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„Hartmann Care“: Chef und Vermieter zwingt Pflege-Azubis aus ihrer Wohnung

„Alle raus hier!“ – Mit diesen Worten beginnt für junge Pflege-Azubis in Freiburg ein Albtraum. Per WhatsApp wurden sie aufgefordert, ihre Wohnung in wenigen Tagen zu räumen – von dem Mann, der zugleich ihr Chef und Vermieter ist. Nachbar:innen konfrontierten den Unternehmer des Pflege-Franchise Schöner Leben, das mit „Würde und Wertschätzung“ wirbt. – Ein Bericht von Alexandra Baer.

Was als generalistische Pflegeausbildung begann, wirkt für einige Azubis inzwischen wie ein Albtraum in Etappen: Am Freitag, den 18. Juli, erhielten die Bewohnerinnen einer Wohngemeinschaft im Freiburger Stadtteil Weingarten per WhatsApp eine Mitteilung: Bis zum 27. Juli müssten sie ihre Zimmer räumen – wegen angeblicher „Sanierungsarbeiten“. Tatsächlich jedoch gibt es bereits anderslautende Gerüchte, dass 13 neue Pflege-Azubis in die Wohnung einziehen sollen, sobald die anderen raus sind.

Die jetzigen Bewohnerinnen sollten die Wahl haben: Entweder sie ziehen in ein 22 Kilometer weit entferntes Industriegebiet um – oder sie suchen sich eine neue Wohnung. Auf der WhatsApp-Mitteilung hieß es, dass die Bewohnerinnen alle nach Kenzingen – besagtes Industriegebietkommen oder sich eine eigene Wohnung in Freiburg suchen könnten – ab dem 28. Juli könne aber niemand mehr in die bisherige Wohnung zurück. Auf Nachfrage, ob man denn irgendwie wieder zurück nach Freiburg kommen könnte, hieß es von einer Mitarbeiterin des Unternehmens: „vielleicht“.

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Chef und Vermieter gleichzeitig

Der Vermieter, die Hartmann Care GmbH, ist gleichzeitig Ausbildungsort und Arbeitsplatz. Die Betroffenen sind zumeist junge ausländische Frauen ohne deutschen Pass, ohne Familie oder Verwandte in Deutschland, und absolvieren derzeit ihre Ausbildung in der ambulanten Pflege bei der Hartmann Care GmbH.

Ihr Mietvertrag ist an die Ausbildung gekoppelt – dieser läuft aber eigentlich bis 2027. Und obwohl auch ihnen klar ist, dass die Kündigung über WhatsApp rechtswidrig ist, hat das Pflegeunternehmen Hartmann es geschafft, sie so sehr unter Druck zu setzen, dass sie ihre Wohnungen tatsächlich verließen.

Belästigungen in der Alternativunterkunft

Und die Alternativunterkunft in einem Kaff außerhalb von Freiburg? Für viele keine echte Option. Bewohnerinnen, die schon einmal in das Wohnheim dort abgeschoben wurden, schildern Zustände, die sie und jede Person mit Selbstachtung als unzumutbar empfänden:

Container statt Beton, Gemeinschaftsunterkünfte mit ausschließlich Doppelzimmern, einem Kakerlaken-Problem, sanitären Anlagen im Freien – der Bahnhof und die nächste Einkaufsmöglichkeit 14 Minuten zu Fuß entfernt.

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Besonders erschreckend: Das Wohnheim wird anscheinend auch von Männern bewohnt, die wohl für eine Baufirma arbeiten und von morgens bis abends vor der Eingangstür Bier tränken und laut Musik hörten. Es soll bereits mehrmals zu Belästigungen von Bewohnerinnen gekommen sein, und teilweise soll nachts sogar versucht worden sein, die Zimmertüren der Frauen zu öffnen.

Hartmann „Care“ – Sorge anscheinend nicht für die eigenen Azubis

Der Fall scheint kein Einzelfall zu sein: Immer wieder berichten die Azubis von Druck, Drohungen und fragwürdigen Methoden. Einer jungen Frau z.B. sollen die Kosten für ein Monatsticket ohne Vorwarnung von ihrem Lohn abgezogen worden sein – als sie dagegen protestierte, solle man ihr mit Kündigung gedroht haben.

Ein weiteres Beispiel: Der Führerschein. Zunächst habe das Unternehmen angeboten, die Kosten zu übernehmen. Dann hieß es, man müsse selbst zahlen oder einen Kredit aufnehmen. Erst nach Intervention der Fahrschule sei schließlich eine Kostenübernahme zugesichert worden. Nun werde aber ein Bestehen der Prüfung an einem vorbestimmten Datum verlangt – ungeachtet der schichtbestimmten Arbeitszeiten oder berufsbezogenen Prüfungen.

„Schöner Leben“ – aber nicht für die Angestellten

Kakerlaken, Kredite, Kündigungsdruck – und mittendrin: junge Pflegekräfte, die eigentlich nur ihre Ausbildung absolvieren wollen. In der aktuellen Wohnung soll es seit Monaten ein Kakerlaken-Problem geben – angeblich eingeschleppt aus dem anderen Wohnheim. Auch hier sei von Kostenübernahme zunächst keine Rede gewesen. Pro Kopf sollten zur Beseitigung dann über 80 Euro gezahlt werden.

Rasant steigende Mieten trotz Mietpreisbremse

Laut Impressum der Unternehmenswebsite handelt es sich bei der Hartmann Care GmbH um einen Pflegedienst, der Teil eines Franchise-Systems der SLAP GmbH – Schöner Leben ist. Laut Unternehmenswebsite ist Schöner Leben ein Pflegedienst, „geprägt von Würde, Wertschätzung und echter Zuwendung”. Ein Unternehmen, bei dem „der Mensch im Mittelpunkt (steht) – sowohl der Pflegebedürftige als auch der Pflegende.“

Protest gegen Zwangsräumung

Am Sonntag dem Räumungstag kam der Vermieter/Chef dann mit einem Viehwagen (für Pferde) in die Krozinger Str. in Freiburg, um die Sachen der Frauen aus der Wohnung zuräumen. Als er die Treppen zur Wohnung hochging, rief er laut: Alle raus hier!. Doch gegen die Einschüchterungsversuche des Chefs und Vermieters versammelte sich auch ein Protest vor dem Wohngebäude.

Angesichts der spontan Versammlung wurde er scheinbar nervös und rief die Polizei gerufen wegen angeblicher Belästigung. Als die Polizei bestätigte, dass vor dem betroffenen Wohnhaus eine Versammlung stattfinden durfte vermied er daraufhin den Blickkontakt mit den Demonstrierenden und trug still die leichtesten Kisten in den Umzugswagen.

Der Fall Hartmann Care ist kein Einzelfall – aber ein besonders drastischer. Er zeigt, wie schnell junge Menschen – oft aus dem Ausland und ohne familiäres Netz – in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten können. Sie sind rechtlich kaum wehrfähig, emotional ausgeliefert und strukturell entrechtet.

Er zeigt auch: Wenn es hart auf hart kommt, interessiert sich so manches Unternehmen nicht für seine Auszubildenden oder Angestellten – sondern dafür, sie klein zu halten, hin und her zu schieben und unter Druck zu setzen, solange es dem eigenen Vorteil dient. Konsequenzen? – Bisher keine.

Gegenüber Perspektive Online äußerte sich die Hartmann Care GmbH nicht zu den Vorwürfen.

Alexandra Baer
Alexandra Baer
Autorin Seit 2023. Angehende Juristin, interessiert sich besonders für Migration und Arbeitskämpfe. Alexandra ist leidenschaftliche Fußballspielerin und vermisst die kalte norddeutsche Art in BaWü.

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