Sonntag Nachmittag in Paris – Ein antifaschistischer Filmabend der sozialistischen Jugendorganisation Young Struggle wird von 20-30 Faschist:innen im migrantischen Arbeiter:innenverein ACTIT angegriffen. Wie können Antifaschist:innen auf den Angriff reagieren? – Ein Kommentar.
Auch wenn die Faschisten es nicht über den Hof schaffen, haben sie Messer und Schlagstöcke dabei und verletzen einen Teilnehmenden. Beim Wegrennen rufen sie “Paris est Nazi, Lyon aussi est Nazi.” („Paris ist Nazi, Lyon ist auch Nazi“).
Die militante neofaschistische Bewegung in Frankreich gewinnt an Selbstvertrauen – eine Entwicklung, aus der Antifaschist:innen in ganz Europa Konsequenzen ziehen müssen.
Wer ist KOB-Veille?
Auf dem Namensschild von ACTIT hinterlässt der faschistische Mob zwei Sticker. Einen mit keltischer Rune und einen mit dem Namen „KOB-Veille”. KOB-Veille kennt man eigentlich als einen rechten PSG (Paris Saint-Germain)-Hooligan-Verein, der aber schon lange nicht mehr aktiv ist. Das KOB-Veille von heute ist ein „rebranding”, ein Zusammenschluss unter altem Namen, aus Mitgliedern der verbotenen GUD (Groupe Union Défense), der mit Fußball oder Hooligans nichts mehr zu tun hat.
GUD wurde 1968 von rechten Studenten gegründet und in den 70er Jahren für gezielte Angriffe auf Kommunist:innen und Migrant:innen bekannt. Heute hat GUD vor allem aber eines: Gute Verbindungen zur faschistischen Massenpartei Rassemblement National.
Freundschaftliche Beziehungen sogar, denn einer der engsten Freunde von Marine le Pen, Präsidentschaftskandidatin und frühere Vorsitzende des Rassemblement National, ist Axel Loustau, ein ehemaliges führendes Mitglied der GUD und Vater von Gabriel Loustau – aktives Mitglied von KOB-Veille.
So schließt sich der Kreis zwischen militanten und parlamentarischen Faschist:innen am Beispiel von GUD und KOB-Veille, der die neofaschistische Bewegung in ganz Europa charakterisiert. Die neue Generation militanter Faschisten formt sich aus der alten, aber mit einem entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Vorgängern: Dem starken Rückenwind faschistischer Massenparteien.
Angriff in Paris: „Sie wollen uns Angst machen“ – Interview mit Milos von Young Struggle
“Paris est Nazi, Lyon aussi est Nazi”
Lyon ist in Frankreich als die Hauptstadt der Faschist:innen bekannt. Paris, auf der anderen Seite, ist für die Faschisten ein härteres Pflaster. Organisierter Antifaschismus hat es in den letzten Jahren geschafft, den Einfluss von Gruppen wie KOB-Veille durch direkte Auseinandersetzungen aus Paris zurückzudrängen. Aber Frankreich funktioniert zentralisiert – was in Paris passiert, ist für das gesamte Land von Bedeutung.
KOB-Veille ist eine Kampfgruppe, ein Schlägertrupp, dem in Paris ungefähr 15 Mitglieder zugerechnet werden. Es liegt nahe, dass für den Angriff auf den Young Struggle-Filmabend Verstärkung aus Lyon kam. Hier geht es also mutmaßlich nicht um die spontane Störung einer Veranstaltung, sondern um eine geplante und national koordinierte Aktion mit dem Ziel, Antifaschist:innen bei Tageslicht einzuschüchtern und ein Zeichen der Stärke im Zentrum von Paris zu setzen. Es geht um ein gewonnenes Selbstbewusstsein, das auf den Erfolgen der gesamten neofaschistischen Bewegung der letzten Monate aufbaut.
Gegen die Einschüchterung – militanten Antifaschismus verteidigen
Der Angriff in Paris, aber auch der Angriff auf das AZ in Salzwedel zeigen, dass sich der militante Teil der faschistischen Bewegung in Europa nicht mehr davor scheut, antifaschistische Massenveranstaltungen anzugreifen. Vereine sind Orte, an denen Antifaschist:innen offen zusammenkommen und Anlaufstellen schaffen. Der Zugang zu diesen Adressen soll durch Einschüchterung und Angst verhindert werden. Die Angriffe gelten deshalb nicht nur antifaschistischen Aktionen, sondern in erster Linie langfristiger antifaschistischer Organisierung.
Aber die Reaktion von Young Struggle war klar: Wir müssen den Spieß umdrehen. Wenn antifaschistische Räume angegriffen werden, nutzen wir sie um so mehr, um nicht nur die Räume, sondern auch uns selbst als Bewegung zu verteidigen und zu organisieren.
Keine zwei Stunden nach dem Angriff gingen am Sonntagabend in ganz Europa spontan Solidaritätsaktionen los. In Paris selbst organisierte Young Struggle kurz nach dem Angriff zusammen mit ACTIT eine Demonstration durch die Nachbarschaft mit 150 Personen, am Montag folgten fast 3.000 Personen dem Ruf auf die Straße. Es kamen Grußbotschaften und Erklärungen von Bauarbeitern aus Toulouse, von der größten Gewerkschaft Frankreichs, der CGT, von antifaschistischen Gruppen aus Spanien und England. In ca. 20 Städten Europas wurden Solidaritätsaktionen organisiert. Kommunistische Jugendliche in Frankfurt am Main führten als Reaktion auf Paris eine Aktion gegen einen AfD-Treffpunkt durch.
Einschüchterungsversuche wie der Angriff auf Young Struggle in Paris sind ein Weckruf für die antifaschistische Bewegung in Europa. Antifaschist:innen müssen in der Lage sein, sich ernsthaft verteidigen zu können und in allen Bereichen der antifaschistischen Arbeit Antworten auf die faschistische Gewalt zu geben. Das bedeutet auch, die Legitimität militanter antifaschistischer Aktionen tief in die Massenbewegung hineinzutragen und diejenigen zu unterstützen, die Repressionen für legitimen Antifaschismus erfahren. Die antifaschistische Bewegung muss in ihrer Gesamtheit zusammen agieren können, denn eine Bewegung, die sich spalten lässt, wird den faschistischen Angriffen der nächsten Zeit nicht gewachsen sein.
Europaweite Großdemonstration in Paris
Für den morgigen Samstag, 22.2., ruft Young Struggle europaweit zu einer Großdemonstration um 14 Uhr am Place de la République in Paris auf. Außerdem wurde ein Spendenkonto eingerichtet, um die Demonstration, die Sicherheit des ACTIT Vereins, die Unterstützung der Betroffenen und Aktionen der nächsten Zeit zu finanzieren.
Busfahrten werden am Freitag aus Hamburg, Hannover und Frankfurt organisiert.

