zwischen den Regionalligavereinen 1. FC Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig.

    Trotz unauffälligen Verhaltens wurde zwei Personen DNA entnommen. Das entnommene Profil ist auch weit nach dem Verfahren abrufbar und kann bei Straftaten abgeglichen werden. Probleme im privaten Umfeld oder in der Arbeitsstätte der Betroffenen können dadurch vermehrt auftreten.

    Noch schockierender ist ein Fall aus München: im November diesen Jahres führte ein Banner mit kurdischer Flagge zu einem Einsatz mit massiver Gewalt seitens der Polizei mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Türkische Fans des Gastgebervereins Türkgücü München sahen sich durch eine Zaunfahne mit der Aufschrift „FC Bayern Fanklub Kurdistan“ provoziert, woraufhin die Polizei gerufen wurde und in Folge dessen 19 Personen verletzt und die Partie beendet wurde.

    Nach dem Höhepunkt der Pandemie: Fußballfans wieder im Fokus der Polizei

    Fälle wie diese zeigen, dass die Polizei auch in zunächst recht banal erscheinenden Orten wie der Regionalliga für die Interessen des deutschen Imperialismus knüppelt. Beinahe wirkt es, als ob Polizist:innen durch die gezielte Eskalation von Situationen auf der Tribüne versuchen, eine Art „Daseinsberechtigung“ zu konstruieren und dafür auch mal härter als gewöhnlich draufhauen. Um für den Härtefall zu proben, eignet sich also optimal das Feindbild der Fußballfans, was dem Großteil der Öffentlichkeit nicht allzu stark auffallen dürfte.

    Doch genau deswegen darf keine Scheu gezeigt werden, Fußballstadien als das zu bezeichnen, was sie auch sind: höchstpolitische Orte. Starke Fanrechte zu fordern ist also unbedingt notwendig, vor allem dürfen diese aber nicht auf den Ausbau des Staates und seiner zahlreichen Unterdrückungsinstrumente hinauslaufen.

    Mehr Überwachungskameras und eine martialischere Ausstattung der Polizei führen nämlich nicht zu mehr Sicherheit, sondern sind ein weiterer Schritt in der pauschalen Kriminalisierung der Fans.

    Solidarität innerhalb der Fangemeinden ist dabei ein effektives Mittel für den Widerstand und sollte auch außerhalb des Stadions gelebt werden. Denn ohne den Kampf für Freiheitsrechte auf der Straße gibt es diese auch nicht im Fußball.

    • Seit 2022 politisch aktiv in Sachsen. Schreibt am liebsten über Antifa und Kultur im Kapitalismus. "Es gibt kein anderes Mittel, den Schwankenden zu helfen, als daß man aufhört, selbst zu schwanken."

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