Emine Ocak, eine der Mitbegründerinnen der Samstagsmütter-Bewegung in der Türkei, ist am Mittwoch verstorben. Hunderte begleiteten sie auf ihrem letzten Weg. Mit ihrem konsequenten Kampf gegen das Verschwindenlassen hatte sie eine Strahlkraft in der ganzen Welt. – Ein Kommentar von Yara Silan.
Hunderte Nelken übersäen ein frisches Grab auf dem Friedhof des Istanbuler Arbeiter:innenviertels Gazi. Kurz zuvor ist der geschäftige Verkehr des Viertels unterbrochen durch hunderte Menschen, die sich in einer Gedenkdemonstration zum Friedhof bewegen. Vielstimmig ertönen die Parolen „Die Wut der Mütter wird die Mörder ersticken!“ und „Mutter Emine ist unser Stolz!“.
Umringt werden die Gedenkenden, die Nelken in den Händen zum Grab tragen, von einem großen und aufgerüsteten Polizeiaufgebot. Die Trauergemeinschaft wird behandelt wie eine Ansammlung von Schwerverbrecher:innen. Sie trauern um Emine Ocak, die am 23. Juli 2025 infolge eines Herzinfarkts vor wenigen Wochen verstorben ist. Das Gazi-Viertel hat eine seiner widerständigsten Seelen, die revolutionäre Bewegung eine ihrer stärksten Kämpferinnen verloren.
„Wir wollen Hasan lebend zurück!“
Vor 30 Jahren spielte sich im Gazi-Viertel von Istanbul vom 12. bis 15. März 1995 ein Aufstand ab, der zu mehrtägigen Straßenkämpfen mit der Polizei führte. Gazi ist ein Ort, an dem vor allem Alevit:innen – eine in der Türkei unterdrückte Glaubensgemeinschaft – leben. Auslöser des Aufstands war damals der staatlich inszenierte Angriff auf ein Café und die Erschießung eines älteren alevitischen Mannes aus dem Viertel.
Das dahinter stehende Ziel bestand darin, alevitische und türkische Arbeiter:innen gegeneinander aufzuhetzen. Emines Sohn, Hasan Ocak, war einer der Kommunist:innen, die in dieser Gemengelage die Wut der Bevölkerung des Viertels gegen den Staat anstatt gegen die sunnitischen Nachbar:innen richteten und einen tagelangen Aufstand anführten. Die Rebellion ging über mehrere Tage.
Es dauerte nicht lange, bis Hasan von der Polizei gesucht, gefunden und am 21. März 1995 entführt wurde. Das Verschwindenlassen von Revolutionär:innen und demokratischen Aktivist:innen war in den 90er Jahren eine sehr verbreitete Praxis des türkischen faschistischen Staats.
Als Emines Sohn nicht mehr nach Hause zurückkehrte, beschlossen seine Genoss:innen und die Familie, Widerstand gegen diese Entführung zu organisieren. Mit ihrer Kampagne „Ihr habt Hasan Ocak lebendig festgenommen, wir wollen ihn lebendig zurück“ haben sie unaufhörlich vielfältige Aktionen durchgeführt. Emine Ocak selbst wurde wie viele andere Aktivist:innen immer wieder von der Polizei angegriffen, geschlagen, festgenommen. Aber sie ließ sich nicht einschüchtern.
Durch diese intensive Kampagne konnte Hasan Ocaks gefolterte Leiche am 17. Mai 1995 auf einem Friedhof der Unbekannten aufgefunden werden. Sie wurde am 19. Mai im Stadtteil Gazi mit einer großen Massenbeteiligung beigesetzt.
Emine Ocak gab den Kampf nie auf
Aber auch danach gab Emine Ocak nicht auf. Mit anderen Müttern von Verschwundenen begann sie gemeinsam nach dem Vorbild der argentinischen Madres de la Plaza de Mayo die Samstagsmütter-Bewegung. Jeden Samstag setzten sie sich vor das Galatasaray-Gymnasium in der Istanbuler Innenstadt – in den Händen die Bilder ihrer verschwundenen Kinder – und forderten Aufklärung und Gerechtigkeit.
Jeden Samstag trotzten sie der Polizei, die sie gewalttätig in Gewahrsam nahm, tagelang unter unwürdigen Bedingungen festhielt und mit allen Mitteln ihren Widerstand zu brechen versuchte. Seit 30 Jahren hält diese Bewegung an, denn die Mütter haben sich geschworen, nicht aufzuhören, bis die Politik der Straflosigkeit ein Ende nimmt.
Die Bewegung verkündete den Tod Emine Ocaks auf der Plattform X: „Wir haben Emine Ocak verloren, die mit ihrem Mut, ihrer Beharrlichkeit und ihrer Entschlossenheit die stärkste Stimme in unserem Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit war. Wir verabschieden uns von unserer Mutter Emine am Donnerstag vom Galatasaray-Platz, wo sie 30 Jahre lang gekämpft hat.“
Ein internationales Symbol des Widerstands
Emine Ocak ist zu einem Symbol des Kampfs gegen das Verschwindenlassen geworden. In keinem Moment ihres Lebens war sie von ihrer entschlossenen Haltung gegen den Faschismus und von ihrem Widerstand abgerückt. Sie wurde damit zu einem Vorbild für Generationen von Revolutionär:innen und Antifaschist:innen.
Ihr Widerstand hatte auch eine internationale Strahlkraft: Unvergessen sind die Bilder der von den Samstagsmüttern mitinitiierten internationalen Konferenzen gegen das Verschwindenlassen, auf denen sie und die Madres de la Plaza de Mayo aufeinandertrafen und sich umarmten. Der gemeinsame Schmerz, aber vor allem der gemeinsame Widerstand vereinte sie.
Hasan Ocak war einer der wenigen „Verschwundenen”, dessen Leichnam später gefunden werden konnte. Das war vor allem der umfassenden Kampagne, die für ihn organisiert wurde, zu verdanken: Wochenlang hatten Kommunist:innen alles besetzt, was besetzt werden konnte, hatten mit allen möglichen demokratischen bis hin zu unzähligen praktisch-legitimen Aktionen für sein Aufspüren gekämpft.
Sie hatten sich das Ziel gesetzt, seine Geschichte im ganzen Land bekannt zu machen, die Repression des Regimes überall anzuklagen, den Staat immer stärker einzuengen und eine Vertuschung des Falls unmöglich zu machen. An vorderster Stelle stand Emine Ocak, die bereit war, für ihren Sohn und die Aufklärung alles zu geben.
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Mit ihrer Kampagne schafften sie es zum ersten Mal, einen Verschwundenen ins Gedächtnis zurückzuholen. Selbst wenn es nur sein Leichnam war, war das ein großer Erfolg, denn er zeigte: Wir lassen unsere Leute nicht einfach verschwinden, wir akzeptieren diese Politik der Angst nicht. Damit versetzten Emine Ana und ihre Genoss:innen der Politik des Verschwindenlassens einen tiefen Schlag und konnten diese Praxis zurückdrängen.
Mit den Samstagsmüttern schaffte sie es, eine Bewegung gegen den Faschismus zu gründen, die weit über den eigenen Schmerz hinaus ging und eine Anlaufstelle für unzählige Mütter und ein Vorbild für unzählige Jugendliche wurde. Von Emine Ocak zu lernen, heißt kämpfen zu lernen, heißt siegen zu lernen.

