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65 Jahre Antibabypille: Wo stehen wir jetzt?

In den 1960er Jahren wurde die Antibabypille auf den Markt gebracht und revolutionierte die Verhütung. Aber ist die Pille das Wundermittel, als das sie oft dargestellt wird? Zu diesem Jubiläum haben wir uns das ganze Mal angeschaut. – Ein Kommentar von Tara Kaiser.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99 Prozent ist sie eine der sichersten Methoden, um eine Schwangerschaft zu verhindern: Die Antibabypille. Dabei kommt sie nicht ohne ihre Nachteile, denn durch sie wird ein extremer Eingriff in den Hormonhaushalt durchgeführt. Dies kann zu schweren Nebenwirkungen führen. So steigt das Thromboserisiko bei Menschen, die die Pille oder andere hormonelle Verhütungsmethoden nutzen. Hier kommt es auch auf die Zusammensetzung des Empfängnisverhütungsmittel an.

Neben dem Thromboserisiko ist auch die restliche Nebenwirkungsliste nicht gerade kurz. Sie geht von Stimmungsschwankungen über Libidoverlust und Gewichtszunahme bis hin zu Depressionen. Das gilt natürlich nicht nur für die Pille, sondern für alle anderen hormonellen Verhütungsmethoden, also auch die Hormonspirale oder Hormonpflaster. Bei der Pille kommt jedoch noch der Fakt dazu, dass sie nur wirklich wirkt, wenn sie täglich zu ähnlichen Zeiten eingenommen wird. Also einen Tag mal vergessen und die Verhütung kann nicht mehr garantiert werden.

Natürlich hat die Pille jedoch nicht nur schlechte Seiten. So kann man mit ihr relativ gut bestimmen, wann man seine Periode bekommt und so auf wichtige Ereignisse hin besser planen. Bei einigen Leuten kann die Pille auch eher negative Symptome des Zyklus abschwächen. So wird sie oft bei extremen Regelschmerzen eingesetzt und da manchmal auch durchgenommen, um so die Periode komplett verhindern zu können. Diese vermeidliche „Heilung“ der Probleme ist jedoch kein effektives Mittel und wird von Gynäkolog:innen oft als Allzweckmittel benutzt, anstatt nach den wirklichen Problemen zu suchen, die diese extremen Symptome hervorrufen.

Das haben bestimmt schon einige Patientinnen bei den Erstgesprächen gehört: „Sie wollen die Pille nicht nehmen? Also sind sie okay mit einer Schwangerschaft?“ Es werden selten andere Methoden vorgeschlagen und die Verhütungsverantwortung liegt auch meistens bei der Frau. Sie ist ja schließlich auch die Person, die am meisten unter den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft leidet. Gleichzeitig wurden in den 2010er-Jahren Studien zur „Pille für den Mann“ durchgeführt, bei denen Medikamente zwar gut anschlugen, aber zu vergleichbar starken Nebenwirkungen wie bei der „Pille für die Frau“ führten. Anstatt diese Nebenwirkungen wie bisher für Frauen in Kauf zu nehmen, wurde die Studie abgebrochen.

Körperliche Selbstbestimmung bleibt in der Ferne

Andere Möglichkeiten?

Auf Grund der massiven Nebenwirkungen der Pille geht der Gebrauch seit Jahren zurück. Verhüteten 2007 noch 55 Prozent der Frauen in Deutschland mit der Pille, so sind es heute nur noch 38 Prozent. Die verbreitetste Alternative ist das Kondom, welches neben der Verhütung auch noch den Vorteil des Schutzes vor sexuell übertragbaren Krankheiten bietet und heute häufiger eingesetzt wird als die Pille.

Aber auch dann geht es oft um die Bedürfnisse von Männern: Kondome werden abgelehnt, weil es sich „nicht so gut anfühlen würde“ oder, dass es keine in der richtigen Größe gäbe. Tatsächlich bieten Hersteller Kondome jedoch in verschiedenen Arten und Größen an. Diese Ausrede dient letztlich vor allem dazu, auf patriarchale Art und Weise Verhütungsverantwortung wieder abgeben zu wollen. Auch wenn Kondome ebenfalls keinen hundertprozentigen Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft bieten, gelten sie genauso wie die Pille als eine der sichersten Methoden.

Dann gibt es auch noch die Kupferspirale, diese ist jedoch extrem schmerzhaft bei der Einsetzung und bei der späteren Entfernung. Hier beschreiben Frauen traumatische Erlebnisse, bei ihren Ärzt:innen auf wenig Mitleid stoßen. Viele Frauen wünschten sich am liebsten eine Vollnarkose oder raten ganz von diesem Mittel ab. Ohnehin kann die Spirale nach dem Einsetzen auch verrutschen kann, die Schmerzen sind in diesen Fällen dann gänzlich umsonst.

Methoden wie eine Sterilisation sind heutzutage auch möglich, aber natürlich nicht ohne ihre Risiken, da es sich hier um einen medizinischen Eingriff handelt. Und vor allem für noch kinderlose junge Personen ist es oft ein langer schwieriger Weg, überhaupt Ärzt:innen zu finden, die bereit sind, diesen Eingriff durchzuführen. Dabei darf müssen sich Frauen dann solche Fragen anhören wie: „Bist du dir ganz sicher, du bist ja noch so jung und was wenn dein zukünftiger Freund später Kinder haben will?“ Hier hat also ein potenzieller und imaginärer Mann mehr Anrecht auf den Körper als die Person selbst und Frauen werden als zu jung oder zu unwissend dargestellt, um Entscheidungen über ihren eignen Körper zu treffen. Hierbei müssen die Personen natürlich die Kosten meist auch selber übernehmen, die zwischen ca. 600 bis 1000 Euro liegen können.

Die Vasektomie beim Mann wird dagegen meist nicht hinterfragt, ist oft ein paar hundert Euro billiger und kann sogar rückgängig gemacht werden. Jedoch wird diese oft als ein zu großer Eingriff in die Männlichkeit gesehen.

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Forschungsstand und weitere Entwicklung

Die 65 Jahre lange Geschichte der Pille zeigt, was immer noch in dieser Gesellschaft von Frauen erwartet wird: Regelmäßig Medikamente nehmen, die massive Nebenwirkungen haben, und das meist ab einem sehr frühen Alter für eine lange Zeit. Parallel dazu werden Abtreibungsrechte weiterhin angegriffen und in Frage gestellt.

In Zukunft müssen wir für diese Rechte weiter kämpfen, auf Verbesserungen in der Forschung zu Verhütung bauen – und eine Weiterentwicklung der Medizin insgesamt erwirken. Dazu gehört nicht nur die Entwicklung von Verhütungsmethoden, sondern auch zum Beispiel die ausreichende Erforschung der Wirkung von Medikamenten auf unterschiedliche Körper. Lange Zeit galt der Mann als Standard, was unter anderem auch dazu geführt hat, dass ganze Teile der menschlichen Anatomie zeitweise aus Lehrbüchern verschwanden. So stehen wir heute noch vor der Aufgabe, daran nachhaltig etwas zu verändern.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 101 vom August 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

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