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Mittwoch, Juli 24, 2024
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    IG Metall fordert 7% mehr Lohn – reicht das?

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    Ende September laufen die Tarifverträge der Metall- und Elektroindustrie aus, im gleichen Monat sollen neue ausgehandelt werden. Dementsprechend veröffentlichte der IG Metall-Vorstand nun seine Forderungsempfehlungen für die regionalen Tarifkommissionen. Wie sind diese einzuordnen? – Ein Kommentar von Herbert Scholle.

    Die Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) repräsentiert über 2 Millionen Mitglieder in verschiedenen Branchen und ist damit nicht nur die größte Einzelgewerkschaft des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) sondern auch eine der mitgliederstärksten Gewerkschaften weltweit. Damit ist sie für die Verhandlung vieler verschiedener Tarifverträge maßgeblich, unter ihnen auch der Tarifvertrag Metall und Elektro.

    In der fast vier Millionen Arbeiter:innen starken Metall- und Elektroindustrie gibt es zwar keinen bundesweiten Tarifvertrag, trotzdem gibt die IG Metall einheitliche Forderungen vor und am Ende gelten in den verschiedenen Tarifgebieten meist sehr ähnliche Bedingungen.

    7% mehr Geld – eine Reallohnsteigerung?

    Am Montag veröffentlichte der IG Metall-Vorstand die Empfehlung, welche Forderungen die regionalen Tarifkommissionen in den kommenden Verhandlungen an die Kapitalverbände stellen sollen. Morgen sollen die Tarifkommissionen dann ihre Forderungsbeschlüsse bekanntgeben.

    Die Empfehlung des Vorstands lautet: 7 Prozent mehr Lohn, sowie eine Steigerung von 170 Euro für Auszubildende und duale Student:innen bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Das klingt im ersten Moment gar nicht schlecht, bisher lag die Inflationsrate in diesem Jahr nämlich zwischen zwei und drei Prozent, was sich mit den Prognosen für 2024 deckt. Auch im kommenden Jahr werden weniger als drei Prozent erwartet.

    Die Forderung folgt auf Lohnerhöhungen von 5,3 Prozent zum Juni 2023 und weiteren 3,3 Prozent zum Mai diesen Jahres. Damit wird die IG Metall in den eineinhalb Jahren vor dem neuen Tarifvertrag ziemlich genau eine Reallohnstagnation erreichen. Das ist zwar nicht unbedingt ein Grund dafür, die Korken knallen zu lassen, doch mit dem Vermeiden einer Reallohnsenkung und einer darauffolgenden leichten Steigerung hätte die IG Metall zumindest einigen anderen DGB-Gewerkschaften wie z.B. der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) einiges voraus. Sollte man die Gewerkschaft nun also für ihr Engagement loben?

    Es ist nicht alles Gold, was glänzt

    Nicht so schnell, auf den ersten Blick mag diese Forderung zwar fortschrittlich wirken, doch um den ganzen Kontext zu verstehen, muss man etwas weiter zurückschauen als ins letzte Jahr: Vor dem 2022 vereinbarten Tarifvertrag, der die oben erwähnten Lohnerhöhungen beinhaltete, ließ sich die IG Metall nämlich 2021 auf einen 18-monatigen Tarifvertrag ohne jegliche Lohnerhöhung ein. Stattdessen gab es lediglich Einmalzahlungen in Form einer Corona-Prämie und eines sogenannten „Transformationsgeldes”.

    Dabei hätte eigentlich schon 2020 ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt werden müssen, jedoch entschied sich die IG Metall aufgrund der Corona-Pandemie für ein Krisenpaket, das einer Nullrunde gleichkam. Dementsprechend galten noch die Lohnbedingungen des 2018 ausgehandelten Tarifvertrags.

    Um es auf den Punkt zu bringen: Zwischen April 2018 und Juni 2023 gab es keine Lohnerhöhung für Arbeiter:innen der Metall- und Elektrobranche, stattdessen erhielten sie unzureichende Einmalzahlungen. Zum Vergleich: Die Inflationsrate zwischen 2018 und 2023 betrug fast 19 Prozent. Seit 2018 ist der Reallohn der Metall- und Elektroarbeiter:innen also um fast ein Fünftel gesunken.

    Nicht auf die „Sozialpartnerschaft” vertrauen

    Damit sind wir aber noch gar nicht beim Knackpunkt angekommen: Bei den 7% handelt es sich schließlich lediglich um die erste Forderung der IG Metall. Was später tatsächlich ausgehandelt wird, ist eine ganz andere Frage. Orientiert man sich an den Verhandlungen, die andere DGB-Gewerkschaften in letzter Zeit geführt haben, dürfen sich Arbeiter:innen hier wohl nicht auf einen großen Kampf einstellen.

    Doch selbst wenn die Gewerkschaft es schaffen würde, ihre volle Forderung durchzusetzen, müssen ihre Mitglieder immer noch mit einer erheblichen Senkung ihrer Lebensstandards in den letzten Jahren umgehen. Lassen wir uns also nicht von der „Sozialpartnerschaft” in die Irre führen, denn was sie wirklich bedeutet, sehen wir in der Realität immer wieder – die Durchsetzung kapitalistischer Interessen auf unserem Rücken.

    • Perspektive-Autor seit 2023 und -Redakteur seit 2024. Der Berliner Student schreibt besonders gern über Arbeitskämpfe und die Tricks der kapitalistischen Propaganda. Er interessiert sich außerdem für Technologie und Fußball sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen.

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