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Sonntag, Juli 21, 2024
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    EM 2024: Ein Fest des Kommerzes und der Überwachung

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    Heute rollt das erste Mal der Ball bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Wenn die DFB-Auswahl gegen Schottland beim Eröffnungsspiel in München antreten wird, sollen für einen Monat alle Krisen und Sorgen in Vergessenheit geraten. – Ein Kommentar von Vinzent Kassel.

    Das Leid der Menschen in Gaza und der Ukraine, der schleichende Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft oder auch die Pannenpolitik der Ampelregierung – vier Wochen lang werden diese wichtigen Problemfelder maximal die hinteren Seiten der Zeitungen füllen. Die Gesellschaft wird beweihräuchert durch das Fernsehspektakel, während im Hintergrund hauptsächlich eines zählt: der Profit!

    Steuerfreiheit und Knebelverträge der UEFA

    Die Ausrichtung der EM ist mittlerweile ein derartiges Politikum, dass die austragenden Staaten sich von der „UEFA” – der Union der Europäischen Fußballverbände – auspressen lassen, um eine reelle Chance auf eine erfolgreiche Bewerbung zu haben. Da wäre zum Beispiel die Steuerfreiheit, welche die UEFA vom deutschen Staat einforderte.

    Als ausländische Organisation müsste sie eigentlich 15 Prozent ihrer massigen Einnahmen (geschätzte 1,7 Milliarden Euro) aus Sponsorenverträgen und Medienrechten an den deutschen Staat abtreten. Die UEFA besteht hierbei allerdings auf einer Ausnahmegenehmigung. Dagegen vorzugehen ist möglich, allerdings wäre es dann unmöglich, Ausrichter einer EM zu werden.

    Durch eine lange Anforderungsliste an die Austragungsorte entgehen dem Gastgeberland nicht nur die Steuereinnahmen, sondern sie müssen auch für das finanzielle Risiko gerade stehen. So beteiligt sich die UEFA nicht an eventuellen Umbauarbeiten für die Infrastruktur oder Stadien. Von den Austragungsstädten wird außerdem verlangt, eine „Fanzone“ auf eigene Kosten zu errichten. Hinzu kommt, dass zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht einmal alle Forderungen bekannt waren, so dass die „Host cities“ ins Blaue kalkulieren mussten. Es wird erwartet, dass die EM uns Steuerzahler:innen rund 650 Millionen Euro kosten wird.

    Viel Fußball, noch mehr Kommerz

    Trotz der 51 Spiele ist die EM schon lange kein reines Sport-Event mehr. Sie füllt die Kassen der UEFA und ist Balsam für die Seele von Sicherheitsfanatikern. Für echte Fankultur ist bei der EM wenig Platz. Abstruse Überwachung und wenig Chancen auf die verlosten bezahlbaren Tickets lassen keine Stimmung aufkommen. Auch hier ist der Markt wieder auf die Reichen ausgelegt, die sich in den Limousinen an den Sicherheitskontrollen vorbei fahren lassen und für tausende Euros Logenplätze in Anspruch nehmen können.

    Ein großer Teil ihrer Einnahmen wird die UEFA durch Sponsorengelder generieren. Diese Geldgeber werden während der EM omnipräsent sein an den Austragungsorten wie auch bei den Fernsehübertragungen. Interessanterweise sind viele außereuropäische Unternehmen Teil der Sponsorenliste. So wird für den despotischen Staat Katar genauso Werbung gemacht wie für die chinesischen Firmen „Alipay”, „AliExpress” und die hierzulande noch unbekannte Autofirma „BYD”. Gerade letztere überrascht. Offenbar waren die Sponsorendeals für die deutschen Automobilbauer dermaßen unrentabel, dass das Feld BYD überlassen wurde.

    Grundrechte werden temporär ausgesetzt

    Doch nicht nur wirtschaftlich möchte die UEFA Einfluss nehmen: So forderte sie für den Zeitraum der EM Demo-Verbote im Umfeld der Stadien, worauf der Überwachungsstaat direkt mit einstimmte und zusätzlich noch Schnellverfahren und Grenzkontrollen auf die Liste der Eingriffe in die Grundrechte setzte. Die Einzige, die sich hierbei freut, ist die Polizei. Diese nimmt die EM zum Anlass, die Repressionen gegen die hiesigen Fußballszenen hochzufahren und benutzt das Turnier als Spielwiese für ihre Überwachungsmöglichkeiten: Drohnenabwehrsysteme, KI-gesteuerte Überwachung von Massenbewegungen oder Staatstrojaner sind nur einige Beispiele des zukünftigen Sicherheitsapparats.

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