Wer produktiv ist, wer in den Rädern der Wirtschaft funktioniert, der hat einen Platz. Doch was passiert mit denen, die nicht mehr arbeiten (können)? Rentner:innen erleben oft eine schleichende Ausgrenzung, eine soziale Isolation, die kein individuelles Versagen ist. – Ein Kommentar von Rosalie West.
Für viele Menschen bedeutet die Rente keineswegs den wohlverdienten Ruhestand. Die Armutsgefährdung unter Rentnern ab 65 Jahren ist 2024 auf einen Rekordwert gestiegen. Die Quote erhöhte sich im Vergleich zu 2023 von 18,4 % auf 19,6 %, was rund 300.000 zusätzliche Betroffene bedeutet. Insgesamt gelten nun 3,54 Millionen Rentner als armutsgefährdet. Der Anstieg ist stärker als in der Gesamtbevölkerung, die Quote wuchs um 1,1 Prozentpunkte auf 15,5 % .
Altersarmut – Fast die Hälfte aller Renten in Deutschland unter Existenzminimum
Immer mehr ältere Menschen sind dadurch gezwungen auch nach dem Renteneintrittsalter weiterzuarbeiten, weil ihre Altersbezüge nicht ausreichen, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken. Niedrige Renten, die auf ein Leben mit prekären Arbeitsverhältnissen zurückzuführen sind, treiben viele Rentner:innen in Minijobs oder gar Vollzeitarbeit. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiten mindestens 43 Prozent der Befragten aus finanziellen Gründe im Rentenalter. Vor allem Frauen sind auf einen Nebenverdienst zur Altersrente angewiesen.
Immer wieder gibt es aufgrund des Fachkräftemangels zudem den Vorschlag, Steuerbegünstigungen für Rentner:innen zu beschließen. So will es unter anderem der Amazon-Chef Deutschland, der sagt, dass es in Deutschland „finanziell nicht sehr attraktiv ist, im Rentenalter weiterzuarbeiten“.
Auch mal krank zur Arbeit schleppen – für die deutsche Wirtschaft!
Statt den Ruhestand genießen zu können, schuften Rentner:innen also gezwungenermaßen weiter – oft unter schlechten Bedingungen und zu niedrigen Löhne. Dies zeigt deutlich, dass das kapitalistische System nicht darauf ausgerichtet ist, ein würdiges Leben nach der Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Menschen verlieren ihre Funktion innerhalb des Wirtschaftssystems.
Wer nicht mehr arbeitet wird in einer auf Profitmaximierung basierenden Gesellschaft als Ballast des Systems wahrgenommen. Nach Jahrzehnten der Lohnarbeit gehen Menschen in die Rente – und damit oft ins gesellschaftliche Abseits.
Einsamkeit nach der Rente
Die Konsequenzen sind fatal: Millionen ältere Menschen erleben Einsamkeit und Isolation. Der Arbeitsplatz war oft der zentrale soziale Kontaktpunkt, die tägliche Struktur. Ohne diesen brechen soziale Netzwerke weg. Gleichzeitig fehlen öffentliche Räume und kostenfreie Angebote in denen ältere Menschen Gemeinschaft erfahren könnten. Stattdessen sind viele Rentner:innen auf sich allein gestellt.
Besonders stark zeigt sich dies auch an Feiertagen wie Weihnachten. Laut einer Studie der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen sind elf Prozent der über 65-jährigen Rentner:innen an Weihnachten allein und feiern ohne Angehörige oder Freund:innen. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, erklärt: „Die meisten würden zwar gerne mit anderen feiern, jedoch fehlt ihnen häufig die Möglichkeit – sei es die räumliche Distanz, gesundheitliche Einschränkungen oder soziale Isolation.“
Von der Einsamkeit zur Sucht und Depression
Die Zahl älterer Menschen mit Alkoholsucht steigt, wie eine Studie des Barmer Instituts zeigt. 2022 waren 289.000 Menschen zwischen 65 und 74 Jahren und 147.400 ab 75 Jahren betroffen, wobei Männer häufiger erkranken als Frauen. Ältere Menschen fühlten sich oft nicht mehr gebraucht wenn sie vom Berufsleben in die Rente wechseln. „Wo sie dann eben möglicherweise manchmal auch Einsamkeit spüren. Das führt dann auch dazu, dass man häufig zur Flasche oder eben zum Suchtmittel greift“, erklärt Falk Zimmermann, Vorsitzender des Landesverbands für Suchtkrankenhilfe bei der Diakonie Sachsen.
Alkoholkranke Senior:innen haben zudem Schwierigkeiten, Pflegeplätze zu finden, da spezielle Einrichtungen fehlen und klassische Pflegeheime oft nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt sind. Die Pflege- und Betreuungsstrukturen sind unterfinanziert und familiäre Unterstützung kann den Mangel oft nicht ausgleichen.
Armut verschärft die Isolation zusätzlich, denn wer wenig Geld hat, kann sich weder kulturelle Teilhabe noch Unterstützung leisten. Die Folgen dieser systematischen Vernachlässigung sind gravierend: Einsamkeit führt nachweislich zu psychischen Erkrankungen, Depressionen, Suchterkrankungen und einem erhöhten Sterberisiko.
Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von schlecht finanzierten Pflegeeinrichtungen oder prekären Minijobs, mit denen Rentner:innen versuchen, ihre kümmerliche Altersversorgung aufzubessern. Anstatt die Lebensleistung älterer Menschen zu würdigen überlässt der Kapitalismus sie sich selbst.
Jenseits des Profits: Eine Gesellschaft für alle statt für wenige
Der Umgang mit alten Menschen zeigt das wahre Gesicht eines Systems, das nur Profite kennt. Doch Einsamkeit im Alter ist kein Naturgesetz – sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen und kann verändert werden. Wir müssen für eine Gesellschaft kämpfen in der jeder Mensch – unabhängig von seiner Arbeitskraft – ein würdiges Leben führen kann. Doch dieser Wandel kommt nicht von allein. Wir müssen uns bereits heute organisieren, um für eine andere Gesellschaft zu kämpfen. Nur durch kollektiven Kampf können wir eine Gesellschaft schaffen, in der nicht Profite, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht. Es liegt an uns, das kapitalistische System herauszufordern und für eine Welt einzutreten, in der Solidarität mehr zählt als der Profit.
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Es gibt Alternativen zu diesem menschenfeindlichen System. Eine sozialistische Gesellschaft würde nicht nach Verwertbarkeit, sondern nach Bedürfnissen organisiert werden. Solidarische Wohn- und Lebensgemeinschaften könnten Vereinsamung verhindern. Öffentliche Räume für Austausch, Kultur und Engagement würden allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehen. Eine angemessene Rente wäre eine Selbstverständlichkeit. Der Kapitalismus kennt nur Produktivität – eine sozialistische Zukunft basiert auf Solidarität und kollektiver Fürsorge.
Altersarmut und Einsamkeit wären in einer sozialistischen Gesellschaft, die auf gemeinschaftlichem Eigentum und solidarischen Beziehungen basiert, undenkbar. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und eine demokratisch geplante Wirtschaft würden garantieren, dass jeder Mensch – unabhängig von seiner Arbeitsfähigkeit – einen Platz in der Gesellschaft hat und soziale Teilhabe gesichert ist.

