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Dienstag, April 23, 2024
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    Jugendsozialarbeit in der Krise. Können neue Protestformen Veränderung bringen?

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    Schon Mitte März schlugen Kolleg:innen der Berliner Jugendämter und aus der erweiterten Sozialen Arbeit mit einem Protest vor dem Rathaus Alarm und machten auf unhaltbare Bedingungen in der Jugendsozialarbeit aufmerksam. Wir sprachen mit zwei Kolleginnen eines Jugendamts. Sie sind in der “AG Weiße Fahnen” engagiert, die den Protest mitorganisiert.

    Erstmals am Dienstag, 21.03., wurde vor dem Berliner Rathaus eine “Mobile Sprechstunde” unter freiem Himmel abgehalten: Mit kämpferischen Bannern und Redebeiträgen richteten sich die Versammelten dabei direkt an die Entscheidungsträger und Passant:innen. Aus der kreativen Protestform solle eine wöchentliche Kundgebung werden.

    „Wir arbeiten nur im Krisenmodus, Krise ist Normalität. Wir sind so alleine gelassen.”

    Doch auch drei Wochen nach Beginn der Kampagne fühlen sich die Kolleg:innen immer noch nicht gehört: Weiterhin seien die Jugendämter, aber auch freie soziale Träger, chronisch unterbesetzt. Seit 10 Jahren wurde das Personal nicht mehr aufgestockt; dabei habe sich der Verwaltungsaufwand um etwa 200% erhöht, wie eine Kollegin schätzt. Unter der Überforderung leide die Qualität der Betreuung massiv. Oft könnten keine geeigneten Fachkräfte für Krisenfälle gefunden werden.

    Die Einsicht in das Personalbemessungsmodell wird den Kolleg:innen verwehrt – sie bekommen aber die Folgen des Mangels zu spüren: die Fachkräfte in den Jugendämtern betreuen durchschnittlich mehr als dreimal (!) so viele Fälle wie eigentlich vorgesehen. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass sie über 100 Namen in ihrer Kartei hat, obwohl für ihre Stelle nur 30 Fälle angedacht sind. Es sei aus Sicht der Kolleg:innen vor allem die Senatsverwaltung für Finanzen, welche die Forderungen nach mehr Personal blockiere.

    Soziale Arbeit für Profit

    Als Wurzel der katastrophalen Lage muss die Ökonomisierung der sozialen Arbeit gesehen werden: Ziele, Methoden und Orientierungen der Arbeit im sozialen Bereich werden dabei dem Gebot der wirtschaftlichen Effizienz unterworfen. Denn die Finanzierung der Einrichtungen, oft durch freie Träger, muss sich am Ende des Tages betriebswirtschaftlich rechnen. Der Fokus liegt auf Profit, Wachstum, Konkurrenzfähigkeit und nicht mehr auf der Fachlichkeit der Arbeit selbst. Dadurch verliere die Arbeit nicht nur ihre professionelle Autonomie, sie werde verhandelt und organisiert wie eine Warenproduktion und nur dort finanziert, wo sie Gewinn bringe. Die daraus resultierende Überforderung macht soziale Berufe natürlich auch für Nachwuchspersonal unattraktiv.

    Kinder und Jugendliche können oft nicht geschützt werden. 

    In vielen Fällen leidet der Kinder- und Jugendschutz unter der Ökonomisierung der sozialen Arbeit. Das System degradiert die Beschäftigten in der Jugendarbeit zu bloßen “Sachbearbeiter:innen”, obwohl ihre Arbeit doch wesentlich im direkten Kontakt zu Menschen besteht. So kommt es, dass persönliche Hausbesuche nicht in der nötigen Häufigkeit durchgeführt werden können. Oft kann für Kinder aus Krisen-Haushalten keine Unterbringung gefunden werden. Und während die Möglichkeit zum direkten Eingreifen durch einen hohen Verwaltungsaufwand eingeschränkt ist, lastet eine enorme Verantwortung auf den Schultern der Sozialarbeiter:innen.

    Der außergewöhnliche Protest der Kolleg:innen aus der Sozialen Arbeit in Berlin zeigt: Jugendhilfe gerät meist nur dann auf den Schirm, wann etwas Schreckliches passiert. Die anstehenden Tarifverhandlungen im Herbst müssen also dringend genutzt werden, um sich für die Forderungen der Belegschaften stark zu machen.

    Die nächste „Mobile Sprechstunde“ findet am 18. April um 9:00 Uhr vor dem Roten Rathaus in Berlin statt.

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