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Dienstag, März 5, 2024
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    Nord Stream-Sprengung – Wer war’s, wer profitiert?

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    Wer sprengte die Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2? War es eine von den USA orchestrierte Geheimdienstaktion? Ein kleine Gruppe pro-ukrainischer Saboteure auf einer gemieteten Yacht? Oder doch eine russische (False-Flag) Operation? Eine Frage, die hierbei nicht in den Hintergrund rücken darf bleibt: Wer profitiert eigentlich geopolitisch von der gekappten Gaszufuhr von Russland nach Deutschland und was bedeutet das für die Ausrichtung des deutschen Imperialismus? – Ein Kommentar von Ali Najjar

    Die Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 gehörten zu den wichtigsten Bestandteilen der europäischen Energieinfrastruktur. Im September vergangenen Jahres, mitten im laufenden Ukraine-Krieg, wurden die Unterwasserleitungen durch gezielte Explosionen zerstört. In den letzten Wochen gab es dann eine Reihe an “Enthüllungen” über deren mutmaßliche Drahtzieher.

    Auslöser erneuter Debatten in der Frage um die Nord Stream-Pipelines war ein Artikel des US-amerikanischen Investigativ-Journalisten Seymour Hersh, in dem er unter Berufung auf eine anonyme Quelle aus internen US-Kreisen von einem Sabotage-Plan spricht: Sicherheitskreise in den USA hätten schon im Dezember 2021 den Anschlagsplan ausgearbeitet, den US-Marinetaucher letztlich ausführten, als Präsident Joe Biden grünes Licht gab.

    Dass das Projekt Nord Stream den USA von Anfang an ein Dorn im Auge war, ist bekannt. Schon im Februar 2022, nur Wochen vor Beginn der russischen Invasion, verkündete Biden selbstsicher, dass die US-Regierung im Falle eines russischen Angriffs auf die Ukraine das Projekt “verhindern” werde.

    Dieser Auftritt, der schon damals Irritation hervorrief, ist konsistent mit Hershs These, dass ein Plan zur Sprengung der Pipelines sich bereits in Bidens Schublade befand. Die Kooperation zwischen Deutschland und Russland in der Energieversorgung alarmierte die USA, weil sieals eine zunehmende Unabhängigkeit der deutschen imperialistischen Bestrebungen von den Vereinigten Staaten zu werten ist.

    Seymour Hershs Artikel erregte auch hierzulande enormes Aufsehen. Viele Stimmen warfen dem renommierten Journalisten grob unprofessionelles Vorgehen vor. Dass Aufwand und Komplexität einer solchen Operation auf einen staatlichen Akteur als Drahtzieher hinweisen, vertraten vor Hersh aber auch andere Beobachter. Ein plausible Gegendarstellung konnte zunächst nicht geliefert werden.

    Waren es eine “pro-ukrainische Gruppe”?

    Nun kursiert aber doch eine andere Erzählung über den Anschlag. ARD und die Zeit berichten unter Berufung auf amerikanische Geheimdienstquellen sowie deutsche und schwedische Ermittlungsbehörden über eine Boot, dass bereits im Januar 2023 gefunden wurde und unter Verdacht geriet, für die Sabotage verwendet worden zu sein. Dort will man Sprengstoffrückstände ausfindig gemacht haben.

    Dieser Version zufolge wurde das Boot von zwei ukrainischen Staatsbürgern in Polen gemietet und stach in Rostock in See. Ein spezialisiertes Team aus sechs Personen unbekannter Staatsangehörigkeit soll dann die Sprengungen vorgenommen haben. Diese Gruppe hätte aus politischen, pro-ukrainischen Motiven gehandelt, sei aber unabhängig von der Regierung Selenskys, die auch strikt dementierte, mit dem Anschlag in Verbindung zu stehen.

    Um die dritte Möglichkeit, dass es sich bei der Sabotage um eine russische False-Flag-Operation handeln könnte, ist es dieser Tage eher still geworden. Anscheinend lassen sich keinerlei Indizien für ein solches Szenario finden – andernfalls wären sie sicher der Öffentlichkeit schon breit präsentiert worden.

    Und tatsächlich erscheint es nicht plausibel, dass Russland eine solch wichtige Struktur wie Nord Stream selbst zerstört. Es wäre sehr zweifelhaft, ob es Russland gelänge, die Tat seinen Gegnern zuzuschieben, außerdem ist der unmittelbare Schaden für die russischen imperialistischen Ziele durch den Verlust der Pipelines zu immens.

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    Wer profitiert?

    Das öffentliche Rätselraten rund um den Nord Stream-Krimi in den Medien sollte die Analyse der weiteren imperialistischen Interessen in Eurasien nicht in den Hintergrund treten lassen:

    Den größten Nutzen durch die Ausschaltung von Nord Stream haben die USA. Sie sind seit dem Wiedererstarken des deutschen Imperialismus nach 1945 bestrebt, dessen Ausbreitung nach Osten einzudämmen. Deshalb wurde es seit dem Zerfall der Sowjetunion für die USA zu einem Kernziel, ein mögliches Bündnis zwischen Deutschland und der Rohstoffmacht Russland zu verhindern.

    Deutschland spielt in dieser Frage schon lange ein doppeltes Spiel, bei dem es seine Loyalität zum Westen stets beteuert, die langfristige Option eines solchen Bündnisses jedoch im Hintergrund ausbaute – etwa mit dem Projekt Nord Stream.
    Der Krieg in der Ukraine hat Russland aus westlicher Sicht bereits politisch isoliert und diskreditiert. Nun ist durch den Wegfall der Gas-Pipelines aus Russland dieses Bündnis auch materiell und wirtschaftlich empfindlich torpediert worden.

    Deutschland wird dadurch gezwungen sein, sich enger an der NATO und der US-Hegemonie zu orientieren und sich als Juniorpartner unterzuordnen. Es ist jedoch fraglich, ob sich der deutsche Imperialismus mit diesem empfindlichen Rückschlag zufrieden geben wird.

    Als “friedliche” Wirtschaftsmacht hat Deutschland bisher die EU dominiert und versuchte, sich durch ökonomische Durchdringung einen Weg nach Osten zu bahnen. Dieser Pfad ist durch den Krieg in der Ukraine wohl endgültig durchkreuzt. Was Deutschland jetzt bleibt, ist, durch Aufrüstung wieder zu einer militärischen Großmacht zu werden.

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    • Muslimischer Sozialist aus Berlin und Perspektive-Autor seit 2023. Fördert gern revolutionären Optimismus und Desillusionierung über den bürgerlichen Staat. Student der Sprachwissenschaften und Palästinenser.

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