Nirgendwo auf der Welt ist die Zahl der Morde an Gewerkschafter:innen so hoch wie in Kolumbien. Die Regierung, kriminelle Strukturen, Paramilitärs und Großkonzerne – sie alle haben es auf die Rechte der Arbeiter:innen abgesehen.
Die Gewerkschaftsarbeit in Kolumbien ist lebensgefährlich. Der Gewerkschafter Jesús Cometa erzählt gegenüber der BBC: „Wenn man eine gewisse Stellung in der Gewerkschaft einnimmt, verliert man sein soziales Leben.“
Man könne sich dann nicht einfach in einer vollen Bar oder an einem Straßeneck aufhalten, denn „man weiß nie, wann man zu einem Ziel wird“. Cometa sagt weiter, dass auch seine Familie darunter leide. Denn auch sie wisse genau, in welcher Gefahr sie schwebe. Cometa weiß, wovon er spricht. Im Juli 2024 wurde er von einem Schützen auf einem Motorrad attackiert. Er überstand den Angriff unverletzt, aber sein Bodyguard wurde von den Schüssen getroffen.
Dieser Angriff ist bei weitem kein Einzelfall: Nach Angaben des „Global Rights Index 2024″ des Internationalen Gewerkschaftsbunds (ITUC) wurden im Zeitraum zwischen den frühen 1970er Jahren bis 2023 den registrierten Zahlen zufolge 3.323 Gewerkschafter:innen in Kolumbien ermordet. Insgesamt erhielten 7.884 Gewerkschafter:innen Todesdrohungen.
Carlos Olaya, Mitglied der Gewerkschaft Sinaltrainal, die vor allem in der Lebensmittelindustrie arbeitet, sprach in einem Interview, das auf Labournet.tv erschien, bereits im Jahr 2008 von insgesamt etwa 4.000 Morden an Gewerkschafter:innen in Kolumbien. Grundsätzlich ist also von einer höheren Dunkelziffer auszugehen. Die Verbrechen wurden und werden nur selten durch die Justiz aufgeklärt.
In den letzten Jahren gingen die Zahlen nach Angaben der ITUC zwar immer weiter zurück, doch das ist kein Anlass zur Entwarnung. Zwischen 2023 und 2024 wurden beispielsweise wieder elf Gewerkschafter:innen ermordet. Damit ist und bleibt Kolumbien weiterhin das gefährlichste Land für organisierten Arbeitskampf.
Die Morde geschehen dabei nicht wahllos oder unorganisiert. Gewerkschaftsmord habe Methode. Jesús Cometa berichtet davon, dass das Gewerkschaftspersonal an der Spitze gewöhnlich von den Attacken verschont bleibe. Einschüchterungen und Gewalttaten würden gezielt die mittleren Ebenen der Gewerkschaft betreffen, die vorwiegend im ländlichen Bereich arbeiten.
Kolumbianische Regierung: Viele Versprechen, keine Verbesserung
In dem „Gewerkschaft Monitor“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung wird die politische Lage und der Handlungsspielraum der Gewerkschaften in Kolumbien genauer beschrieben: Die Gewerkschaftsarbeit ist zwar gesetzlich zulässig. In der Praxis haben Gewerkschaften allerdings nur einen begrenzten Einfluss auf Lohnverhandlungen. Das Streikrecht werde oft ignoriert oder eingeschränkt.
In Kolumbien gibt es medial eine generelle Stigmatisierung der Gewerkschaftsarbeit und eine Unterdrückung der Arbeiter:innenrechte. Dies ändere sich nur sehr langsam. Fabio Arias, Chef des größten kolumbianischen Gewerkschaftsverbandes CUT, sagte der BBC: „Die Gewerkschaftsbewegung war immer mit den Parteien der Linken verbunden, und leider haben die vielen rechten Regierungen, die wir in Kolumbien hatten, immer behauptet, dass jeder, der ein Linker ist, eine Guerilla, ein Terrorist ist.“ Diese Hetze der Regierung würde die Morde weiter befeuern, so Arias.
Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Lippenbekenntnisse diverser Politiker:innen. Das Problem besteht allerdings heute noch fort. So versprach beispielsweise Juan Manuel Santos, der zwischen 2010 und 2018 Präsident von Kolumbien war, den Schutz der Gewerkschafter:innen durch verschiedene Reformen zu verbessern. Der nachfolgende Präsident Iván Duque legte diese Ambitionen jedoch wieder ad acta. Er sorgte für den Abbau der Rechte der Arbeiter:innen. Die Gewerkschaften verurteilten diese Entwicklung scharf.
An der Kohle, die Deutschland aus Kolumbien importiert, klebt Blut
Auftragskiller für das Kapital?
Für die Bedrohungen und die Gewalt gegen das Gewerkschaftspersonal ist vor allem die Ausbreitung der Paramilitärs ausschlaggebend: Seit den 1980er-Jahren begann deren Einflussnahme, die bis heute fortbesteht. Die Regierung behauptet zwar, dass sie die paramilitärischen Gruppen in Kolumbien ab dem Jahr 2003 demobilisiert habe. Dem widersprechen allerdings zahllose Fälle. Beispiele wären die Drohungen gegen Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften in Valle del Cauca.
Dies bestätigt auch der Chef des größten kolumbianischen Gewerkschaftsverbandes CUT, Fabio Arias. Der BBC sagte Arias, dass die Morde an den Gewerkschafter:innen im Kontext des schon lange bestehenden Bürgerkriegs in Kolumbien stattfänden. Dabei kämpften linke Rebellengruppen gegen rechte Paramilitärs. Die Drogenkriminalität und die Instabilität des kolumbianischen Staates begünstigten die Gewalttaten zusätzlich.
Die Strukturen des Kokainhandels und des illegalen Bergbaus in Kolumbien seien ebenfalls an den Morden und Einschüchterungsversuchen beteiligt. Ein Indiz dafür sei die geografische Nähe zwischen den Orten der Gewalttaten und den Stützpunkten der organisierten Verbrechen. Doch da die Verbrechen nur in seltenen Fällen aufgedeckt werden, sei unklar, wer genau die Morde begehe oder sie in Auftrag gebe.
Einige Gewerkschafter:innen gehen davon aus, dass die Taten von Unternehmen angezettelt werden, die diese in Auftrag geben würden, um die Organisierung der Arbeiter:innen im Keim zu ersticken. Ein Indiz: Gerade in Zeiten, in denen die Löhne verhandelt werden, nehmen die Gewalttaten tendenziell zu. Problem sei, dass es in einigen Regionen schlicht zu viele bewaffnete Akteure gebe, um sicher zu sein, wer konkret hinter welchem Angriff gesteckt habe.
Nestlé, Coca-Cola und Co. haben Blut an ihren Händen
Allerdings haben verschiedene Akteure ein Interesse an den Repressionen gegen die Gewerkschafter:innen: Obwohl die Täter:innen in den meisten Fällen unbekannt bleiben, gibt es doch immer wieder Hinweise, in wessen Interesse die Morde geschehen. Ein Fall im Jahr 2013 verdeutlicht dies: Im November 2013 erhielten zwei Gewerkschaftsführer der Gewerkschaft Sinaltrainal eine Morddrohung einer paramilitärischen Gruppe. Einen Tag später wurde Óscar López Triviño, der Mitglied dieser Gewerkschaft war, erschossen. Alle drei Personen waren in der örtlichen Nestlé-Fabrik angestellt.
Nestlé ist nicht die einzige Firma, die mit den paramilitärischen Strukturen in Verbindung gebracht wird. Einigen Firmen der Lebensmittelindustrie wird vorgeworfen, dass sie die paramilitärischen Gruppen finanziert haben sollen. Der Bananen-Konzern Chiquita wurde 2024 verurteilt, die ehemaligen paramilitärischen Vereinigten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC) finanziert zu haben. Ein Ex-Kommandant der AUC hatte im Zuge dieses Verfahrens weitere Großunternehmen des gleichen Verbrechens beschuldigt – darunter auch den Konzern Coca-Cola.
Die Gewerkschaft Sinaltrainal hatte bereits in den Nullerjahren den Verdacht geäußert, dass die AUC im Interesse des Konzerns Coca-Cola Gewerkschafter:innen verfolge und ermorde. Ziel dabei sei das Drücken der Löhne und damit die Bekämpfung einer organisierten Arbeiter:innenschaft gewesen. Eine Klage gegen Coca-Cola wurde jedoch mehrfach durch US-amerikanische und internationale Gerichte abgewiesen. Sinaltrainal startete daraufhin eine Boykott-Kampagne gegen den US-amerikanischen Weltkonzern, um zu versuchen, Druck auszuüben und Aufmerksamkeit für die ermordeten Gewerkschafter:innen zu schaffen.

