Zeitung für Solidarität und Widerstand

15 Jahre Sarrazin-Debatte: Wann schaffen wir Deutschland ab?

Vor 15 Jahren veröffentliche Thilo Sarrazin seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab”. Darin behauptet er, dass der deutsche Sozialstaat durch Arme und Migrant:innen überlastet sei und deswegen zusammenbrechen werde. Warum es stattdessen gar nicht so schlecht wäre, wenn das kapitalistische Deutschland abgeschafft werden würde. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

Als 2010 sein Buch „Deutschland schafft sich ab” in Vorabdrucken erst im Spiegel und der Bild-Zeitung und später beim DVA-Verlag veröffentlicht wurde, war Thilo Sarrazin längst kein Unbekannter mehr: In seiner Rolle als Finanzsenator Berlins hatte der SPD-Politiker zum Beispiel Sozialhilfeempfänger:innen öffentlichkeitswirksam empfohlen, kalt zu duschen, um nicht zu viel Energie zu verbrauchen: „Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben”.

Später, nach seinem Wechsel von Berlin in die Vorstandsetage der Bundesbank, rechnete Sarrazin mit der Einwanderungspolitik ab: Die „Türken” eroberten Deutschland durch eine hohe Geburtenrate, würden den deutschen Staat nicht an erkennen und produzierten „ständig neue kleine Kopftuchmädchen”. In seinem Buch versuchte Sarrazin schließlich, diese Provokationen zu einer Gesellschaftsanalyse mit wissenschaftlichem Anstrich zu verdichten und stellte mehrere Thesen darüber auf, warum das Deutschland, das wir kennen, dem Untergang geweiht sei. Das Buch verkaufte sich millionenfach und spaltete die Gesellschaft entlang der Fragen, ob manche Ausländer:innen schlechter sind als andere und, was „Deutschsein” eigentlich bedeutet.

In der Tradition von Rassist:innen und Islamfeinden

Sarrazin vertritt bis heute die These, dass muslimische Migrant:innen aus genetischen und kulturellen Gründen weniger intelligent und deswegen zu viele arabische und türkische Migrant:innen schlecht für Deutschland seien. Mit solchen Behauptungen schlug er bereits im Jahr 2010 in die gleiche Kerbe wie zahlreiche andere sogenannte „Islamkritiker:innen”, die in deutschen Zeitungen und Fernsehsendungen rassistisch gegen Muslim:innen hetzten. Im Gleichklang mit Autor:innen wie Henryk M. Broder, Necla Kelek, Heinz Buschkowsky oder Hamed Abdel Samad behauptete Sarrazin, dass sich Muslim:innen durch hohe Geburtsraten und Verweigerung gegenüber Integrationsmaßnahmen Stück für Stück die Hoheit erschleichen würden – erst über Stadtteile wie Berlin-Neukölln und irgendwann über das ganze Land.

Gewalt gegen Muslime in Deutschland steigt an – und das nicht zum ersten Mal

In „Deutschland schafft sich ab” argumentiert Sarrazin unter Berufung auf die Biologen Darwin und Mendel, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz vererbt würden, und leitet daraus eine eigene Systematisierung genetischer Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Deutschland her, in der Muslim:innen auf der Intelligenzskala ganz unten stehen. Da diese aber, so Sarrazin, gleichzeitig eine besonders hohe „Fertilitätsrate” hätten, werde Deutschland immer dümmer.

Tatsächlich gibt es aber keinen wissenschaftlichen Beleg für eine genetische Vererbbarkeit von Intelligenz in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe – auch wenn sowohl die Hitler-Faschist:innen als auch moderne Rassisten wie Sarrazin genau das versuchen zu propagieren.

Aus seiner Systematisierung schlussfolgerte Sarrazin immer wieder, dass Deutschland das Prinzip aufrecht erhalten müsse, „dass jedes Land, jede Region für seine bzw. ihre eigene Bevölkerung selber sorgt” – Deutschland solle also für die Deutschen und nicht für muslimische Migrant:innen sorgen.

Sarrazins Verlag – der Deutschen Verlagsanstalt (DVA), einem Unternehmen der Bertelsmann-Stiftung – war die Problematik dieser Argumentation durchaus bewusst. Er habe, so erzählte Sarrazin einmal, deswegen auf Vorschlag des Verlags in einer Spätphase der Veröffentlichung des Buchs das ursprünglich im Manuskript gebrauchte Wort „Rasse” überall kurzerhand durch „Ethnie” ersetzt. Dementsprechend lautete eine oft vorgebrachte Verteidigung der Unterstützer:innen Sarrazins rassistischer Thesen tatsächlich immer wieder, dass das Buch nicht rassistisch sein kann, da ja von „Rassen” überhaupt nicht gesprochen werde.

Sarrazins Buch greift jedoch – unabhängig davon, ob von „Ethnien” oder „Rassen” die Rede ist – die rassistische Vorstellung eines sogenannten „Kampfs der Kulturen” auf. Das christliche und aufgeklärte „Abendland”, und Deutschland als Teil davon, sind demnach von einer „islamischen, rückständigen und gewalttätigen Kultur” bedroht. Vor allem nach dem 11. September 2001 wurde diese Vorstellung zur Rechtfertigung der Angriffskriege westlicher imperialistischer Staaten im vielzitierten „war on terror” genutzt. In Deutschland entfachte sich parallel dazu ab Anfang der 2000er – übrigens unter maßgeblicher Beteiligung des heutigen Bundeskanzlers Friedrich Merz – eine anhaltende Debatte um das Ende der Multikulturalität und die Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur, an der sich Migrant:innen zu orientieren hätten.

Sarrazin: blutiger Verteidiger des Kapitals

In den Jahren nach der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab” beklagte sich Sarrazin immer wieder, dass er absichtlich missverstanden und einseitig interpretiert worden sei: den Kritiker:innen, die seine rassistische Abwertung von Migrant:innen anprangerten, antwortete Sarrazin dabei stets, dass diese wohl sein Buch nicht gelesen hätten, da sie ansonsten gesehen hätten, dass seine Argumentation auf Fakten basiere.

Diese Selbstverteidigung ist zwar angesichts der zahllosen rassistischen Kommentare Sarrazins in unzähligen Interviews rund um die Veröffentlichung vollkommen haltlos. Doch eine gewisse Einseitigkeit in der Rezeption von „Deutschland schafft sich ab” ist bis heute nicht von der Hand zu weisen.

Einerseits löste Sarrazins unverhohlener Rassismus eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte aus, in deren Anschluss sogar ganze Forschungsszweige entstanden, um empirisches Material für die Gegenargumentationen zu sammeln. Andererseits haben Sarrazins Äußerungen über die Notwendigkeit, den Sozialstaat zurückzubauen, kaum Beachtung gefunden. Dabei macht diese Argumentation einen nicht unbedeutenden Teil seines Buches aus.

Der Ökonom Sarrazin verteidigt in „Deutschland schafft sich ab” in letzter Konsequenz vor allem die kapitalistische Produktionweise. Sein Rassismus ist dabei nur ein einzelner Ausdruck der Grundhaltung, dass einige Menschen für die deutsche Volkswirtschaft wertvoller sind als andere. Neben Migrant:innen hetzt er vor allem gegen die „Unterschicht”, die durch falsche Anreize wie zu hohe Sozialhilfen davon abgehalten werden würde, arbeiten zu gehen.

Der Antifaschismus und die Wirtschaftskrise

Den Grund dafür sieht Sarrazin als Verteidiger des Kapitalismus gerade nicht in gesamtgesellschaftlichen Ursachen. Er macht vielmehr die einzelnen Menschen selbst für ihren Status verantwortlich: schuld sind für ihn die „geistige und moralische” und nicht die materielle Armut”. Die „individuellen, der Person zuzurechnenden Ursachen der Armutslage” würden viel zu wenig diskutiert, behauptet der Bestseller-Autor.

Die Grundaussage des Buches ist letztendlich, dass Deutschlands Wirtschaftswachstum nicht durch mangelnde Investitionskraft der Kapitalist:innen, sondern durch die Begrenzung des deutschen „Humankapitals” begrenzt werde. Arabische und türkische Migrant:innen hätten „keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel”, tönte Sarrazin und schloss: Je mehr die einheimische deutsche Bevölkerung „ausdünnt”, desto düsterer sehe es für die deutsche Wirtschaft aus. Weil er gleichzeitig auch den sozialen Status mit Intelligenz gleichsetzt, kommt er zum Schluss, dass nur „eine überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der wirtschaftlich Erfolgreichen“ Deutschland noch retten könne.

Rassismus und Armenhass: heute kein Skandal mehr

Sarrazin hatte mit „Deutschland schafft sich ab” zum Erscheinungsdatum einen großen Anteil daran, dass die polarisierten und spalterischen Streitereien um die angebliche Schuld von muslimischen Migrant:innen am „drohenden Untergang Deutschlands“ Eingang in die politische Alltagskultur fanden. Rassismus wurde „salonfähig” in dem Sinne, dass rassistische Hetze gegen Muslim:innen in höherem Maße als zuvor scheinbar legitimierter Teil von Begründungen für gesellschaftspolitische Probleme wurde. Vor allem die zum großen Teil willkürlichen Verbindungen, die Sarrazin zwischen Problemen im Bildungsbereich, wirtschaftlichen Krisen und der Migrationsfrage herstellte, sind bis heute charakteristisch für konservative und faschistische Positionen.

Sarrazins Ausführungen fanden ihren Widerhall deswegen vor allem in der Entstehung von radikal rechten Bewegungen wie PEGIDA, die in den 2010er Jahren Zehntausende Menschen gegen Migrant:innen auf die Straße brachte sowie in der Gründung der faschistischen AfD, in der vor allem zu Beginn wirtschaftsliberale, konservative und faschistische Politiker:innen Hand in Hand gingen.

Heute jedoch wären Sarrazin Aussagen wahrscheinlich deutlich weniger skandalös als 2010. Sein unverhohlener Rassismus würde beispielsweise in der AfD und ihrer Hetze gegen Geflüchtete kaum auffallen. Seine Forderungen zur Kürzung des Sozialstaats sind mittlerweile sogar Programm der regierenden CDU, Friedrich Merz würde Sarrazins Aussagen über Arme vielleicht diplomatischer ausdrücken, ihnen aber sicherlich im Inhalt zustimmen. Zur Rechtfertigung des eigenen Kurses zur Eindämmung unerwünschter Migration hatte Merz im Oktober 2023 gar verkündet, dass Sarrazin mit seinen Aussagen über muslimische Migrant:innen Recht behalten habe.

Wir können uns den Sozialstaat sehr wohl leisten – Ihre Kürzungen nicht mit uns!

Sarrazin selbst hat ebenfalls bereits anlässlich des 15-jährigen Jahrestags der Veröffentlichung seines Buches Bilanz gezogen: Fehler habe er in dem Buch keine gemacht, seine Prognosen seien weitestgehend eingetroffen – nur oft viel schlimmer als er ursprünglich gedacht hat. In einem Remake seines Buches benutzt Sarrazin neue Statistiken über Einwander:innen, um zu zeigen, dass es weiterhin schlecht stehen würde um die Zukunft Deutschlands.

Zeit, das kapitalistische Deutschland abschaffen

Was Sarrazin sich mit seinem Buch vorgenommen, aber nie geschafft hat, ist die Erklärung der Probleme, die er aus den zahlreichen Statistiken zu Einwanderung, Bildung, Armut und Arbeitslosigkeit abliest. Dass es Statistiken gibt, die zeigen, dass unsere Gesellschaft entlang von Herkunft und sozialem Status, also Klassenzugehörigkeit, zutiefst gespalten ist, ist dabei natürlich vollkommen klar. Doch Sarrazin verwebt diese Statistiken mit seiner eigenen Rassenlehre zu einem großen Plädoyer dafür, dass es immer mehr Menschen gäbe, die sich an denjenigen, die etwas für Deutschland „leisten” bereichern würden. Ein Beispiel: Sarrazin sagte 2010 voraus, dass Deutschland um das Jahr 2020 in eine größere Wirtschaftskrise rutschen würde. Passiert ist das tatsächlich – jedoch nicht, wie von Sarrazin prophezeit aufgrund zu vieler Migrant:innen, sondern weil eine zyklisch auftretende und dem kapitalistischen System inhärente Überproduktionskrise durch die Corona-Pandemie verstärkt wurde.

Genau das ist Sarrazins Grundmodus: die Erklärung der kapitalistischen Krisenhaftigkeit ohne Kritik am Kapitalismus. Mit keinem Wort erklärt der ehemalige Bundesbank-Vorstand den Umstand, dass es in unserer Gesellschaft nicht die Armen sind, die sich an der Arbeitskraft anderer bereichern, sondern die Reichen. Im Kapitalismus schöpfen die Kapitalist:innen ihre Profite aus der Arbeitskraft der Arbeiter:innen. Und genau dieses Verhältnis ist für Sarrazin das, was unangetastet bleiben muss.

Dass Deutschland keine Zukunft haben würde, schließt Sarrazin aus seinen rassistischen und chauvinistischen Annahmen, dass zu viele Menschen in Deutschland nicht dazu taugen, für die Kapitalist:innen zu arbeiten – sie sind deswegen wertlos, sie können laut Sarrazin nicht ausgebeutet werden. Wenn Sarrazin also die Angst davor äußert, dass Deutschland sich abschafft, dann ist das nichts anderes als die Angst, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert.

Diese Angst wird sich einerseits in dieser Form nicht bewahrheiten. Die Kapitalist:innen sind flexibel genug, um neue Ausbeutungsmechanismen und neue Ideologien zu entwerfen, mit denen ihre Profite gesichert werden. Der Rassismus eines Thilo Sarrazin nützt den Kapitalist:innen dabei insofern, als dass mit ihm die Spaltung der Arbeiter:innen und eine Entsolidarisierung der Ausgebeuteten untereinander befeuert wird.

Der Gedanke, dass die kapitalistische BRD sich selbst abschafft, ist andererseits sowieso kein schlechter. Sarrazins Thesen sind dabei freilich nicht hilfreich. Der Impuls zur Überwindung des Kapitalismus muss von den Arbeiter:innen in Deutschland selbst kommen, indem wir unsere Spaltung anhand Herkunft aber auch die Spaltungen anhand von Geschlechtern, sexueller Orientierung und vielen anderen überwinden, uns zusammenzutun und den Kapitalismus – zusammen mit „Deutschland schafft sich ab” – auf die Müllhalde der Geschichte werfen.

Mohannad Lamees
Mohannad Lamees
Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!