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Montag, Juni 24, 2024
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    EM 2024: Warum man Fußball und Politik nicht trennen kann

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    In rund einem Monat geht hierzulande die Fußball-Europameisterschaft an den Start und die Vorfreude ist groß. Doch während alle fleißig über die sportliche Seite des Turniers berichten, bleibt eine politische Auseinandersetzung häufig außen vor. Genau darum soll es aber in dieser Kolumne regelmäßig bis zum Start der EM gehen.– Los geht es mit einem Kommentar von Herbert Scholle.

    „Politik hat im Stadion nichts zu suchen“ – solche oder ähnliche Sätze haben sicherlich viele von uns schon einmal gehört oder gelesen. Insbesondere wenn es mal wieder einen Skandal oder ein wichtiges Ereignis gibt, das über die Fußballwelt hinausgeht, berufen sich viele Fans auf ein solches Sentiment und wollen nichts davon hören. Dies prägt sich meist verschieden aus: von den Eskapist:innen, die den Fußball brauchen, um der Realität für einen Nachmittag zu entkommen, bis hin zu den Reaktionär:innen, die nicht mit anderen politischen Meinungen konfrontiert werden wollen. Welchen Stellenwert hat Politik also im Fußball, und: ist ein unpolitischer Sport überhaupt möglich?

    Fußball als Arbeiter:innensport

    Fußball wie wir ihn heute kennen entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und gewann rasend schnell an Popularität. Schon sehr bald nach seiner Entstehung konnte der Sport Stadien mit zehntausenden Plätzen füllen, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Was am Fußball besonders war, ist, dass er wie einige andere Sportarten, die um diese Zeit entstanden, ganz entschieden ein Sport der Arbeiter:innenklasse war. Fußballspielen kann schließlich jede:r und man braucht außer einem Ball oder Ersatzgegenstand auch kein besonderes Equipment.

    Doch mit dem Beginn der Popularität kamen auch schnell die ersten Auseinandersetzungen, speziell beim Thema „Bezahlung”. Die englische Football Association (FA) sowie die südlichen Clubs wollten den Sport als reine Amateursache wahren, während die damals noch meist männlichen Fußballer gern für die Unterhaltung Zehntausender entlohnt werden wollten – vor allem, da sie nebenbei häufig auch noch sehr anstrengende Fabrikarbeit bewerkstelligen mussten.

    Zwar war die Sache nicht klar Schwarz und Weiß zu betrachten: beispielsweise verstanden einige Clubs im Norden Englands schnell, dass sie mit Gehältern bessere Spieler anlocken konnten, doch prinzipiell kann man schon hier einen ganz grundlegenden Widerspruch zwischen den Fußball spielenden Arbeiter:innen und den reichen Clubbesitzern erkennen. Diesen Widerspruch gibt es auch heute immer noch, wenn auch nicht mehr unbedingt in Europas Top-Ligen, in denen nur noch die wenigsten Fußballer:innen Teil der Arbeiter:innenklasse sind. Interessant ist hierbei noch zu bemerken, dass Spieler:innen damals oft auch Gewerkschaften gründeten, um für besseren Lohn zu kämpfen.

    Wessen Politik wird akzeptiert? Wessen nicht?

    Doch auch über das Thema des Lohns hinaus sind Ausdrucksfomen unserer Klassengesellschaft häufig ebenso Bestandteil des Fußballs. Das ist auch nicht anders zu erwarten, schließlich wird Fußball nicht in einem gesellschaftspolitischen Vakuum gespielt. Hierbei ist besonders interessant zu beobachten, welche politische Themen im Fußball akzeptiert werden und welche nicht.

    Zunächst lässt sich dabei feststellen, dass es bei wenig kontroversen politischen Themen fast nie einen Aufschrei gibt, beziehungsweise sich dieser in Grenzen hält. Beispielsweise beteiligte sich der Deutsche Fußballbund (DFB) vor kurzem an einer Kampagne gegen Rassismus, die von fast allen Seiten bejubelt wurde. Im Gegensatz dazu stehen das Drama um die „One Love“-Binde sowie das symbolische Zeichen, das die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2022 in Katar setzte. Eigentlich sind es in beiden Fällen nur selbstverständliche Bekundungen für Menschenrechte, trotzdem wurden und werden sie sehr verschieden an- und aufgenommen.

    Das bedeutet aber nicht etwa, dass rassistisch unterdrückte Menschen es in Deutschland leichter hätten als LGBTI+-Menschen. Vielmehr zeigt sich, welche Rolle der politische Kontext spielt: Bei einer Kampagne gegen Rassismus traut sich nicht einmal die AfD, etwas dagegen zu halten, doch die Unterstützung von LGBTI+-Menschen wurde zu dieser Zeit bis in die Medien hinein viel kontroverser diskutiert.

    Noch deutlicher zeigt sich dieses Phänomen an einem altbekannten Vergleich: Nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs verkündeten fast alle europäischen Clubs, Ligen und Verbände lautstark ihre Solidarität mit der Ukraine und wurden dafür gefeiert. Als sich hingegen die Fans des Glasgower Celtic Football Clubs nach Ausbruch des Gaza-Kriegs solidarisch mit der palästinensischen Bevölkerung zeigten, sorgte dies nicht nur für große Dispute, sondern auch für Geldstrafen und Teilverbote für die Fangruppe The Green Brigade. Man kann also sehen: Politik wird im Fußball durchaus gern gesehen, aber eben nur dann, wenn man sich nicht allzu kontrovers positioniert.

    Unpolitisch gibt es gar nicht

    Und damit kommen wir auch zur Krux der Sache: Fußball kann gar nicht unpolitisch sein! Wie oben schon erwähnt, findet Fußball eben im Kontext unserer Klassengesellschaft statt und nicht getrennt von ihr. Eine rundum unpolitische Position ist so gar nicht möglich, denn schon Forderung, die Politik vom Fußball fernzuhalten, ist eine politische Forderung. Sie fordert einen Fußball des Status Quo, einen Fußball, der bloß nicht den Rahmen des Akzeptablen sprengt, kurz: einen Fußball im Interesse der Herrschenden.

    Das lassen wir uns aber nicht gefallen! Fußball ist als Sport der Arbeiter:innenklasse entstanden und das wird er auch bleiben. Wie wir zuletzt erst bei den Fan-Protesten gegen den Einstieg eines DFL-Investoren gesehen haben, lohnt es sich, zu protestieren und zu kämpfen. Lasst uns diese Erkenntnis auch weiterhin in den Stadien nutzen – egal zu welchem Thema!

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