Unter lautstarkem Protest hat Alice Weidel im Sommerinterview mit der ARD wenig Neues vorzubringen. Ausländer seien Schuld am Zerfall der Sozialsysteme, die Reichen erwähnt sie mit keinem Wort. – Ein Kommentar von Julius Strupp.
Am Sonntag war die Partei- und Fraktionschefin der AfD, Alice Weidel, zum ARD-Sommerinterview zu Gast. Das Interview wurde dabei durchgängig von lautstarkem Protest begleitet, für den unter anderem das Zentrum für politische Schönheit verantwortlich zeichnet. Dieses hatte mit seinem Bus „Adenauer SRP+“ (Name in Anlehnung an Konrad Adenauer, der als Bundeskanzler die faschistische Sozialistische Reichspartei verboten hatte) das Interview lautstark mit einem melodisch vorgetragenen „Scheiß AfD“ beschallt.
Inzwischen ermittelt die Berliner Polizei gegen zwei Personen wegen des Vorwurfs von Ordnungswidrigkeiten. Die ARD hat angekündigt, in Zukunft in Zusammenarbeit mit der Polizei Vorkehrungen treffen – also möglichen Protest gegen umstrittene Interviewpartner einschränken – zu wollen. Tatsächlich bereitete die Geräuschkulisse Weidel und ihrem Gesprächspartner Markus Preiß, dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, sichtlich Probleme. Immer wieder konnten sie einander nicht verstehen. Ein wirkungsvoller Protest also, den scheinbar weder das Demokratieverständnis der Öffentlich-Rechtlichen aushalten kann noch die AfD, die inzwischen eine Wiederholung des Interviews fordert.
Immer wieder die gleiche Leier
Aber sei’s drum. Neues bekam man im Interview eh nicht zu hören. An zentrale Stelle rückte Weidel dabei die Situation der Arbeiter:innen in Deutschland, die von der Regierung belogen und „wie eine Zitrone ausgequetscht“ würden, während für Waffenlieferungen Milliarden ausgegeben würden. So weit, so richtig. Aber stichhaltige Erklärungen und Alternativen hatte sie nicht zu bieten.
Auch den Hinweis darauf, dass sie selbst ihr Gehalt durch Verdoppelung ihrer Zulagen auf 24.000 Euro (also mindesten zehn Mal so viel, wie ein normaler Arbeiter verdient) im Monat erhöht habe, wischte Weidel einfach weg. Das sei auch in anderen Parteien üblich. Dass man es als vermeintliche Arbeiterpolitikerin auch anders machen könnte, kommt der ehemaligen Bänkerin von Goldman Sachs nicht in den Sinn.
Überhaupt wagt sie es im ganzen Interview nicht, die Konzernchefs, Bänker und Co. anzukreiden, die uns tatsächlich auspressen, wie Zitronen. Dass es Bemühungen gibt, den Achtstundentag abzuschaffen, war kein Thema. Auch nicht, dass die Reallöhne in den letzten fünf Jahren kontinuierlich gesunken sind.
Stattdessen fordert Weidel Steuererleichterungen für Unternehmen – und macht Geflüchtete und Migrant:innen für steigende Zusatzbeiträge bei den Krankenkassen und den Zustand der Sozialversicherungen verantwortlich. Diese hätten nämlich nie eingezahlt, wobei gleichzeitig die Hälfte der Bürgergeldempfänger keine deutschen Staatsbürger seien. Letzteres stimmt zwar, dass sie deshalb aber alle nie eingezahlt hätten, ist wahrscheinlich mindestens eine Beugung der Realität. Vor allem aber würden auch ohne diese nicht die Probleme im Sozialsystem gelöst werden – etwa die Zwei-Klassen-Krankenversicherung oder, dass eine anständige Rente und Arbeitslosenversicherung wohl kaum möglich sein wird, wenn man sich das Geld nicht da holt, wo es ist: Bei den Reichen, die es uns abgepresst haben.
Dass Weidel genau das nicht ausspricht, ist volle Absicht. Denn ihre Politik dient genau dazu, uns zu spalten, dass man nach unten tritt, statt nach oben aufzumucken. Sieht man genauer hin, hat sie sich also auch im Sommerinterview wieder als Politikerin der Reichen entzaubert.

