Zeitung für Solidarität und Widerstand

„Die Träume der sozialistischen Jugend leben auch nach dem Suruç-Massaker weiter!“

Vor 10 Jahren, am 20. Juli 2015, verübte der „Islamische Saat“ einen verheerenden Selbstmordanschlag im nordkurdischen Suruç (Türkei) gegen eine Jugenddelegation der SGDF. Im Interview berichtet Inan Söker von den Hintergründen und dem zehnjährigen Kampf um Gerechtigkeit.

Du warst damals selber Teil der Delegation in Suruç und wurdest schwer verletzt. Was war der politische Hintergrund der Delegation und warum wurde sie angegriffen?

Im Jahr 2012, während des Aufstands gegen die Diktatur von Assad in Syrien, erschufen die „staatenlosen Kurden“ durch die Verteidigung ihres eigenen Landes eine neue Hoffnung auf gesellschaftliche Befreiung – die Rojava-Revolution. In der Türkei wiederum formierte sich 2013 der Gezi-Widerstand gegen die faschistische Politik der AKP-Regierung. Bei den Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 konnte die AKP keine Alleinregierung bilden; die HDP überschritt die Wahlhürde und zog ins Parlament ein.

Der IS hingegen verübte vor den Augen der Weltöffentlichkeit Massaker, köpfte Menschen, während große Staaten tatenlos zusahen. 2014 griff der IS die Stadt Kobane in Rojava an. Tayyip Erdoğan erklärte offen seine Unterstützung für diesen Angriff mit den Worten „Kobane wird fallen!“ und unterstützte islamistische und reaktionäre Banden in Syrien im Sinne kolonialer Interessen. Gegen diesen großen Feind der Menschheit leistete das kurdische Volk gemeinsam mit internationalistischen Revolutionär:innen aus aller Welt heldenhaften Widerstand und errang einen bedeutenden Sieg über den IS. Dieser Sieg galt nicht nur den barbarischen IS-Banden. Es war auch ein Sieg der Frauenrevolution gegen eine Organisation, die Frauen versklavte, auf Märkten verkaufte und aus dem gesellschaftlichen Leben tilgen wollte.

Auch die sozialistische Jugend verteidigte Kobane aktiv aus der Türkei und Bakur heraus, reiste an die Grenze, nahm an Wachen und Protestketten teil. Dutzende ihrer Mitglieder überschritten die Grenzen, um sich dem kurdischen Volk im Widerstand gegen den IS anzuschließen – und das war der Anfang vom Ende des IS. Die Betonung „Gemeinsam haben wir verteidigt, gemeinsam werden wir aufbauen“ aus der gleichnamigen Kampagne stammt genau daher. Die Wiederaufbaukampagne verfolgte zwei Hauptziele: Erstens sollte das Leben angesichts der Zerstörung durch den Krieg wieder aufgebaut werden. Dafür wurden dringend benötigte Hilfsgüter, Bücher und Spielzeug gesammelt. Es wurde zu Mitarbeit in Bereichen wie Bauwesen, medizinischer Versorgung und psychologischer Unterstützung aufgerufen. Das zweite Ziel war es, die Kluft zwischen der Jugend und dem herrschenden System – wie sie sich im Gezi-Aufstand und dem 6.-8. Oktober-Kobane-Aufstand zeigte – durch die Perspektive einer gemeinsamen Revolution mit der Energie von Gezi und Kobane zu überbrücken und die Rojava-Revolution direkt zu berühren.

Im Rahmen der Kampagne wurden starke Massenarbeiten und Versammlungen organisiert. Die Aufgaben in Kobane und die Liste der Bedürfnisse wurden gezielt geplant. Selbst für den Fall, dass man uns an der Grenze den Übertritt verweigern würde, hatten wir Plan B und C. So wurden zum Beispiel Setzlinge für einen geplanten Wald in Kobane und Spielplatzmaterialien gemeinsam mit einer Gruppe sozialistischer Jugendlicher bereits im Vorfeld über die Grenze gebracht. Die sozialistische Jugend trat mit einem großen Anspruch auf. Hunderte junge Menschen kontaktierten uns, um die Grenze zu überschreiten und die Revolution zu berühren. „Hinzugehen“ bedeutete dabei nicht nur, sich mit den Kriegsfolgen zu befassen. Was getragen wurde, waren nicht nur Hilfsgüter, sondern die Wahrheit einer Zeit. Das Massaker von Suruç war der Versuch, genau diese Wahrheit ins Visier zu nehmen.

Das faschistische Regime bereitete 2014 in Übereinstimmung mit den im Nationalen Sicherheitsrat (MGK) gefassten Beschlüssen einen „Zerschlagungsplan“ vor. Dieser beinhaltete Massenmorde, politische Vernichtungsoperationen, Invasionen, Zwangsverwalter-Putsche und viele weitere Angriffe. Nach der Wahlniederlage der AKP am 7. Juni wurde dieser Plan mit dem Massaker von Suruç in Gang gesetzt. 33 junge Revolutionär:innen wurden ermordet, Hunderte verletzt. Die Türkei und Kurdistan haben viele Massaker erlebt – doch zum ersten Mal wurde eine Jugendorganisation gezielt ausgelöscht. Mit diesem Massaker sollte all jenen, die in der Türkei für Freiheit und Demokratie kämpfen, die Botschaft vermittelt werden: „Auch euch werden wir vernichten!“

Neun Jahre Suruç: Das Massaker geht weiter

Der türkische Staat hat die Aufklärung des Anschlags behindert, das Gedenken an die Opfer immer wieder stark kriminalisiert und Überlebende selber als „Terroristen“ verfolgt. Was steht dahinter?

Etwa sechs Monate nach dem Massaker wurden Verletzte von Suruç und deren Angehörige festgenommen. In der Untersuchung des Suruç-Prozesses gab es keinerlei Fortschritte. 21 Monate lang herrschte Geheimhaltung über die Ermittlungen. Ein Scheingerichtsverfahren wurde betrieben, die Hintergründe des Anschlags jedoch vertuscht. Alle Anträge unserer Anwält:innen im Verfahren wurden vom Gericht abgelehnt. Auch die Anträge der HDP und der DEM-Partei auf parlamentarische Untersuchung des Massakers wurden von der Regierung abgelehnt. Die Verantwortung sollte einem einzigen Angeklagten zugeschoben und die Akte damit geschlossen werden.

Der damalige Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte 2019 über die Ereignisse zwischen dem 7. Juni und dem 1. November 2015: „Wenn die Bücher über den Kampf gegen den Terror geöffnet werden, können viele Menschen nicht mehr unter Menschen treten.“ Unsere Anwält:innen forderten mehrfach, dass er als Zeuge geladen wird – vergeblich. Auch Davutoğlu selbst erschien nicht, denn er war mitverantwortlich für das Massaker.

Dem damaligen Polizeichef von Suruç, Mehmet Yapalıal, wurde lediglich eine Geldstrafe von 7.500 TL in 12 Raten auferlegt. Allein diese Entscheidung zeigt – wie auch bei früheren Massakern (Sivas, Maraş, Reyhanlı, Amed, Ankara…) – dass die wahren Täter nicht ermittelt werden sollen und die Rolle von Regierung und Geheimdienst (MIT) vertuscht wird. Deshalb hat der Kampf um Gerechtigkeit für uns eine tiefgreifende politische Bedeutung.

Am ersten Jahrestag des Suruç-Massakers begannen wir mit dem Motto „Gerechtigkeit für Suruç, Gerechtigkeit für alle“ unseren Gerechtigkeitskampf. Mit dem Fokus auf „Gerechtigkeit für alle“ sollte der Kampf gegen alle Massaker und Angriffe des Faschismus auf die Arbeiter:innenklasse und die Unterdrückten vereint werden. Zusammen mit den Familien und Angehörigen der Suruç Gefallenen wurde die „Initiative der Suruç-Familien“ gegründet. Jeden 20. des Monats finden weiterhin Sitzaktionen für Suruç statt. Jedes Jahr zum Jahrestag versammeln sich Jugendorganisationen, um den Gerechtigkeitskampf in einen politischen Abrechnungsprozess zu verwandeln. Auch wenn der Ruf nach Gerechtigkeit für Suruç zum Anlass für Festnahmen und Prozesse gemacht wird – der Kampf „Gerechtigkeit für Suruç, Gerechtigkeit für alle“ bleibt ein politisches Bollwerk gegen den Faschismus.

Hungerstreik in türkischem Grubengefängnis: „Keine Bitte an das Gewissen des Feindes“

Wie hat sich die politische Situation in der Türkei/Nordkurdistan und Rojava/Nordostsyrien seit dem Anschlag von Suruç verändert?

Die Rojava-Revolution, die als nationale Revolution des kurdischen Volkes begann, wurde zur Revolution der Völker Nordostsyriens, veränderte das Schicksal des Nahen Ostens und wurde zur Hoffnung für viele andere Völker. Die Revolution basierte auf drei zentralen Prinzipien: Gleichheit und Brüderlichkeit der Völker, Frauenrevolution und ein demokratisches System basierend auf Kommunen und Rätestrukturen. Genau davon träumten die 33 – dies zu sehen und zu leben. Doch der Versuch, dass Kurd:innen und Araber:innen gemeinsam ein alternatives Leben aufbauen, war für die Imperialisten und den kolonialistisch-faschistischen türkischen Staat inakzeptabel. Die Besatzungsoffensiven und Drohnenangriffe auf Rojava nach Suruç sind genau aus diesem Grund erfolgt.

Dass die Rojava-Revolution heute noch Bestand hat und auf dem Weg zur Anerkennung ist, bedeutet zugleich, dass die Träume der sozialistischen Jugend weiterleben. Doch bei allen Chancen, die sich aus den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten für Rojava ergeben, dürfen die damit verbundenen Gefahren nicht vergessen werden. Nach dem Sturz Assads zählt die Selbstverwaltung Nordostsyriens zu den Zielen der sich neu formierenden syrischen Ordnung. Weder in den Konferenzen zum Neuaufbau Syriens noch in den vorbereiteten Übergangsverfassungen ist etwas enthalten, das den Kurd:innen und anderen Völkern und Glaubensgemeinschaften der Region gleichberechtigte Staatsbürgerschaft zusichert.

Trotzdem sind die direkten Gespräche und Vereinbarungen zwischen HTŞ (Hayat Tahrir al-Sham) und QSD (Demokratische Kräfte Syriens) bedeutende Entwicklungen auf dem Weg zu einem offiziellen Status für Rojava. Eines der Versprechen, das man den in Suruç unsterblich Gewordenen geben kann, ist es, die Errungenschaften der Rojava-Revolution, für die sie ihr Leben gaben, weiter zu stärken. Dieses Versprechen muss als Aufgabe verstanden und mit Ernsthaftigkeit getragen werden.

Syrien: Wiederaufbau oder neue Ausbeuter?

Welche Aktivitäten habt ihr zum 10. Jahrestag des Anschlags geplant?

Das Hauptziel der diesjährigen Aktivitäten ist es, Suruç im 10. Jahr in möglichst großer Breite in die Gesellschaft zu tragen. Dazu werden in allen Arbeitsbereichen zentrale Gedenkveranstaltungen organisiert. Wie jedes Jahr koordinieren Jugendorganisationen in der Türkei und Nordkurdistan die Zeit bis zum 20. Juli und den Gedenktag selbst gemeinsam.

Von Gedenkkonzerten über Podiumsdiskussionen, Grab-Besuchen bis zu Filmvorführungen wird die Suruç-Arbeit als politische Kampagne verstanden. Auch in Europa wird das 10. Jahr von Suruç in verschiedenen Ländern und Städten aktiv begangen. Wie jedes Jahr ist das Ziel, am 20. Juli die Straßen zu füllen, die Namen der 33 auch in Europa zu rufen und das Massaker von Suruç auf die Tagesordnung der revolutionären Bewegung zu bringen. Wir werden Podien in Unis, Film- und Theateraufführungen sowie vielfältige Aktionen organisieren. Auch im 10. Jahr werden wir als Genoss:innen der 33 ihre Namen laut rufen und den Kampf in ihrem Sinne fortführen.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 100 vom Juni 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

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