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Versuchter Femizid in Frankfurt-Bonames: „Dass ein Unbeteiligter stirbt, ist Teil der patriarchalen Logik“

Ein Mann will seine Ex-Frau töten – stattdessen stirbt ihr Freund. Monate zuvor hatte sie ihren Ex-Partner wegen Vergewaltigung angezeigt, doch der Staat schützte sie nicht. Aktivistinnen aus Frankfurt nennen die Tat beim Namen und rufen zum Widerstand gegen Femizide auf. – Ein Kommentar von Lilly Pfeiffner.

Am Mittwochnachmittag erschütterte ein tödlicher Angriff das Frankfurter Viertel Bonames. Ein 36-jähriger Mann versuchte seine von ihm getrennt lebende Ehefrau zu ermorden – und tötete stattdessen einen Freund, der sich in der Wohnung befand. Der brutale Messerangriff ereignete sich in einem Wohnhaus in der Friedrich-Stampfer-Straße.

Die Frau konnte sich durch Flucht in Sicherheit bringen. Ihr Freund hatte nicht das gleiche Glück: Er starb noch am Tatort an seinen Verletzungen.

Bereits Monate zuvor hatte die Frau Anzeige wegen Vergewaltigung und häuslicher Gewalt erstattet. Eine elektronische Fußfessel, die dem Täter für vier Monate auferlegt worden war, wurde wenige Tage zuvor abgenommen – mit tödlichen Konsequenzen. Ein erneuter Fall, in dem der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt.

In Bonames regt sich Widerstand

„Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht“, sagt die Aktivistin Sophie Krüger des Frauenkollektivs, das mit einer Aktion auf den versuchten Femizid aufmerksam machen will. Das Kollektiv, das sich seit Jahren bundesweit gegen das Patriarchat organisiert und für die Selbstorganisierung von Frauen einsetzt, reagierte unmittelbar auf die Tat: die Aktivistinnen hängten Gedenkschilder in der Nachbarschaft auf, auf denen erklärt wird, was ein Femizid ist und warum es sich nicht um Einzelfälle handelt.

Fast jeden Tag ein Femizid – Warum der Staat das Problem nicht lösen wird

Sophie erklärt im Gespräch mit Perspektive, warum dieser Mord und der versuchte Mord politisch eingeordnet werden müssen und kein harmloses „Familiendrama“ sind: „Was in Bonames geschehen ist, ist kein Einzelfall und keine unglückliche Eskalation. Es ist ein gezielter, patriarchaler Mordversuch – ein Femizid. Dass ein Unbeteiligter sterben musste, ist Teil der patriarchalen Logik, nach der Frauen Besitz sind und jeder, der sich in diesen Besitz einzumischen wagt, mit Gewalt rechnen muss.“

Das Frauenkollektiv sieht den Angriff eingebettet in eine Gesellschaftsstruktur, in der männliche Gewalt gegen Frauen systemimmanent ist – und viel zu oft durch staatliche Institutionen geduldet oder ignoriert wird.

„Dieser Staat schützt uns nicht – meine Schwestern schützen mich“

Der Fall wirft erneut ein Schlaglicht auf das Versagen staatlicher Schutzmechanismen: Obwohl der Täter bereits wegen Vergewaltigung angezeigt worden war und gegen ihn ein Kontaktverbot bestand, reichte das nicht aus, um den Mordversuch zu verhindern. Der Einsatz einer elektronischen Fußfessel, die willkürlich nach vier Monaten wieder abgenommen wurde, entpuppte sich als bloßer Formalismus.

Sophie betont, dass sich betroffene Frauen nicht auf Polizei, Justiz oder Gewaltschutzgesetze verlassen könnten. Diese Institutionen seien Teil eines Systems, das patriarchale Gewalt nicht effektiv bekämpfe – sondern häufig mittrage.

Sexualisierte Gewalt im Freibad: Die Täter sind männlich

„Wir fordern nicht mehr Maßnahmen von einem System, das seine Untauglichkeit immer wieder unter Beweis stellt. Wir fordern Selbstorganisation, Frauensolidarität und den Aufbau eigener Schutzstrukturen – jenseits von Polizei und Staat“, so die Aktivistin.

Ziel sei es weiter, des ermordeten Manns zu gedenken, die Tat als das zu benennen, was sie war – ein versuchter Femizid – und den Widerstand gegen patriarchale Gewalt weiter zu stärken: „Wir sind wütend. Aber unsere Wut bleibt nicht privat. Sie wird organisiert. Denn eine andere Welt ohne Gewalt gegen Frauen ist möglich – erkämpfen wir sie uns!“

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