Bei tagelangen Auseinandersetzungen zwischen sunnitischen Beduinen und Drusen in der syrischen Provinz Suwaida kam es zu mehr als 500 Toten. Sowohl die syrische Armee als auch Israel griffen ein. Westliche Mächte drängen auf Deeskalation.
Seitdem die HTS (Haiʾat Tahrir asch-Scham) – ein sunnitischer al-Kaida Ableger in Syrien – das Assad-Regime gestürzt hat, werden regelmäßig religiös motivierte Massaker an der Bevölkerung verübt. So wurden im März mehr als 1.000 Menschen, die der religiösen Minderheit der Alawit:innen angehörten, getötet. Zuletzt kamen in Damaskus 25 Menschen durch einen Selbstmordanschlag in einer griechisch-orthodoxen Kirche ums Leben. Es kommt deshalb immer wieder Kritik an Präsident Ahmed al-Scharaa und seiner Regierung auf, dass diese nicht genug tue, um religiöse Minderheiten zu schützen, und die Gewalt willig hinnähme.
Es bleibt also kaum verwunderlich, dass die Kämpfe zwischen drusischen Kämpfer:innen, Beduin:innen und der syrischen Armee von zahlreichen Entführungen, Hinrichtungen und anderen Verbrechen begleitet werden, wie zahlreiche Augenzeugenberichte und Videos in den sozialen Medien belegen. Insgesamt sind bei den tagelangen Kämpfen bereits mehr als 500 Menschen getötet worden.
Im Laufe der Kämpfe kam es zu mehrfachen Versuchen, eine Waffenruhe auszuhandeln. Innerhalb von 24 Stunden wurden jedoch zwei Abkommen über eine Waffenruhe auf Anweisung von Hikmat al-Hijri, einer wichtigen drusischen Führungspersönlichkeit in Suwaida, gebrochen. Al-Hijri ist ein Gegner der HTS-Regierung, verbündete sich nach Assads Fall mit drei seiner Generälen und begrüßt israelische Intervention.
Am Mittwoch wurde schließlich eine dritte Waffenruhe unter der Vermittlung der USA ausgehandelt, die bislang zu halten scheint. Die Bedingungen dieser Vereinbarung – konkret ein Abzug des syrischen Militärs und die Kontrollübernahme durch lokale Sicherheitskräfte – unterscheiden sich dabei nicht allzu sehr von den vorherigen Abmachungen. Der Abschluss unter US-amerikanischer Vermittlung scheint wohl auf mehr Integration der drusischen Provinz in den syrischen Übergangsstaat hinzudeuten.
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Israel greift militärisch ein
Stunden, nachdem die syrischen Truppen mit schweren Waffen ihren Angriff auf die Hauptstadt as-Suwaida begonnen hatten, antwortete Israel mit Luftschlägen auf syrische Ziele. Mittwoch wurden auch Ziele in Damaskus bombardiert. Betroffen waren unter anderem das Verteidigungsministerium und Ziele nahe des Präsidentschaftspalasts.
Besonders überraschend scheint, dass sich noch am letzten Wochenende Vertreter:innen beider Regierungen in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, zu Verhandlungen um die Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen getroffen haben. Dabei hat der syrische Präsident Al-Sharaa angeboten, die von Israel besetzten Golanhöhen – nach Völkerrecht eigentlich Teil Syriens – als israelisch anzuerkennen. Ein weiterer Bestandteil der Gespräche war die Präsenz von schweren Waffen im Süden des Landes, die Israel ablehnte. Der Deal scheint nun aber vorerst in die Ferne gerückt zu sein.
Schutzmacht oder Eigeninteresse?
Israel begründete die Angriffe damit, dass man sich selbst als die Schutzmacht der Drusen verstehe. Es stimmt tatsächlich, dass die Drusen eine bedeutende Minderheit in Israel sind und auch viele von ihnen im israelischen Militär dienen. Doch im aktuellen Konflikt muss man vor allem auch die geostrategischen Interessen Israels beachten.
Bereits seit dem Kampf um die Macht zwischen dem Assad-Regime und der HTS im Dezember letzten Jahres drang Israel immer weiter ins syrische Kerngebiet vor und baut sich dort einen Puffer auf. Auch bei dem Konflikt um Suwaida – im Südwesten des Landes an der Grenze zur Jordanien gelegen – geht es Israel durchaus um die Präsenz von schweren Waffen im Süden Syriens, das ein potenzielles Einzugsgebiet darstellt. So erhofft sich Israel, Syrien klein zu halten und seine Vorherrschaft gegenüber dem Iran auszubauen. Gerade, da die Waffenlieferungen der pro-iranischen libanesischen Hisbollah über Syrien laufen, bestünde so die Möglichkeit, den größten Konkurrenten der Region, den Iran, zu schwächen.
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Westen will Entspannung
Die USA und andere westliche Großmächte wie Deutschland wünschen sich hingegen vor allem eine Beruhigung und Normalisierung der Lage, da sie keinen Nutzen aus einer weiteren Eskalation ziehen würden – im Gegenteil: Die Al-Sharaa-Regierung ist den USA gegenüber freundlich gesinnt, hat das pro-russische Assad-Regime gestürzt und die Kontrolle über die Ölvorkommen fest gesichert.
Auch der deutschen Bundesregierung, die bereits seit Dezember letzten Jahres versucht, vermehrt syrische Geflüchtete abzuschieben und wirtschaftliche Interessen in dem zerstörten Land auszubauen, käme eine Destabilisierung der Lage nicht gelegen. Außenminister Johann Wadephul (CDU) rief deshalb alle Akteure auf, „nichts zu unternehmen, was die Stabilität Syriens und und den Transitionsprozess gefährden könnte“
Auch anderen den NATO-Staaten hilft ein ausgeweiteter Konflikt zwischen Israel und der neuen syrischen Regierung nicht weiter. Man ist mit beiden Staaten verbündet und sie spielen eine wichtige Rolle, um die eigenen geostrategischen Interessen in Westasien durchzusetzen. Das erklärt auch die Auslegung des US-Außenministers Marco Rubio, dass es sich um ein „Missverständnis“ handle.

