Der anhaltenden Wirtschaftskrise zum Trotz: Der deutsche Aktienindex ist seit Jahresbeginn um 15 Prozent nach oben gegangen. Vor allem die deutsche Rüstungsindustrie triumphiert momentan an der Börse. Der DAX-Aufstieg könnte eine erwartete Erholung des deutschen Kapitalismus infolge von Aufrüstung und Billionenpaketen vorwegnehmen – ein Automatismus ist das aber nicht. – Ein Kommentar von Thomas Stark.
Zumindest in Frankfurt scheint sich die Welt ein wenig gedreht zu haben. Während die US-Börsen seit Wochen abrutschen und Anleger:innen weltweit immer nervöser werden, ist der Aufstieg des Deutschen Aktienindex (DAX) noch nicht vorbei: Knapp 15 Prozent hat der DAX seit Jahresbeginn zugelegt, an der Spitze waren es sogar 18 Prozent und ein Rekordwert von 23.475 Punkten. Seit Wochen sagen Börsenanalyst:innen ein Ende der Euphorie voraus, bisher ist es aber noch nicht eingetreten.
DAX-Boom trotz Wirtschaftskrise
Dabei befindet sich der deutsche Kapitalismus eigentlich noch immer in einer andauernden Krise: Im vergangenen Jahr ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent geschrumpft. Für 2025 korrigierte die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose deutlich nach unten auf 0,3 Prozent. Die Industrieproduktion liegt seit Jahren unter ihrem Höchstwert aus November 2017. Und mit der Autoindustrie lieferte ausgerechnet die tragende Säule der drittgrößten Volkswirtschaft im vergangenen Jahr eine schlechte Nachricht nach der anderen.
Wer aber nur auf die bisherige Entwicklung guckt und sich deshalb über die Börsenpreise der größten deutschen Aktiengesellschaften wundert, verkennt den Zusammenhang zwischen der Realwirtschaft und den Finanzmärkten: Letztere „belohnen“ oder „bestrafen“ weder frühere Geschäftszahlen von Unternehmen, noch sind sie von diesen „entkoppelt“, wie manche behaupten. Vielmehr kaufen Anleger:innen — und das sind vor allem große Investmentgesellschaften — grundsätzlich erst einmal die Wertpapiere, von denen sie sich in Zukunft steigende Kurse versprechen, zum Beispiel weil die Unternehmen langfristig wachsen.
Aufschwung dank Aufrüstung?
Und dass deutsche Unternehmen diese steigenden Kurse in den nächsten Jahren bringen dürften, ist trotz der momentan mauen wirtschaftlichen Lage keineswegs unplausibel. Denn gerade die Tatsache, dass die deutsche Industrie seit der Corona-Pandemie noch keinen wirklichen Aufschwung durchlebt hat, lässt viele Anleger:innen einen solchen für die Zukunft erwarten.
Dafür sprechen konkret zwei Argumente: Erstens die Erwartung, dass eine neue Bundesregierung neue Subventionen und Steuererleichterungen für Unternehmen sowie Lockerungen bei den Arbeiter:innenrechten beschließen wird. Genau solche Maßnahmen haben Union und SPD gerade in ihrem Sondierungspapier beschlossen. Zweitens wird die Aufrüstung Deutschlands im Zuge der weltweiten Kriegsvorbereitungen in den nächsten Jahren nicht nur weitergehen, sondern durchaus ein höheres Tempo aufnehmen. Die kommende Bundesregierung will die Schuldenbremse fürs Militär aufheben und 500 Milliarden Euro in Infrastruktur investieren. Die EU-Kommission plant darüber hinaus ein europäisches Aufrüstungsprogramm mit einem Volumen von 800 Milliarden Euro.
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Profiteur Rheinmetall
Zu den Top-5-Gewinnern im DAX seit Jahresbeginn gehört der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall. Rheinmetall kann vor dem Hintergrund der „Zeitenwende“-Politik schon länger ein Rekordergebnis nach dem anderen vermelden, hat den Preis seiner Aktie seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt und rechnet allein für 2025 mit einem Umsatzplus von 25 bis 30 Prozent. Konzernchef Armin Papperger blickt deshalb sehr optimistisch in die Zukunft: „Eine Epoche der Aufrüstung in Europa hat begonnen, die uns allen viel abverlangen wird. Sie bringt uns bei Rheinmetall für die kommenden Jahre aber auch Wachstumsperspektiven, wie wir sie noch nie erlebt haben.“
Ähnlich gut sieht es für den Münchener Triebwerkshersteller MTU Aero Engines aus, dessen Aktie ebenfalls zu den fünf größten Gewinnern im DAX gehört und der neben der zivilen auch die militärische Luftfahrt ausrüstet. Von den Wachstumsperspektiven im Rahmen der Aufrüstung werden in Deutschland aber nicht nur die Rüstungskonzerne im engeren Sinne profitieren. Wenn Firmen wie Rheinmetall ihre Produktionskapazitäten im In- und Ausland massiv ausweiten, machen auch andere Industriezweige Geschäfte. In der vergangenen Woche etwa ging die Meldung um, dass einige Automobilzulieferer bald Munition und andere Güter für die Rüstungsindustrie produzieren wollen – was für sie den Weg aus der Krise weisen würde. Ähnliches könnte auch für die gerade noch kriselnde Chemieindustrie gelten, wenn auch erst mit einigem Zeitverzug.
Profiteur Siemens Energy
Nicht zuletzt dürften DAX-Unternehmen bei den geplanten Infrastrukturinvestitionen absahnen. Erst kürzlich gab die US-Investmentbank Goldmann Sachs deshalb eine Kaufempfehlung für die Aktie von Siemens Energy, die ebenfalls zu den Top-5-Performern im DAX seit Jahresbeginn gehört. Das Energieunternehmen dürfte zukünftig vor allem von den Plänen von Union und SPD profitieren, bis 2030 neue Gaskraftwerke mit einer Leistung von 20 Gigawatt zu bauen.
Kein Automatismus
Die staatlichen Aufrüstungs- und Infrastrukturprogramme könnten also die Produktion in Deutschland nach oben treiben und die Industrie aus der Krise führen. Finanziert werden diese Programme durch Steuergeld und damit auf Kosten von Arbeiter:innen. Die Börsenentwicklung der deutschen Unternehmen seit Jahresbeginn scheint dieser Entwicklung – die sich erst in einigen Jahren so richtig durchsetzen könnte – vorzugreifen.
In Stein gemeißelt ist sie dennoch nicht, denn der deutsche Kapitalismus muss sich bei seinem geplanten Wachstumskurs noch gegen seine Konkurrenten z.B. aus den USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich durchsetzen. Zudem ist da noch die Arbeiter:innenklasse, welche die geplanten Projekte nicht nur bezahlen, sondern auch produzieren soll. Wenn die Beschäftigten in den Fabriken die Rüstungspolitik am Ende nicht umsetzen wollen, würden die Gewinnfantasien der Finanzinvestor:innen zerplatzen wie eine Seifenblase.

