Am 11. August 1988 wurde Al-Qaida gegründet. Vom Afghanistankrieg, über 9/11 bis zu den Kriegen im Irak und in Syrien, in deren Verlauf das Terrornetzwerk den sogenannte IS hervorbrachte, stand die Organisation in einer zerstörerischen Wechselbeziehung zum Imperialismus in West- und Zentralasien. – Ein Kommentar von Ali Najjar.
Das internationale islamisch-fundamentalistische Netzwerk „Al-Qaida“ (arab. „die Basis“) entstand in den späten 1980er Jahren im Verlauf des sowjetischen Afghanistankrieges (1979–1989). Der Sozialismus in der Sowjetunion befand sich damals bereits in einem Niedergang, sodass der Staat expansive Bestrebungen zeigte und sich in einige außenpolitische Krisen verwickelte – eine Politik, die einige sozialistische Kritiker:innen auch als „Sozialimperialismus“ bezeichneten.
Der saudische Milliardärssohn Osama bin Laden und andere radikale Fundamentalisten, wie etwa der Palästinenser Abdullah Azzam, unterstützten damals die afghanischen „Mudschaheddin“ im Kampf gegen die sowjetische Besatzung. Sie gründeten 1984 eine Organisation mit dem unscheinbaren Namen „Büro für Dienstleistungen“, die als Anlaufstelle für ausländische Afghanistan-Kämpfer fungierte, vorwiegend aus dem arabischsprachigen Raum – die sogenannten „afghanischen Araber“. Aus dieser Struktur sollte später das Al-Qaida Netzwerk entstehen.
Nach dem Abzug der Sowjets 1989 verlor Bin Laden sein zentrales Feindbild und suchte neue Schlachtfelder für den „heiligen Krieg“. Am 11. August 1988 hatte er aus dem bestehenden Büro für Dienstleistungen Al-Qaida als transnationales Netzwerk geformt, um weiter Geld, Kämpfer und Ausbildung für die Kämpfe in Afghanistan bereitzustellen. Eber er hatte auch schon die ersten Schritte gemacht, um in andere Krisengebiete einzugreifen. Zunächst unterstützte Al-Qaida fundamentalistische Aufstände etwa in Ägypten, Algerien und Bosnien.
Ein Ereignis radikalisierte Bin Ladens Ausrichtung entscheidend: Die Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien ab 1990 im Vorfeld des Golfkriegs. Bin Laden sah die Präsenz amerikanischer Soldaten in seinem Heimatland – in dem das herrschende Königshaus sich gleichzeitig als Hüter der heiligsten Stätten des Islam sieht – als beispiellose Provokation. Fortan brandmarkte er die USA als Hauptfeind des Islams und brach mit der saudischen Monarchie. Diese Entwicklung legte den ideologischen Grundstein für Al-Qaidas spätere Kriegsführung.
„Naher Feind“ vs. „Ferner Feind“
Al-Qaidas Ideologie wurzelt im Salafi-Dschihadismus. Als „Salafismus“ oder „Wahhabismus“ wird eine besonders puritanische und dogmatische theologische Strömung des Islam bezeichnet. Sie beansprucht, als einzige die seit Jahrhunderten „unverfälschten Wahrheiten“ der Religion zu vertreten. Die Bewegung ist selbst jedoch eine relativ junge und moderne Erscheinung, die mit der Errichtung der Saudischen Monarchie, mit der sie ein enges Bündnis einging, enorm an Einfluss gewann.
Die politischen Elemente dieser Ideologie, die besonders um ein bestimmtes Verständnis von Dschihad als „Heiligen Krieg“ kreisen, stammen aus Schriften von Vordenkern wie etwa dem ägyptischen Autor Sayyid Qutb. Ein Kerngedanke hierbei ist, dass jegliche als „ungläubig“ beurteilte Herrschaft bekämpft werden müsse.
Dabei unterscheidet die Strategiedebatte unter Dschihadisten zwei Feindkategorien: den „nahen Feind“ – gemeint sind unislamische „Apostaten“-Regime in den islamisch geprägten Ländern – und den „fernen Feind“ – äußere Mächte wie die USA oder andere Imperialisten, welche jene Regime stützen.
Unter Bin Ladens Führung fokussierte Al-Qaida den fernen Feind. Er argumentierte, dass die korrupten Diktaturen in West- und Zentralasien nur aufgrund der Rückendeckung durch Washington überleben würden. Folglich müsse man zuerst die Hauptstütze dieser „ungläubigen“ Regime attackieren – sprich die USA –, um letztlich das gesamte „unislamische“ System zum Einsturz zu bringen. Diese Sicht spiegelte sich ab Mitte der 1990er in Al-Qaidas Kampagnen wider: Die Gruppe griff US-Ziele an, etwa 1998 mit gleichzeitigen Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, mit dem Ziel, die USA aus der islamischen Welt zu vertreiben.
Gleichzeitig verlor Al-Qaida jedoch nie die „nahen Feinde“ aus den Augen. Das Endziel blieb der Sturz der „abtrünnigen“ Regime in der arabisch-islamischen Welt und die Errichtung „wahrer islamischer“ Staaten. Doch in Bin Ladens Strategie sollte dies nach dem Rückzug der USA geschehen, wenn die lokalen Machthaber schutzlos wären.
Al-Qaida mahnte ihre regionalen Ableger zunächst auch zu einer gewissen Zurückhaltung bei sektiererischen Exzessen: So lehnte Bin Ladens enger Vertrauter und späterer Nachfolger Aiman al-Zawahiri z. B. Massenmorde an Schiiten als kontraproduktiv ab, da sie Ressourcen banden und Muslim:innen voneiner entfremdeten würden.
Statt blind der Praxis des „Takfir“ nachzugehen, also der „Exkommunikation“ anderer Muslim:innen, die sie als Feinde markiert, versuchte Al-Qaida zum Teil taktisch auf „Herzen und Köpfe“ zu setzen. Dieses strategische Kalkül unterscheidet Al-Qaida von den noch radikaleren Dschihadisten wie dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS), der zeitweise nahezu ausschließlich den „nahen Feind“ – inklusive anderer Muslim:innen – ins Visier nahm und dabei eine extreme Brutalität an den Tag legte.
Verhältnisse zu imperialistischen Mächten
Al-Qaidas Aufstieg ist eng verflochten mit der Einmischung imperialistischer Mächte in West- und Zentralasien. Ironischerweise wurde der heutige „Erzfeind“ USA selbst zum Geburtshelfer von Al-Qaida: Während des Kalten Krieges paktierten die USA zynisch mit den radikalsten Strömungen des politischen Islam – solange dies den eigenen Zielen diente.
Die USA betrachteten die Mudschaheddin in Afghanistan zunächst als nützliche Verbündete gegen den Ostblock: In einer verdeckten CIA-Operation mit dem Decknamen „Operation Cyclone“ finanzierte und bewaffnete Washington tausende Mudschaheddin, in der Hoffnung, der Sowjetunion eine empfindliche strategische Niederlage zu bereiten – ähnlich wie sie den USA einige Jahre zuvor in Vietnam widerfahren war.
Gleichzeitig förderte Washington sein enges Bündnis mit Saudi-Arabien, dem zentralen ideologischen Exporteur des wahhabitisch-salafistischen Fundamentalismus. Die saudische Monarchie wurde trotz ihrer ultrareaktionären Agenda als strategischer Partner hofiert, weil sie Öl lieferte und gegen progressive Einflüsse in der Region stand. Diese westlich-imperialistische Außenpolitik erzeugte monströse Langzeitfolgen. Die US-Regierungen halfen, das Monstrum des gewaltbereiten Fundamentalismus zu erschaffen, das sie später nicht mehr bändigen konnten.
In den 1990ern schlug Al-Qaida dann offen zurück gegen die einstigen Förderer. Die Organisation propagierte einen Kampf gegen die neokoloniale Dominanz der USA in der muslimischen Welt. Bin Laden stilisierte sich als Verteidiger der Ummah, der Weltgemeinschaft aller Muslim:innen, gegen Formen US-amerikanischer Besatzungen – von den Truppen in Saudi-Arabien bis zu den Bombardierungen des Irak und Afghanistans. 1996 erklärte er der Supermacht den „Heiligen Krieg“.
Es zeigt sich hier eine charakteristische Dynamik: Imperialistische Interventionen boten Al-Qaida immer neue Vorwände und Rekrutierungsmöglichkeiten. Die Präsenz US-amerikanischer Truppen, Sanktionen und Militärschläge in arabischen Ländern schürten Wut und Verzweiflung – ein Nährboden, den Bin Laden bewusst ausbeutete.
Von 9/11 und dem Afghanistan-Krieg …
Am 11. September 2001 erreichte Al-Qaidas Krieg gegen die USA einen vorläufigen Höhepunkt. 19 Angehörige der Organisation – die meisten aus Saudi-Arabien – kaperten vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen steuerten sie in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York, eine in das Pentagon bei Washington, dem Sitz des US-amerikanischen Kriegsministeriums. Nahezu 3.000 Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben.
Die Weltöffentlichkeit reagierte mit Entsetzen, und die USA standen unter Schock. Bin Laden, der die Operation aus seinem afghanischen Exil geplant haben soll und sich im Namen von Al-Qaida dazu bekannte, verfolgte mit diesem spektakulären Terrorakt mehrere Ziele:
Zum einen wollte er die amerikanische Bevölkerung für die Außenpolitik ihrer Regierung „bluten“ lassen und ein Gefühl der Verwundbarkeit vermitteln. Zum anderen sollte der Anschlag fundamentalistische Extremisten weltweit inspirieren und Al-Qaidas Ruf als „Speerspitze des Dschihad“ festigen. Die Reaktion der USA folgte prompt und fiel militärisch brutal aus.
Präsident Bush erklärte einen weltweiten „Krieg gegen den Terror“, der primär Al-Qaida und andere radikale Gruppen treffen sollte. Bereits im Oktober 2001 griff eine von den USA angeführte Koalition Afghanistan an. Ziel war der Sturz des damals dort herrschenden Taliban-Regimes, das Bin Laden Zuflucht gewährt hatte. Innerhalb weniger Wochen war das erste Taliban-Emirat zerschlagen und Al-Qaidas Trainingslager in den afghanischen Gebirgsregionen zerstört.
Kein Anschlag vergleichbar mit 9/11 ist Al-Qaida in den USA oder Europa mehr gelungen. Allerdings erwies sich die Ideologie der Gruppe trotz der schweren Rückschläge im Zuge des Kampfes gegen den Terror als weiterhin einflussreich – sie fand neue Schlupfwinkel und Ableger in anderen Ländern, während die USA in endlose Kriege gezogen wurden.
Die Besetzung Afghanistans durch westliche Truppen markierte den Beginn eines zwanzigjährigen Konflikts. Dies kann als ein klassischer Fall von imperialer Überdehnung betrachtet werden: Ein militärischer Sieg war zwar schnell errungen, doch das anschließende Nation-Building scheiterte. Die Taliban formierten sich im Untergrund neu und lieferten den Besatzern einen langwierigen Guerillakrieg.
Al-Qaidas Einfluss in Afghanistan blieb nach 2001 zunächst marginal – viele Kämpfer wurden getötet, in berüchtigten Gefängnissen wie Guantanamo inhaftiert oder waren verstreut. Doch einige versprengte Zellen unterstützten weiterhin den Aufstand der Taliban.
Der Krieg in Afghanistan zog sich hin und forderte enorme Opfer: Mindestens 170.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. Trotz Milliarden Dollar Einsatz konnten die USA das Land nicht nachhaltig befrieden. Schließlich verließen die letzten NATO-Truppen 2021 fluchtartig Kabul, woraufhin die Taliban wieder die Macht übernahmen und ihr zweites Emirat ausriefen – ein Fiasko für die US-Strategie.
… über den Irak-Krieg …
Im März 2003 starteten die USA unter Präsident Bush eine weitere imperialistische Invasion: Ohne UNO-Mandat marschierten US-Truppen im Irak ein. Dieses Vorgehen war primär motiviert von geopolitischen und ölstrategischen Interessen. Offiziell wurde der Krieg mit irakischen Massenvernichtungswaffen, die nicht existierten, begründet.
Der Krieg stürzte den Irak ins Chaos und schuf ein Machtvakuum, das dschihadistische Gruppen rasch ausnutzten. Bereits 2004 formierte der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi die Terrorzelle „Al-Qaida im Irak“ (AQI) und unterstellte sich nominell Bin Ladens Netzwerk. Zarqawi erhielt von Bin Laden zunächst Startkapital.
Doch schon bald zeigten sich strategische Differenzen: Während Al-Qaida zentral weiterhin Anschläge gegen amerikanische und westliche Ziele priorisierte, konzentrierte sich Zarqawi auf den „nahen Feind“ im Irak. Er entfesselte einen brutalen sektiererischen Bürgerkrieg gegen die schiitische Bevölkerung und kooperierte mit sunnitischen Aufständischen gegen die US-Besatzung. Durch Videobotschaften von barbarischen Geiselenthauptungen schockierte Zarqawi die Weltöffentlichkeit – selbst Al-Qaidas Führung empfand diese Gewaltexzesse als schädlich für das Image des Dschihad.
Zunächst jedoch nutzte Al-Qaida das Chaos propagandistisch: Der US-Besatzungskrieg wurde zum Magnet für hunderte neue Mudschaheddin aus aller Welt. Unter ihnen war unter anderem der aktuelle syrische Übergangspräsident Ahmad al-Sharaa, als Al-Qaida Kämpfer bekannt als Abu Muhammad al-Jolani.
2006 kam Zarqawi bei einem US-Luftschlag ums Leben, doch sein Terrornetzwerk war bereits tief im Irak verwurzelt. Unter dem Namen „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) formierten seine Nachfolger eine Allianz dschihadistischer Fraktionen. Ihre Angriffe forderten tausende Opfer, zumeist irakische Zivilist:innen schiitischen Glaubens. Der Irak wurde damit durch die US-Invasion zum Brutkasten der nächsten, noch radikaleren Gruppierung – des sogenannten „Islamischen Staates“.
… und ISIS …
Der Bürgerkrieg in Syrien ab 2011 bot dem strauchelnden irakischen Dschihadismus eine neue Bühne. Als in Syrien ein Volksaufstand gegen das Assad-Regime ausbrach, rief Al-Qaida seine Anhänger auf, die Rebellen zu unterstützen. Der irakischen Ableger begann damit, Kämpfer nach Syrien zu schicken. Unter Führung von al-Jolani/Ahmad al-Sharaa entstand so 2012 „Jabhat al-Nusra“ (dt. Unterstützungsfront) – Al-Qaidas syrischer Arm.
Abu Bakr al-Baghdadi, der neue irakische Al-Qaida-Chef, betrachtete die Nusra-Front als Erweiterung seines Einflussbereiches. 2013 ignorierte er die Al-Qaida-Führung und erklärte den syrischen Ableger kurzerhand zu einem Teil seiner eigenen Organisation und benannte sie nun in „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) um.
Die Nusra-Front widersetzte sich jedoch Baghdadis Anspruch, was zum Bruch und zu blutigen Kämpfen zwischen den beiden Gruppen führte. Unter Baghdadi schlug ISIS daraufhin einen eigenen Weg ein – mit verheerendem Erfolg: Im Juni 2014 überrannten ISIS-Truppen weite Teile des Nordirak und Nordostsyriens und eroberten die Millionenstadt Mossul, wobei die irakische Armee kollabierte. Auf dem eroberten Territorium rief Baghdadi ein „Kalifat“ aus und proklamierte sich selbst zum Kalifen aller Muslime.
Innerhalb weniger Monate war ISIS (bzw. der IS) zur mächtigsten und gefürchtetsten dschihadistischen Organisation aufgestiegen. Al-Qaida wirkte plötzlich blass daneben. Ideologisch vertrat der IS eine deutlich aggressivere Variante des Salafi-Dschihadismus: Anders als Al-Qaida, das den fernen Feind priorisierte, konzentrierte sich der IS auf die Eroberung und Kontrolle von Territorium innerhalb der islamisch geprägten Länder.
Die Feinde waren nun vorrangig zu „Abtrünnigen“ erklärte Menschen vor Ort – irakische Schiit:innen, religiöse Minderheiten wie die Jesid:innen, und sogar rivalisierende dschihadistische Gruppen inklusive Al-Qaidas Nusra-Front. Durch Massaker, Versklavung, öffentliche Hinrichtungen und Terroranschläge gegen Zivilist:innen verbreitete der IS eine Schreckensherrschaft, die die allermeisten Menschen in der Region abstieß und schockierte.
Letztlich rief das ISIS-„Kalifat“ eine internationale Gegenallianz auf den Plan, die in Jahren harter Kämpfe den Islamischen Staat territorial zerschlug. Eine wichtige Rolle dabei spielte das militärische Bündnis der SDF (Syrian Democratic Forces), dem die kurdischen Kämpfer:innen der YPG und YPJ angehören. In den Reihen der kurdisch-arabischen Truppen der SDF kämpfen auch zahlreiche kommunistische, sozialistische und antifaschistische Internationalist:innen aus aller Welt.
Die SDF waren besonders entschlossen und kampfbereit, wenn es darum ging, ihre Heimat im Nordosten Syriens am Boden gegen die Invasion des IS zu verteidigen. Eine internationale Allianz aus verschiedenen westlichen Staaten unterstützte den Gegenangriff aus der Luft und logistisch. Die SDF haben eine großen Beitrag bei der Zerschlagung des IS geleistet und viele Opfer erbracht.
In der Folge gaben sich die SDF auch eine eigene politische Struktur und errichteten in den zurückeroberten Gebieten in Nordostsyrien eine unabhängige Selbstverwaltung, auch bekannt unter der kurdischen Bezeichnung Rojava. Der Mythos der Unbesiegbarkeit des IS war damit gebrochen.
Der Aufstieg des IS hinterließ eine anhaltende Rivalität und eine Spaltung der globalen dschihadistischen Bewegung – einen regelrechten „Bürgerkrieg der Dschihadisten“. Auch der IS kann als ein direktes Produkt der imperialen Irak-Invasion verstanden werden – ein blutiges Beispiel dafür, wie zerstörerisch die Kettenreaktion von Besatzung und religiösem Fanatismus wirken kann.
… bis zum neuen syrischen Präsidenten
Im Verlauf des Bürgerkriegs in Syrien hat Al-Qaida zunächst vom Aufstand gegen Baschar al-Assad profitiert: Mit mit der Nusra-Front etablierte Al-Qaida schnell eine schlagkräftige Miliz in Syrien, die im Kampf gegen das Assad-Regime gewisse Erfolge erzielte. Gleichzeitig sah sich der syrische Al-Qaida Ableger international isoliert, da er von den USA und Russland gleichermaßen als Terrororganisation eingestuft wurde.
2016/17 entschloss sich die Führung der Nusra-Front daher zu einem taktischen Schritt: Sie kappte demonstrativ die Verbindung zu Al-Qaida und benannte die Gruppe später in Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) (dt. Organisation oder Komitee zur Befreiung Syriens) um. Diese Rebranding-Maßnahme sollte Al-Nusra/HTS als lokale syrische Kraft präsentieren und westlichen Interventionen den Vorwand nehmen.
Kritiker:innen vermuten, dass diese Trennung eher oportunistischer Natur war und informelle Kontakte wie auch ideologische Bezüge zu Al-Qaida bestehen blieben. In den folgenden Jahren entwickelte sich HTS zur dominierenden Macht in den verbliebenen Rebellengebieten im Nordwesten Syriens, vor allem rund um die Stadt Idlib.
Auch dieser Wandel fand unter Federführung des Al-Nusra/HTS Führers al-Jolani statt. Ab 2017 begann er mit der Gründung von HTS öffentlich in den Medien aufzutreten. In der von seiner Miliz kontrollierten Region um Idlib initiierte er zudem die Schaffung einer Zivilverwaltung, die mit der Assad-Regierung in Damaskus konkurrierte.
Im November 2024 wurde von hier aus eine entscheidende Offensive gestartet, die das Assad-Regime nach über 14 Jahren Krieg zum Einsturz brachte. Al-Jolani nahm unter seinem echten Namen Ahmad al-Sharaa das Amt des neuen Präsidenten an und erklärte im Januar 2025 die Auflösung von HTS.
Seitdem sind er und seine Übergangsregierung bemüht, glaubhaft zu vermitteln, dass sie die politischen Forderungen und Ideale des Aufstandes gegen die Assad-Herrschaft repräsentieren und umsetzen wollen. Daran bestehen aber sowohl innerhalb als auch außerhalb Syriens noch große Zweifel. Nicht zuletzt, weil es seit dem Antritt der HTS-Regierung zu mehreren Massakern gegen religiöse Minderheiten in Syrien kam, in denen Truppen der neuen Regierung eine zweifelhafte Rolle spielten.
Es zeichnet sich hier deutlich ab, dass al-Sharaa weiterhin die Waffen und Kampfbereitschaft von Fundamentalisten benötigt. Gleichzeitig muss er aber dafür sorgen muss, dass diese sein „Nation Building“ und seine Bemühungen um internationale Anerkennung und Legitimität nicht sabotieren. Das bringt die Übergangsregierung in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den radikaleren Gruppen, sodass diese relativ unbehelligt bei ihren Racheakten gegen Minderheiten bleiben.
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Das Zusammenspiel von Imperialismus und Fundamentalismus
Al-Qaida steht sinnbildlich für die verheerenden Folgen eines Zusammenspiels von Imperialismus und Fundamentalismus. Die Organisation entstand aus den Trümmern imperialistischer Interventionen und trägt selbst wieder Zerstörung in neue Regionen. Ihre historische Entwicklung – von den afghanischen Bergen der 1980er über den 11. September bis zu den Kriegen in Irak und Syrien – zeigt einen blutigen roten Faden.
Al-Qaidas Ideologie rechtfertigt grausame Terrorakte mit dem Verweis auf die Gewalttaten der imperialistischen Feinde. Diese wiederum rechtfertigen ihre militärischen Interventionen mit der Notwendigkeit, den Terror zu bekämpfen. So dreht sich die Spirale immer weiter.
Der Pfad, den Al-Qaida in Syrien eingeschlagen hat, zeigt jedoch: Wenn eine Staatsführung dem Imperialismus glaubhaft in Aussicht stellt, mit ihm zu kooperieren und das Land für geopolitischen Einfluss und Kapitalexport zu öffnen, sind die imperialistischen Länder gerne bereit auch einen ehemaligen Al-Qaida Führer wie al-Sharaa/Jolani schnell und vollständig zu rehabilitieren.
In diesem Szenario relativiert sich der angebliche erbitterte Widerspruch zwischen „westlichen Werten“ und „barbarischem islamistischem Terror“. Wenn sich eine Option dazu auftut, wird der Imperialismus versuchen, seine Interessen statt über Raubkriege und Regime Change auch über Annäherung und Integration einer lokalen Herrschaft umzusetzen – auch wenn diese ihre Ursprünge in einer reaktionären Ideologie hat.
Eine gewisse Rolle als Miliz spielt Al-Qaida heute noch über ihre verbliebenen kleineren Ableger: etwa im Jemen (AQAP, Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel), in Somalia (al-Shabaab-Miliz) oder in der Sahelzone. Überall dort nutzt sie lokale Konflikte und staatliches Versagen, um Fuß zu fassen. Für die Bevölkerung bringen diese Gruppen jedoch nur neues Elend, repressive Herrschaft und anhaltende Unsicherheit.
Eine nachhaltige Lösung erfordert ein Durchbrechen des Teufelskreises. Das heißt einerseits: Imperiale Mächte müssten aufhören, durch militärische Abenteuer und Unterstützung kollaborierender Regime ständig neues Chaos zu erzeugen, in denen fundamentalistische und faschistische Ideologien gedeihen.
Andererseits brauchen die Gesellschaften in den islamisch geprägten Ländern selbst fortschrittliche Alternativen, die der dschihadistischen Ideologie den Boden entziehen würden – soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe, Befreiung der Frauen und aller Geschlechter und letztlich eine Überwindung von Kapitalismus und Patriarchat statt Korruption, Despotie und Verzweiflung. Die selbstverwalteten Regionen in Nordostsyrien/Rojava, aus denen die SDF den sogenannten IS vertrieben haben, versuchen unter widrigen Umständen eine solche Perspektive Wirklichkeit werden zu lassen.
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Ohne den Nährboden aus Frustration, Demütigung und imperialistischer Unterdrückung und Fremdherrschaft wird Al-Qaidas radikaler Fundamentalismus an Anziehungskraft verlieren. Bis dahin aber bleibt die Gruppe – trotz aller Rückschläge – ein Produkt ihrer Zeit. Geboren aus dem Kampf gegen eine Supermacht in Afghanistan, genährt vom Hass auf den westlichen Imperialismus, und verhängnisvoll verwoben mit den Machtspielen globaler Akteure.
Al-Qaidas Geschichte ist eine warnende Geschichte, wie Gewalt im Namen von Religion und vermeintlicher Gegenwehr gegen Fremdherrschaft in scheinbar endloses Leid münden kann.

