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10 Jahre Suruç: Erinnern heißt, mutige Entscheidungen zu treffen

Ein Jahrzehnt ist seit dem Anschlag in Suruç vergangen. Noch immer erinnern Menschen weltweit an die 33 jungen Revolutionär:innen, die auf dem Weg nach Kobanê ermordet wurden – und kämpfen dafür, dass ihre Träume weiterleben. Zwischen Gedenken und Repression zeigt sich der ungebrochene Wille, den Kampf fortzusetzen. – Ein Kommentar von Yara Silan.

„Auch im 10. Jahr werden wir als Genoss:innen der 33 ihre Namen laut rufen und den Kampf in ihrem Sinne fortführen“, erzählte Inan Söker kürzlich im Interview mit Perspektive. Inan ist Überlebender des Suruç-Massakers und kämpft heute auch in Deutschland dafür, dass die 33 Jugendlichen nicht vergessen werden.

Die 33 Gefallenen der Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu (Föderation der sozialistischen Jugendverbände der Türkei, SGDF) waren junge Revolutionär:innen auf dem Weg nach Kobanê in Nordsyrien. Dort wollten sie dabei helfen, die Stadt wieder aufzubauen, nachdem sie in langanhaltenden Gefechten mit dem IS 2014 nahezu zerstört worden war. Innerhalb kürzester Zeit mobilisierte die SGDF hunderte Jugendliche von der Türkei bis Nordkurdistan unter dem Motto „Gemeinsam haben wir verteidigt, gemeinsam bauen wir auf“, um sich auf diesen Weg zu machen.

Gerechtigkeit für Suruc, Gerechtigkeit für alle!

Kurz vor der syrischen Grenze wurde die Delegation vom türkischen Staat aufgehalten. In der Grenzstadt Suruç kamen sie im „Amara Kulturzentrum” zusammen, um eine Pressekonferenz abzuhalten. Im Vorgarten des Zentrums versammelten sich die Jugendlichen, als sich plötzlich ein Selbstmordattentäter des IS in die Luft sprengte und 33 Revolutionär:innen mit in den Tod riss. Der islamistische Attentäter bekam vermutlich Unterstützung vom türkischen Staat, dem die Revolution in Rojava ebenfalls schon lange ein Dorn im Auge war.

Zwischen Gedenken und Repression

Heute sind zehn Jahre vergangen. Und jedes Jahr strömen weiterhin tausende Jugendliche in der Türkei an diesem Tag auf die Straßen, um „Gerechtigkeit für Suruç“ zu fordern. Damit wollen sie aber nicht einfach eine Forderung an den faschistischen türkischen Staat richten, Konsequenzen aus dem Massaker zu ziehen. Vor allem fordern sie die Jugend auf, den Kampf gegen den Faschismus selbst in die Hand zu nehmen.

Sowohl bei ihren Gedenkveranstaltungen, als auch bei ihren Demonstrationen werden sie vom türkischen Staat dabei mit Repressionen überzogen. Rund um den Jahrestag sind sie immer wieder mit Verhaftungswellen konfrontiert, die das Gedenken im Keim ersticken sollen. Doch davon lassen sie sich nicht einschüchtern und schaffen es stattdessen, immer wieder neue Kraft aus ihrer Solidarität zu schöpfen.

„Die Träume der sozialistischen Jugend leben auch nach dem Suruç-Massaker weiter!“

In Kobanê (Rojava) gedachten am Samstag bereits dutzende Menschen der Gefallenen – so auch Xanim Îbrahîm, eine Vertreterin der Kommunistischen Revolutionären Bewegung (TKŞ). Sie sagte am Ende eines Gedenkmarschs für die 33 getöteten Jugendlichen: „Wir werden ihnen gedenken und ihre Fahne hochhalten. Wir werden ihre rote Fahne in allen vier Teilen Kurdistans erheben. Wir sagen: Die Gefallenen sind unsterblich.“

Auch in vielen europäischen Ländern finden jährlich Aktionen rund um das Suruç-Massaker statt. Neben zahlreichen Kulturveranstaltungen berichteten dieses Jahr auch Überlebende wie Inan Söker vor Ort von ihren Erfahrungen. Allein in Deutschland wird am Jahrestag in zwölf Städten zu Demonstrationen aufgerufen.

Ein Beispiel an der Entscheidungsmut nehmen

Wenige Tage vor dem Jahrestag veranstaltete unter anderem die Frauenorganisation Zora ein Gedenken im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Botschaft der Veranstaltung war klar: Wir sollten uns an den Gefallenen und den Überlebenden auch in diesem Jahr, am zehnten Jahrestag des Suruç-Massakers, ein Beispiel nehmen.

Ein Beispiel daran, wie sie die mutige Entscheidung getroffen haben, die Reise nach Kobanê anzutreten und selbst Teil der Revolution in Rojava zu werden – egal ob sie Schüler:innen oder Studierende waren, egal ob sie seit Jahren revolutionäre Organisationen anführten oder gerade die ersten Schritte in ihrem politischen Leben gingen.

Während die Namen der 33 Jugendlichen vorgelesen wurden, floss auch die ein oder andere Träne. Aber die Trauer war nicht das, was das Gedenken bestimmte. Es war die gestärkte Überzeugung, mit der die Jugendlichen die Veranstaltung verließen, um mit voller Kraft in die kommenden politischen Kämpfe einzuwirken.

Folgen wir am Jahrestag den zahlreichen Aufrufen, auf die Straße zu gehen und lassen wir die unsterblich gewordenen Revolutionär:innen in unserem Kampf weiterleben. Auf dass wir in der kommenden Zeit selbst mutige Entscheidungen treffen werden und entschlossen weitere Schritte im Kampf für eine befreite Gesellschaft gehen.

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