Nachdem vergangene Woche die heftigsten Eskalationen seit über einem Jahrzehnt im Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha stattfanden, hat sich die Lage nun beruhigt – vor allem unter der Vermittlung der Trump-Regierung. Was steckt dahinter?
Fünf Tage haben die Gefechte an der Grenze zwischen den beiden südostasiatischen Ländern angedauert. Während dieser neuen Eskalation waren mittlerweile mindestens 35 Menschen getötet worden, über 300.000 sind auf der Flucht. Nun kam am Montag endlich die bedingungslose Feuerpause.
In einer Pressekonferenz verkündete der malayische Ministerpräsident Anwar Ibrahim, dessen Land gerade den Vorsitz des südostasiatischen Bündnisses ASEAN innehat, die Waffenruhe, die ab Mitternacht gelten sollte.
Die anwesenden Regierungschefs der Konfliktparteien, Hun Manet (Kambodscha) und Phumtham Wechayachai (Thailand), konnten dabei nicht unterlassen, den US-amerikanische Präsidenten Donald Trump zu erwähnen: Wechayachai lobte ihn für seine „entschlossene Vermittlung“ und Hun Manet sprach seinen „aufrichtigen Dank“ aus.
Konflikt gezeichnet durch familiäre Verstrickungen
Nicht nur die Friedensverhandlungen, sondern auch der Konflikt selbst sind dabei – zumindest teilweise – das Ergebnis der immer weiter anwachsenden Spannung zwischen den Großmächten China und USA. Doch es gibt noch mehr Details, als nur die Interessen der ganz Großen zu betrachten: Der Grenzkonflikt zwischen den beiden Ländern schwelt schon seit Jahrzehnten und stammt wie so oft aus kolonialen Zeiten.
Bereits im Mai war die Auseinandersetzung wieder aufgeflammt, nachdem es zu Schusswechseln mit einem Toten gekommen war. In der Folge brach in Thailand eine innenpolitische Krise aus: Die Regierungschefin Paetongtarn Shinawatra wurde suspendiert, nachdem Mitte Juni die kambodschanische Seite ein Telefonat zwischen ihr und dem Patriarchen Hun Sen veröffentlicht hatte. Hun Sen ist der Präsident des kambodschanischen Senats und de facto Herrscher des Landes – offiziell übernimmt die Rolle des Premiers sein Sohn Hun Manet.
In diesem Telefonat hatte die thailändische Premierministerin Hun „Onkel“ genannt und einen thailändischen Kommandeur als „gemeinsamen Feind” betitelt. Viele interpretierten dies als eine Unterordnung unter die kambodschanische Regierung. Zudem hält das thailändische Militär einiges an Macht, was den Skandal deutlich verschlimmerte.
Doch nicht nur auf der kambodschanischen Seite gibt es familiäre Verstrickungen in der Regierung: Vor Paetongtarn waren auch schon ihr Vater und ihre Tante Premierminister:innen. Beide dieser Amtszeiten endeten mit einem Militärputsch. In der aktuellen Lage im Land, in welcher der öffentliche Diskurs sehr nationalistisch geprägt ist – ob der Frage, wo denn die Grenze nun verlaufen solle und wer im Recht sei – wurden den Regierungen diese problematischen Verstrickungen offensichtlich zum Verhängnis.
Zeit zum Aufatmen?
Und trotzdem ruhen die Waffen nun doch: trotz des aufgeheizten Militärs Thailands und eines Kambodschas, das nicht zurückweichen will, trotz soviel Geschichts-Ballasts um den Grenzkonflikt und dem davon betroffenen 1.000 Jahre alten Tempel Prasat Preah Vihear. Eine große Erleichterung für 300.000 Menschen auf der Flucht.
Ob die Waffenruhe allerdings langfristig halten kann, bleibt fraglich: Schon am Dienstag gab es Vorwürfe von Thailand, dass Kambodscha Angriffe in mehreren Grenzgebieten gestartet habe, die kambodschanische Regierung streitet dies ab. Bewohner:innen der durch den Konflikt betroffenen Regionen zeigen sich vorsichtig und wollen der Waffenruhe nicht so schnell vertrauen.
Thailand wichtiger Elektronik-Exporteur
Eine Deeskalation wäre derweil nicht nur für die Bewohner:innen der Grenzgebiete eine Erleichterung, sondern auch für einige Großmächte und weltweite Handelsketten. Eine Lieferketten-Analyse von Everstream zeigt: Die Elektronik-Exporte Thailands haben sich zwischen 2019 und 2024 verdoppelt. Mittlerweile ist das Land zu einem namhaften Apple-Zulieferer geworden, auch HP möchte bis zum Ende des Geschäftsjahres 90 Prozent seiner Produktion von China hierhin verlegen.
Auch andere Länder haben stark zugelegt in den vergangenen Jahren: So sind auch Vietnam und Malaysia auf dem aufsteigenden Ast – mit Steigerungen von deutlich über 80 Prozent. Auch Singapur und die Philippinen haben ihre Exporte gesteigert. Damit sind fünf südostasiatische Länder in den Top Ten der weltweit wachsenden Elektronik-Produzenten der vergangenen sechs Jahre.
Und so wird auch klar, dass die Zolldrohungen von Trump durchaus großen Einfluss gehabt haben könnten: Beiden Ländern hätten so Zölle von 36 Prozent gedroht – ein kaum stemmbares Ausmaß. Der thailändische Industrieverband FTI hatte Einbußen von 27 Milliarden Dollar pro Jahr errechnet – viele der thailändischen Exporte gehen nämlich in die USA.
Kein Interesse an Stellvertreterkrieg
Währenddessen haben Konkurrenten in der Region, vor allem Vietnam und die Philippinen sich bereits etwas niedrigere Zölle gesichert. Und so bekommen die USA wieder einmal ihren Willen, womöglich sogar etwas mehr, als ohne diesen außenpolitischen Konflikt.
Daraus lässt sich vermutlich auch die Motivation der Trump-Regierung als Friedensstifter ableiten. Gerade im Angesicht des sich zunehmend zuspitzenden Handelskriegs mit China, sowie dem immer weiter steigenden Risiko einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den beiden mächtigsten Ländern der Welt, sieht sich die USA abhängiger von Importen aus anderen Ländern. Auch Chinas Zurückhaltung lässt darauf hindeuten, dass keine der beiden Großmächte derzeit Interesse an einem Stellvertreterkrieg zwischen Thailand und Kambodscha hat.
Offensichtlich gibt es in der Region wirtschaftlich noch Einiges zu bewegen – auch wenn der diplomatische Ton weltweit rauer und die Spielräume überall kleiner werden. Es scheint so, als würde der nächste große Konflikt nicht hier ausbrechen – zumindest vorerst nicht.

