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Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha eskaliert

Entlang der gemeinsamen Grenze von Kambodscha und Thailand ist es erneut zu Gebietskämpfen gekommen. Der Territorialkrieg wird durch Thailands Nähe zu den USA und Kambodschas Abhängigkeit von China überlagert.

Am Donnerstag entflammte der Konflikt zwischen Kambodscha und Thailand ein weiteres Mal. Bisher ist bekannt, dass es 16 Tote gibt, davon 13 Zivilist:innen, darunter Kinder. Mindestens 32 Zivilist:innen und 15 Soldat:innen gelten darüber hinaus als verletzt. Was besonders dramatisch zu sein scheint:

Allein in Thailand wurden 140.000 Menschen aus der Grenzregion durch die Kriegshandlungen vertrieben. Kambodscha meldete bisher 4.000 fortgetriebene Anwohner:innen. Gekämpft wird mit schweren Waffen wie Artillerie und Raketenwerfern. Am Freitagmorgen wurden weitere Gefechte verzeichnet. Derzeit gibt es mindestens ein Dutzend Regionen, in denen gekämpft wird.

Die Situation entlang der 800 Kilometer langen gemeinsamen Grenze gilt schon seit Jahren als angespannt. Ende Mai kam es bereits zu einem Feuergefecht. Dabei wurde ein kambodschanischer Soldat getötet.

Auslöser für die jüngste Eskalation ist die Tatsache, dass fünf thailändische Soldaten am Mittwoch von einer Landmine verletzt wurden, einer der Soldaten soll dabei sogar sein Bein verloren haben. Bei den Gefechten, die daraufhin entbrannten, werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, zuerst geschossen zu haben.

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Thailand unterstellt dem Militär Kambodschas, das Gebiet vorsätzlich vermint zu haben, und wertet dies als einen direkten Angriff auf seine Armee. Kambodscha hingegen gibt an, die Mine stamme aus seinem schon Jahrzehnte zurückliegenden Bürgerkrieg von 1967 bis 1975.

Damals eskalierte in Kambodscha ein Bürgerkrieg zwischen der US-gestützten Regierung Lon Nol und den sogenannten Roten Khmer. Thailand unterstützte die USA logistisch, z.B. mit Luftwaffenstützpunkten für Bombenangriffe auf Kambodscha.

Zudem beschuldigte Kambodscha das thailändische Militär, die Grenze unbefugt überschritten zu haben, da sich die Mine auf dem Staatsgebiet Kambodschas befand. Seit etwa 15 Jahren eskaliert der Konflikt zwischen den beiden Staaten immer wieder.

Im Jahr 2011 gab es bereits Schusswechsel, bei denen 20 Menschen getötet wurden. Das thailändische Militär agierte dabei in vielen Fällen bereits schon autonom von der eigenen Regierung und riss in der Vergangenheit immer wieder die Macht an sich.

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Im Zentrum des Konflikts steht symbolisch der etwa 1.000 Jahre alte Tempel Prasat Preah Vihear. Er steht in Grenznähe und ist offiziell UNESCO-Kulturerbe. Angeblich soll er in den Kämpfen schon beschädigt worden sein. Die Weihestätte wird dem Khmer-Erbe von Kambodscha zugeschrieben. Auch der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen (IGH) sprach Kambodscha im Jahr 2013 die Souveränität über die Region zu. Thailand erkennt dies aber nicht an.

Der Tempel ist jeweils aus nationalistischen Gründen aufgrund seiner kulturellen und religiösen Bedeutung ein umstrittenes und bedeutendes Objekt der Begierde für beide Seiten. Der Konflikt dreht sich darüber hinaus um den Grenzverlauf, der noch aus der französischen Kolonialzeit Kambodschas stammt.

Einerseits gibt es trotz alledem weiterhin viel Handel zwischen Kambodscha und Thailand. Andererseits reicht der Konflikt tief in das Gedächtnis der Menschen hinein, und es gibt von beiden Seiten rassistische Ressentiments gegenüber der jeweils anderen Seite.

China handelt mit beiden Staaten. Allerdings ist gerade Kambodscha sehr abhängig von China, verkauft viele seiner Ressourcen an die Volksrepublik und wird von China quasi neo-kolonialisiert. Gleichzeitig wäre Kambodscha ohne die Unterstützung Chinas in diesem Konflikt deutlich unterlegen.

Welche Rolle nehmen globale Kräfte in diesem Konflikt ein?

Thailand ist seit 1954 ein US-Verbündeter (Manila-Pakt) und beherbergte im Vietnamkrieg mehrere US-amerikanische Militärstützpunkte, z.B. für US-Bomber. Bis heute ist das Land ein wichtiger Partner der USA mit gemeinsamen Militärübungen wie z.B. „Cobra Gold“ im Februar diesen Jahres oder in Rüstungsdeals. Trotz enger US-Beziehungen balanciert Thailand jedoch mit seinen Abhängigkeiten und baut seine Rüstungsindustrie auch mit Hilfe von China und Russland aus.

Kambodschas Armee (1993 neu gegründet) ist ihrerseits sehr eng mit China und Vietnam verbunden. China liefert moderne Waffen, baute den gemeinsamen MarinestützpunktReam Naval Base”  auf und führt regelmäßig gemeinsame Manöver durch, so wie zuletzt im Mai 2025 die Übung „Golden Dragon“.

China hat also kein besonders großes Interesse an einem sich anbahnenden Krieg vor seiner Haustür. Neben militärischen Verbindungen hegt China außerdem enge wirtschaftliche Verbindungen zu beiden Ländern. Vereinfacht zusammengefasst sieht es dennoch so aus, als würden die USA näher an der Seite Thailands stehen und China an der Kambodschas, wobei Thailands Armee derjenigen von Kambodscha überlegen ist.

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Was kommt als nächstes: Eskalation oder Vermittlung?

Während Thailand auf modernere Ausrüstung wie z.B. schwedische Gripen-Kampfjets, US-Hubschrauber oder chinesische VT-4-Panzer setzen kann, besitzt Kambodscha lediglich ältere sowjetische/chinesische Waffen und eine relativ kleine Luftwaffe. Allerdings verfügt Kambodscha über den Geländevorteil an der Grenze, da die Kämpfe maßgeblich auf kambodschanischem Staatsgebiet stattfinden.

Falls der Konflikt weiter eskaliert, könnte Thailand seine Luftüberlegenheit nutzen, während Kambodscha auf Minen und Geländevorteile setzen könnte. Expert:innen erwarten, dass Thailand Langstreckenwaffen bevorzugen würde, um direkte Gefechte zu vermeiden.

Sollte es wiederum zu Waffenstillstands- und Friedensgesprächen kommen, wird China darin voraussichtlich eine entscheidende Rolle spielen. Eigentlich vermittelt der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) in diesem Konflikt, da beide Seiten Teil des Bündnisses sind. Derzeit ist Malaysias Staatsoberhaupt Anwar Ibrahim ASEAN-Vorsitzender. Dieser setzt sich bereits aktiv für eine Waffenruhe ein. Er spricht davon, dass beide Seiten bereits darüber nachdenken, die Kämpfe einzustellen.

Allerdings lehnte Thailand das Angebot zu einem Dialog unter der Vermittlung durch China, Malaysia und den USA derzeit noch ab. Die kambodschanische Regierung müsse zunächst ihre Angriffe einstellen, teilte das Außenministerium Thailands mit. Der Konflikt könne zudem nur durch bilaterale Gespräche gelöst werden.

Der Ministerpräsident Kambodschas, Hun Manet, hat derweil eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats (UNSC, United Nations Security Council) beantragt. Diese fand am Freitagabend hinter verschlossenen Türen statt. Auch dort sitzen sich die Großmächte USA und China als zwei der ständigen Mitglieder gegenüber.

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