Zeitung für Solidarität und Widerstand

Ausbildungsreport 2025: Ausbildung bleibt Ausbeutung

Der Ausbildungsreport des DGB für das vergangene Jahr zeigt deutlich, dass Berufseinsteiger:innen besonders ausgebeutet werden und oft allein von ihrer Ausbildung nicht leben können. Frauen in der Ausbildung werden dabei besonders häufig ausgenutzt und noch schlechter bezahlt. Der Report zeigt, wie sich die Lage der Azubis zuspitzt – Zeit, sich dagegen zu organisieren. – Ein Kommentar von Leon Wandel.

Egal, ob man diese Lebensphase gerade erlebt oder sich an sie zurückerinnert: Das Thema Ausbildung wird sicherlich bei einigen gemischte Gefühle wecken. Nachdem man in jungen Jahren die Schulzeit endlich überstanden hat – oft mit Mobbing, Prüfungsstress und strengen Lehrer:innen –, freut man sich auf den Start in das selbstständige Leben.

Für die Jugend der Arbeiter:innenklasse beginnt nach den harten Jahren in der Schule jedoch die Zeit, in der sie für den Rest ihres Lebens ihre Arbeitskraft an ihre:n Chef:in verkaufen müssen, der sich oft ausgiebig an den Früchten ihrer Arbeit bedient. Diese Bürde tragen sie mindestens bis zur mickrigen Rente. Und diese wird von der Regierung zusätzlich immer weiter nach hinten geschoben und angegriffen.

Aktuell waren fast 30 Prozent der Auszubildenden unzufrieden mit ihrer Stelle: Nur 31,5 Prozent der Azubis sind in ihrem Wunschberuf gelandet, und 70.000 Jugendliche bleiben sogar ganz ohne Ausbildung. Kein Wunder, dass die Quote der abgebrochenen Ausbildungen mit ebenfalls knapp 30 Prozent konstant hoch blieb. Das alles wurde im Rahmen des jährlichen DGB-Ausbildungsreports ermittelt. Diese Studie zur Situation von Auszubildenden für das Jahr 2024 wurde am 21. August veröffentlicht und zeigt die vielfältigen Probleme der Azubis in Deutschland.

Die erfolgreich abgeschlossenen Ausbildungen gingen im Vergleich zum Vorjahr zurück und die Zahl der Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz fanden, ist im Vorjahresvergleich um 10,5 Prozent gestiegen. Ebenfalls ungewiss war die Zukunft der befragten jungen Menschen, die eine Ausbildung gefunden hatten. 58 Prozent von ihnen wussten nicht, ob sie nach der Ausbildung von ihrem Betrieb übernommen werden würden – ebenfalls ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Eine sichere Zukunft in ihrem Betrieb hatten lediglich etwas mehr als ein Drittel.

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Überstunden und Kaffeekochen für einen Hungerlohn

Zwar ist die Zahl der Azubis, die regelmäßig Überstunden machen müssen, insgesamt zurückgegangen. Mit fast 33 Prozent ist der Anteil allerdings immer noch enorm hoch. Von den Köch:innen in der Lehre gaben z.B. über 50 Prozent der Befragten an, regelmäßig Überstunden machen zu müssen. Hinzu kommen Aufgaben, die eigentlich nicht Teil der Berufsbeschreibung sind, wie Kaffeekochen oder Putzen. 14,7 Prozent der Befragten gaben an, immer oder häufig diese „ausbildungsfremden Tätigkeiten“ übernehmen zu müssen.

An den Zahlen und Fakten der Studie ist ein klarer Trend zu erkennen. Die Arbeitgeber:innen versuchen, die Löhne der Auszubildenden so niedrig wie möglich zu halten. Und die Gewerkschaften, die oft auf Kuschelkurs mit der Chefetage sind, erzielen meist keine Verbesserungen für die Jugendlichen, die in das Berufsleben starten.

Seit Jahren rückläufige Tarifbindungen und Tarifabschlüsse, welche die Preissteigerungen real nicht ausgleichen, sorgen dafür, dass Azubis mit einem durchschnittlichen Lohn von 1.026 Euro im Monat auskommen müssen. Die Mindestausbildungsvergütung liegt sogar bei 682 Euro – dies alles, während die Kosten für die Miete immer weiter klettern, der Sozialstaat von fast allen Parteien angegriffen wird und die Krisen und die zunehmende Aufrüstung die ökonomische Lage immer weiter zuspitzen.

Daher verwundert es auch nicht, dass 62,8 Prozent der Auszubildenden Probleme haben, von ihrem Lohn eigenständig zu leben – ein Wert, der seit dem Jahr 2020 um 6 Prozentpunkte gestiegen ist. Gute 30 Prozent sind auf finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern angewiesen und fast 13 Prozent müssen sogar neben ihrer Ausbildung noch zusätzlich jobben gehen.

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Die Unterdrückung junger Frauen im Betrieb

Die gesamte Lage der Auszubildenden ist äußerst angespannt. Doch die Berufszweige, die gesellschaftlich typischerweise Frauen zugeordnet werden, haben noch einmal schlechtere Arbeitsbedingungen: Schon in den Jahren zuvor bestätigte sich immer wieder, dass weibliche Azubis deutlich schlechter bezahlt werden als männliche.

Oft wollen Frauen nicht einmal von sich aus in einen der typischen schlecht bezahlten „Frauenjobs“, allerdings haben sie dort die besten Aussichten darauf, eingestellt zu werden, weil in vielen Betrieben ein patriarchales Frauenbild herrscht.

In den von Männern bevorzugten Berufen sind die Auszubildenden außerdem im Schnitt halb so gestresst wie in den Berufen, die von Frauen dominiert sind. In den frauentypischen Berufen gaben 35 Prozent der Azubis an, „immer“ oder „häufig“ Probleme damit zu haben, sich nach der Arbeit zu erholen. Hinzu kommt, dass schon junge Frauen auf ihre spätere doppelte Rolle in Lohnarbeit und Haushalt vorbereitet werden und schon von daher oft eine zusätzliche häusliche Belastung auf sie zukommt.

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Organisiert gegen die Arbeitgeber:innen kämpfen – statt sich im Generationenkonflikt spalten zu lassen

Der Satz: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ vermittelt den jungen Auszubildenden, dass sie akzeptieren müssen, wenn sie ausgebeutet werden. Denn das sei nun mal schon immer so gewesen. Wenn nun die neue Generation es auf einmal besser hätte, wäre das ja nicht gerecht.

Doch so wie es ist, muss es nicht bleiben – weder für die Altvorderen, noch für die jungen Berufseinsteiger:innen. Der Altersunterschied und das unterschiedliche Niveau der Berufserfahrung dürfen uns Arbeiter:innen nicht auseinander bringen Auch nicht die Herkunft oder das Geschlecht! Denn vorwiegend eint die Auszubildenden und die Berufserfahrenen ihr gemeinsames Interesse, bessere Arbeitsbedingungen für alle zu erkämpfen und ihren Chef:innen abzuringen.

Daher ist es heute für Jugendliche wie für berufserfahrene Erwachsene unabdingbar, sich politisch zu engagieren, klassenkämpferisch aktiv zu werden und sich zu organisieren.

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