Der Fernseh-Sketch “Dinner for one” gehört für Millionen Deutsche fest zur Silvester-Tradition. Jedes Jahr schauen wir aufs Neue der 90-Jährigen Miss Sophie und ihrem Butler James beim Geburtstagsdinner zu. Was sagt das eigentlich über uns aus? Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

Heute wird in der ARD und in vielen Dritten Fernsehprogrammen wieder der knapp 20-minütige Sketch “Dinner for One” zu sehen sein. Millionen von Zuschauer:innen werden, so wie die vergangenen Jahre, einschalten. Auch bei den jüngeren Generationen kommt der Dauerbrenner gut an und wurde zum Beispiel letztes Jahr vom Fernsehduo Joko & Klaas neu aufgelegt.

Zwar wird der bekannte Original-Sketch von britischen Schauspieler:innen gespielt, enthält zahlreiche Anspielungen auf die britische Kolonialgeschichte und britische populäre Kultur und wird sogar traditionell in englischer Orginalsprache ausgestrahlt. Doch Kult ist “Dinner for One” nicht in Großbritannien, sondern vor allem in Deutschland. Warum ist das so?

Ordnung muss sein

Die Handlung von “Dinner for One” ist recht einfach: Die gut betuchte Miss Sophie feiert ihren 90. Geburtstag und möchte die Feierlichkeiten genau so abhalten wie all die Jahre zuvor – es gibt ein festes Menü und zu jedem Gang Alkohol für die Gäste. Das einzige Problem: Die vier Männer, die Miss Sophie immer eingeladen hat, sind mittlerweile allesamt verstorben. Damit trotzdem alles wie von der alten Dame gewünscht ablaufen kann, übernimmt der Butler James abwechselnd die Rollen der vier imaginären Gäste Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom. Das Ergebnis: Wir schauen dem Butler dabei zu, wie er mit jeder Minute des Sketches bertrunkener wird. Das ganze Ritual der Geburtrstagsfeierei mit Menüplan und Trinksprüchen wird so zur Farce.

Der Sketch lebt hauptsächlich von Running Gags, also witzigen Momenten und Sprüchen, die immer wiederholt werden. Zum Beispiel stolpert der Butler mehrmals über den Kopf eines auf dem Boden liegenden Tigerfells. Der regelmäßig wiederholte Satz “The same procedure as every year” fasst das alles gut zusammen: Miss Sophie möchte jedes Jahr die ewig gleiche Prozedur.

In den deutschen Wohnzimmern findet dieses immer wieder wiederholte Ritual seine alljährliche Fortsetzung. Die Sendeanstalten und Zuschauer:innen ermöglichen es Mss Sophie und ihrem Butler Jahr für Jahr das Prozedere weiterzuführen. Nicht nur im Sketch gibt es nun also das Ritual, sondern längst auch vor dem Fernsehbildschirm. Während ähnliche Programme aus den 1960er Jahren schon seit Jahrzehnten abgesetzt und eingemottet wurden, haben die Zuschauer:innen eine Freude daran, der ordnungsliebenden Miss Sophie immer wieder zuzuschauen. Das typisch deutsche “Ordnung muss sein”-Prinzip macht auch vor den Fernsehgewohnheiten und dem Humor nicht halt.

Über dieses Festhalten an Regeln und Ordnung, aber auch über die deutsche Obrigkeitshörigkeit und Untertänigkeit wurde schon viel geschrieben. So wird dem Revolutionär Lenin die folgende Aussage zugeschrieben: “Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich vorher noch eine Bahnsteigkarte.” Eine Fernsehgewohheit an sich oder eine kulturelle Tradition im allgemeineren Sinn ist noch kein Grund, das Zitat Lenins komplett zu bestätigen. Doch die Gewohnheit, eine Fernsehsendung zu schauen, in der es um die Aufrechterhaltung des Gewohnten geht – das könnte durchaus ein Anzeichen dafür sein, dass Lenins Zitat auch heute einen wahren Kern hat.

Der Butler – Ist das noch komisch?

Vor allem das Pflichtbewusstsein des Butlers ist ein deutliches Indiz dafür, dass Obrigkeitshörigkeit und Untertänigkeit eine größere Rolle in dem Sketch spielen, als uns auf den ersten Blick vielleicht bewusst ist. Der Butler James scheint sein ganzes Schicksal und seinen ganzen Stolz an das Wohlergehen der Herrin zu binden – und das ist eigentlich eher traurig als witzig.

Zwar schafft der Schauspieler es, der Rolle des Butler selbst im vorgespielten volltrunkenen Zustand noch eine gewisse komische Würde zu verleihen. Doch es ist offensichtlich, dass der Butler am Ende torkelnd und lallend kaum noch die Treppe hinaufsteigen kann, während Miss Sophie all ihre Wünsche erfüllt bekommen hat.

In gewisser Art und Weise scheint uns “Dinner for One” erzählen zu wollen, dass alle etwas davon haben werden, sich miteinander zu arrangieren. Miss Sophie bekommt ihre Geburtrstagsshow und ihr glanzvolles Ritual nur dann wenn der Butler mitspielt und die Fassade aufrecht erhält. Und der Butler bekommt wahrscheinlich nur dann ein Gehalt und eine Anstellung, wenn er sich den Wünschen seiner Herrin beugt.

Wenn sich also jedes Jahr aufs Neue wir deutschen Zuschauer:innen diesen Sketch ansehen, versichern wir uns dann nicht auch immer wieder, dass dieses arrangierte Miteinander von Herrschenden und Beherrschten gut funktioniert? Vielleicht machen wir uns sogar ein wenig lustig über die antiquitierten und aristokraitischen Rollen der Miss Sophie und des Butlers James. Aber spielen nicht viele von uns auch jeden Tag ein ewiges Spiel mit, wenn wir die Forderungen und Anweisungen unserer Chefs und Politiker:innen akzeptieren und befolgen, obwohl wir genau wissen, dass es am Ende nur um die Aufrechterhaltung von etablierten Verhältnissen geht? Vielleicht bleibt ja dieses Jahr Silvester rund um das Ansehen des Sketches ein wenig Zeit, darüber nachzudenken.

  • Mohannad Lamees, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt mittlerweile in Berlin-Neukölln, schreibt seit Sommer 2022 für Perspektive Online, kritisiert oft die bürgerliche Doppelmoral und berichtet regelmäßig über Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus in Deutschland und auf der ganzen Welt. Hobbys: Fußball und Arbeiter:innenlieder


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