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Mittwoch, Juli 24, 2024
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    Zwei Femizide in Baden-Württemberg innerhalb von nur 48 Stunden

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    Innerhalb von nur 48 Stunden wurden in Weingarten und Untersimonswald zwei Frauen ermordet. In Freiburg fand eine spontane Gedenkversammlung statt unter dem Motto „Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle!“. Mit einer klaren Botschaft.

    Am Sonntag fanden gegen 11:30 Uhr Rettungskräfte den leblosen Körper einer 38-jährigen Frau in der Straße „Am Martinshof“ in Untersimonswald vor. Die Polizei wurde hinzu geezogen und geht bisher von einer Gewalttat im familiären Umfeld, also einem Femizid, aus. Der 34-jährige Ehemann wurde noch direkt vor Ort festgenommen und befindet sich in Untersuchungshaft. Er wurde am Montag einem Richter vorgeführt, der den Haftbefehl in Vollzug setzte.

    In der Nacht von Montag auf Dienstag gab es dann einen weiteren Femizid in Weingarten (Kreis Karlsruhe). Als die Polizei in der Wohnung der Frau eintraf, war diese schon tot. Die Beamt:innen suchten den Morgen lang nach dem Tatverdächtigen und nahmen ihn am Dienstagvormittag dann vorläufig fest. Laut BILD-Zeitung habe es sich bei der Getöteten um eine „Freundin“ des Mannes gehandelt. Es ist also ebenfalls von einem Frauenmord auszugehen.

    Alles nur Einzelfälle?

    Unter einem „Femizid” versteht man ein Tötungsdelikt an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Die meisten Femizide werden von (Ehe-)Partner, Ex-Partner oder nahen Familienangehörigen begangen. Mit diesen zwei neuen Fällen gab es dieses Jahr schon 47 Frauenmorde. Durchschnittlich wird alle drei Tage eine Frau Opfer eines Femizids, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher ist, da manche Frauenmorde gar nicht als solche anerkannt werden.

    Femizide sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs der täglichen patriarchalen Gewalt und Unterdrückung gegenüber Frauen. Allein im Jahr 2023 wurden laut dem Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) 256.276 Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht. Bei diesen Zahlen wird ebenfalls von einer viel höheren Dunkelziffer ausgegangen, da nur Fälle dargestellt wurden, bei der die Gewalt tatsächlich bei der Polizei angezeigt wurde. Frauen, die dieser Gewalt ausgesetzt sind, können ihr meist nur sehr schwer entkommen. Es gibt nämlich z.Zt. nur 7.786 Plätze in Frauenhäusern in Deutschland, obwohl nach der „Istanbul-Konvention” 21.500 vorgesehen wären.

    Zu wenige Frauenhäuser: In Deutschland fehlen mehr als 13.000 Plätze

    Gedenken und Protest in Freiburg

    Als Reaktion auf die beiden Femizide rief am Dienstagnachmittag das Frauenkollektiv Freiburg zu einer Gedenkkundgebung auf dem treffend benannten „Ni una Menos-Platz“ (Spanisch: „Nicht eine weniger!“) auf. Die Kundgebung trug den Titel „Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle!“.

    In seinem Aufruf schrieb das Frauenkollektiv: „Gewalt gegen Frauen ist in dieser Gesellschaft nichts Zufälliges. Viel mehr reiht sie sich ein in ein System, in dem Frauen und Mädchen unterdrückt und mehrfach ausgebeutet werden. Wir bekommen weniger Lohn, leisten einen Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit, werden oft nicht ernst genommen und müssen uns in allen Lebensbereichen doppelt beweisen. Gewalt ist dabei nur ein Mittel, um genau diese Unterdrückung aufrecht zu erhalten, uns zu isolieren und zum Schweigen zu bringen. Doch wir werden nicht schweigen!“

    Auf der Kundgebung gab es mehrere Redebeiträge, und es wurden im Anschluss Kerzen angezündet, um der Opfer zu gedenken. Zuletzt wurden noch Banner gesprüht und ein Solidaritätsfoto gemacht. In der Rede des Frauenkollektivs Freiburg wurde hervorgehoben, dass „die Tötungen häufig das Ende einer jahrelangen Gewaltspirale darstellen oder in dem Moment eintreten, in dem die Frauen und Mädchen versuchen, sich zur Wehr zu setzen.“

    Das Frauenkollektiv hat auch einen Lösungsansatz für diese Probleme: „Für uns ist klar: das Patriarchat und seine Gewalt müssen zerschlagen werden. Wir müssen uns organisieren, gemeinsam wehren und gegen Patriarchat und Kapitalismus und für die Frauenbefreiung kämpfen. Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle!“

    Zusätzlich gab es noch eine Rede der Internationalen Jugend und des Solidaritätsnetzwerks Freiburg. In dessen Rede wurde u.a. kritisiert, dass häufig die Täter von Femiziden wegen Totschlags, nicht aber wegen Mords verurteilt würden. Bei Urteilen zum Totschlag fällt die Strafe meist geringer aus, da dieser nicht – anders als bei Mord – aus niedrigen Beweggründen“ heraus passiere. Doch was ist denn ein niedrigerer Beweggrund, als einen Menschen nur aufgrund seines Geschlechts umzubringen?

    Die Rednerin der Internationalen Jugend nahm Bezug auf die angezündeten Kerzen und schloss, dass diese nicht nur zum Gedenken an die Opfer leuchteten, sondern dass das Feuer symbolisch auch dafür stehe, dass „das Leiden erst enden wird, wenn das System in Flammen steht“.

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