In zahlreichen osteuropäischen Ländern sind die Teuerungen noch stärker als in Deutschland. Das liegt unter anderem an deren Abhängigkeit von mächtigeren Staaten.

Die offizielle Inflationsrate in der 19 Länder umfassenden Eurozone ging im Dezember tatsächlich leicht von 10,1 Prozent auf 9,2 Prozent zurück. Die Zahl für die 27 Länder der Europäischen Union liegt nach den neuesten verfügbaren Daten vom November bei etwa 11 Prozent. Diese Durchschnittswerte täuschen jedoch, da die Inflationsraten in Europa stark variieren.

In Wirklichkeit reicht die Inflation in der EU von 5,6 Prozent in Spanien bis zu 23 Prozent in Ungarn. Deutschland hingegen liegt mit 9,6 Prozent im europäischen Mittelfeld. Dabei muss auch beachtet werden, dass dies die offiziellen Teuerungsraten sind und die tatsächlichen Preissteigerungen insbesondere für Arbeiter:innen höher sein dürften.

Besonders in Osteuropa sind die Preise seit vorletztem Herbst viel schneller gestiegen als im Rest der EU – und das auch schon vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der im letzten Jahr immer wieder als Hauptfaktor für die gestiegenen Preise genannt wurde. Schon im November 2021 hatte Estlands Inflationsrate zwölf Prozent erreicht und auch die litauische die Zehn-Prozent-Marke geknackt.

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Litauen, Lettland, Estland

Die Teuerungen treffen die baltischen Staaten besonders hart. Das liegt vor allem daran, dass die baltischen Staaten auch in besonderer Weise von den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs betroffen sind. Sie werden durch die Mächteverschiebungen deshalb so hart getroffen, weil ihre Wirtschaften in sehr starkem Maße etwa Lebensmittel importieren müssen und ihre Märkte von mächtigeren Ländern geflutet werden. Zudem hatte die Energieversorgung aus Russland vor dem Krieg eine große Rolle gespielt.

All diese Faktoren treiben die seit 2021 ohnehin steigenden Teuerungen im Jahr 2022 in neue Höhen. Die Inflation lag 2022 in allen drei Ländern mehrere Monate über 20 Prozent. Zudem treffen, aufgrund des im Vergleich eher geringen Einkommens, die deutlich gestiegen Ausgaben, vor allem bei Energie und Lebensmitteln, die Arbeiter:innen in den baltischen Staaten besonders hart.

In der lettischen Hauptstadt Riga können Nudeln gerade bis zu 4 Euro kosten, auch ein Päckchen Butter kostet teilweise 2,40 Euro und das bei deutlich geringen Durchschnittsgehältern als in Deutschland.

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Ungarn

Ungarn verzeichnete im Dezember 2022 die höchste Teuerungsrate in der EU. Die Preise stiegen um 24,5 Prozent. Die Lebensmittelpreise sind durchschnittlich um 45 Prozent gestiegen, die Preise einiger Produkte wie Brot und Käse sogar um 80 Prozent.

Momentan garantiert die ungarische Regierung günstigere Preise bei einigen Grundnahrungsmitteln durch Markteingriffe. Osteuropaexpert:innen erinnern aber an die hohen Ausgaben, die die Orban-Regierung im Vorfeld der Parlamentswahlen Anfang April 2022 beschlossen hatte. Sie waren „Geschenke“ an Orbans Wählerschaft und sollten soe die damals schon relativ hohen Teuerungen überdecken. Nach der gewonnenen Wahl hatte Orban einige dieser Vergünstigungen allerdings schnell einfach wieder einkassiert.

Polen

Auch in Polen stieg die Teuerungsrate im Sommer 2022 auf 16,1 Prozent. Dabei stiegen insbesondere die Wohnungs- und Energiekosten: Die Ausgaben für hierfür stiegen gegenüber dem vorherigen August um 27,4 Prozent.

Die Preise für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke stiegen im gleichen Zeitraum um 17,5 Prozent. Um die Auswirkungen auf die Verbraucher:innen zu verringern, hat Polen die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel ausgesetzt und die Kraftstoffsteuersätze seit dem 1. Februar gesenkt.

Allerdings haben vor allem die polnischen Gewerkschaften auch gefordert, eine zweite Anhebung des Mindestlohns im Jahr 2022 und eine weitere Anhebung im Jahr 2023 durchzuführen. Anfang 2023 stieg der Mindestlohn in Polen auf 3.490 Złoty. Das sind 480 Złoty mehr als im Vorjahr. Der Mindeststundenlohn beträgt nun 22,80 Złoty. Außerdem soll eine weitere Erhöhung des Mindestlohns am 1. Juli dieses folgen, mit der der monatliche Mindestlohn 3.600 Złoty betragen soll.

Wieso sind die Teuerungen in Osteuropa so hoch?

Die Teuerungen in Osteuropa sind also höher als in Deutschland. Aber woran liegt das? Zunächst einmal haben sie die gleichen Ursachen: Wirtschaftliche Verwerfungen infolge der Corona-Pandemie und unterbrochener Lieferketten sowie des Ukraine-Kriegs.

Jedoch haben sie nicht die gleichen Möglichkeiten, diese Teuerungen abzufangen, wie es zum Beispiel Deutschland hat, das einen großen Teil seines Wohlstands der Auspressung unter anderem Osteuropas verdankt.

Zudem dürften auch in Osteuropa unter anderem deutsche Konzerne von der Notlage weniger mächtiger Staaten und der Arbeiter:innen und Völker Europas profitieren und satte Gewinne einfahren.


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