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Donnerstag, November 30, 2023
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    “Man erkennt sehr schnell, dass an allen Ecken und Enden gespart wird.” – Ein Interview über die Arbeitsbedingungen bei Flink

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    Was macht ihr konkret im Unternehmen?

    Letztendlich liefern wir Dinge aus, die man auch so im Supermarkt kaufen kann. Einer unserer größten Lieferanten ist REWE, daneben gibt es noch Kooperationen mit Back-Konzernen usw. Wie üblich in dieser Branche soll alles sehr schnell gehen, wir geben an, mit den Fahrrädern in 15 Minuten überall zu sein. Diese Zahl schießt auch gerne auf 60 Minuten hoch, wenn wir nicht genügend Lieferant:innen haben und unterbesetzt sind.

    Soweit ich das beurteilen kann, schreibt Flink noch tiefrote Zahlen. Manchmal kommen in einer Stunde 4 Bestellungen, während 8 von uns am Standort sind und warten. Hinter dem hippen Start-Up stehen allerdings milliardenschwere Investoren, die sich das leisten können. Dazu gehören Riesen wie der US-amerikanische Lieferkonzern DoorDash oder Carrefour, das zweitgrößte Einzelhandelsunternehmen Europas, und natürlich REWE. Die rechnen vermutlich damit, in nächster Zeit große Extragewinne einfahren zu können, wenn die anderen Lieferanten pleite machen müssen oder aufgekauft werden. Dabei kann diese Strategie natürlich auch nach hinten losgehen,und das spüren wir auch im Betrieb. So hat Flink in Österreich gerade dicht gemacht, weil kein neues Geld mehr nachkam und es nicht profitabel genug war. Diese Unsicherheit spiegelt sich natürlich auch im Bewusstsein der Arbeitenden im Betrieb.

    Wie sind die Arbeitsbedingungen?

    Man erkennt sehr schnell, dass an allen Ecken und Enden gespart wird. Die Bewerbungsgespräche laufen per Zoom ab. Ich war dort mit 50 anderen Bewerber:innen in einer Konferenz und musste mir die Präsentation der Firma anschauen. Die Präsentation wurde auf englisch gehalten, damit möglichst alle in dieser einen Sitzung abgefrühstückt werden können. Dann musste ich den Arbeitsvertrag online unterschreiben, also mehr oder weniger einfach durchklicken.

    Die Sicherheitseinweisung gibt’s größtenteils über Videos, die man sich in seiner Freizeit anschauen soll. Ansonsten ist man da auf solidarische Kolleg:innen angewiesen, die einem die Dinge erklären, etwa, wie man mit den Fahrrädern umgehen muss.
    Gerade hier zeigt sich auch wieder, wie alles der Jagd nach dem maximalen Profit untergeordnet wird und wir als Arbeitende darunter leiden. Unsere Fahrräder haben kein sicheres Reifenprofil für Fahrten bei Regen, Schnee oder Eis. Das ist auch allen bekannt, trotzdem tut sich da nichts. Hinzu kommt noch, dass wir keinerlei Protektoren haben, außer den Helm. Nach meiner Beobachtung ist es so, dass alle mal ausrutschen oder einen Unfall haben. Wer 5 Monate dabei ist und Lieferungen ausfährt, ist mindestens einmal schwer hingefallen und hat sich so stark verletzt, dass er/sie für längere Zeit ausgefallen ist.

    Eine Kollegin, die nach ihrer Beschwerde beim Management nicht mehr hier arbeitet, zeigte mir mal ihre Narbe am Knie und sagte: „hätten wir stinknormale Protektoren, würde ich jetzt nicht diese Narbe tragen“.
    Es gibt noch viele weitere Probleme bei Flink, aber auf die können wir gleich zu sprechen kommen.

    Alles klar. Wie ist denn das Betriebsklima bei euch?

    Es gibt große Unzufriedenheit, besonders mit der Kernfirma in Berlin und ihrem Stellvertreter in unserer Filiale. Bei vielen fehlt noch ein Teil des Lohns oder sogar der ganze, das Geld kommt mit Verzögerung, oder wenn es dann kommt, dann ist es oft zu niedrig berechnet worden. Da denkt man sich auch, dass das eine Masche ist, um uns um unsere Löhne zu bringen, etwa wenn wir unaufmerksam sind und die Abrechnung nicht prüfen oder wenn das Unternehmen doch irgendwann insolvent ist und die ausstehenden Löhne nicht mehr zahlt.

    Die Leitung in Berlin gibt sich natürlich sympathisch, modern, offen etc. Sie sind auch immer sehr bedacht darauf, dunkelhäutige Menschen auf ihre Anzeigen zu drucken. Natürlich ist das nur Augenwischerei. Das Unternehmen braucht Arbeiter:innen, die auf den Job angewiesen sind und auch nicht meckern, wenn sie nur den Mindestlohn kriegen. Die Lagerarbeit, also das Zusammenstellen der Lieferungen und auch das Ausliefern sind maßgeblich körperliche Arbeiten, für die man kaum Deutsch können muss. In der Betriebshierarchie kommen darüber die Schichtleiter, die auch kaum besser bezahlt werden, die aber im Alltag den Ton angeben.

    Wie ist das Verhältnis zwischen Management und Arbeiter:innen?

    Als einfache Arbeiter:innen haben wir keinen Kontakt nach Berlin, also zur Firmenzentrale. Es gibt hier so was wie einen Manager, der die Anweisungen von dort durchsetzt und unter ihm noch ein paar Schichtleiter, die uns direkt übergeordnet sind.
    In meiner Stadt haben wir zum Beispiel einen, der mehr oder weniger ein offener Faschist ist. Mit den arabischen Kollegen spricht er oft in rassistisch-herablassenden Ton, weil sie ja nichts verstehen würden. Ich habe auch schon oft gehört, wie er faschistische Lügen, die er von PI-news hat, verbreitet. Etwa dass Merkel den Abrüstungspakt unterschrieben hätte und deswegen international alle Deutschland auf der Nase herumtanzen würden. Er ist auch der, der die Lieferanten anschreit, wenn sie sich während der Schicht mal für ein paar Minuten hinsetzen möchten. Wir Lieferant:innen halten da natürlich zusammen. Wenn die Lieferungen alle pünktlich raus sollen, dann sollen gefälligst mehr Fahrer:innen angestellt werden.

    Es muss auch erwähnt werden, dass alle einfachen Arbeiter:innen komplett digital überwacht werden. Als Lieferant sieht man jederzeit meinen GPS Standort, meine Lieferzeiten, meine Zeiten für den Rückweg, meine Zeiten, die ich im Betrieb auf eine Bestellung warte etc. Das alles wird auf die Sekunde genau registriert. Wenn bei einer Lieferung die versprochene Lieferzeit überschritten wird, leuchtet dann der Name des/der Lieferant:in auf dem Bildschirm des Managements oder der Schichtleitung rot auf. Das gleiche gilt auch für die „Picker“, also die Leute, die im Lager arbeiten und die Lieferungen zusammenstellen. Hier wird gemessen, wie viele Sekunden sie pro Item gebraucht haben. Das sind alles alte Methoden, um die Arbeitsintensität hochzuschrauben und natürlich die Langsameren zu feuern, aber mit modernen Mitteln.

    Was sind aus Sicht der Arbeitenden Ziele, für die ihr kämpfen müsst?

    Bis hierhin konnte ich einen kleinen Einblick in die Lebensrealität vor Ort geben. Es gibt noch zahlreiche weitere Probleme und Konflikte: Man erfährt erst am Mittwoch oder Donnerstag die Schichten von nächster Woche. Die Bezahlung ist grotesk niedrig für die Arbeit und das Risiko auf der Straße – und, und, und.

    Ziele für die es sich zu kämpfen lohnen würde, sind:
    • Offensichtlich ein wesentlich höherer Lohn, denn die 12€/Stunde sind zu wenig. Die Picker kriegen 12,50€, also quasi genauso wenig.
    • Dazu brauchen wir Protektoren zumindest für Knie, Ellenbogen und Rücken. Selbstverständlich muss auch eine komplette Arbeitsausrüstung gestellt werden, denn vieles müssen wir uns gerade selber anschaffen, etwa Schutzbrillen. Dringend brauchen wir auf Regen etc. angepasste Fahrradreifen.
    • Die Urlaubstage sind das absolute gesetzliche Minimum, gerade bei der anstrengenden körperlichen Arbeit braucht man mehr Urlaub.
    • Wir brauchen Arbeitsverträge, die unbefristet sind und eine kürzere Probezeit als die jetzigen 6 Monate haben.

    Das wären schon mal 4 wichtige Punkte. Klar ist, dass hier die Kuriere auf den Fahrrädern nur zusammen mit den Arbeitenden im Lager diese Ziele erreichen können. Ich bin sehr optimistisch, dass sich in Zukunft hier einiges tun wird.

    In einer Stellungnahme gegenüber Perspektive hat das Unternehmen die Vorwürfe abgestritten. So heißt es darin unter anderem: „Die von Ihnen geschilderten Einzelfälle können wir nicht bestätigen, möchten diese jedoch gerne weiter prüfen, sofern uns weitere Infos zum Standort und der Mitarbeiter vorliegen. Wir können Einzelfälle jedoch nicht ausschließen, weisen jedoch den Vorwurf einer systematischen Handhabung eindeutig von uns.“

    So sei etwa eine Helmpflicht vertraglich geregelt, und das “Führungspersonal vor Ort” sei dafür zuständig diese umzusetzen. Fehlende Lohnzahlungen könne man ebenso “nicht bestätigen”. Den Eindruck, Flink würde “seine Mitarbeiter systematisch digital überwachen”, weise man von sich. Bei Flink werde “uneingeschränkt mit DSGVO-konformen Tools und Anbietern” zusammengearbeitet. Auch eine “rechtsradikale oder sonstige menschenverachtende Gesinnung” lasse sich nicht mit den “Werten von Flink” verbinden.

    *Name geändert. Echter Name ist der Redaktion bekannt.

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