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Bahn in der Krise: Generalsanierung zwischen Berlin und Hamburg

Wie aktuell zwischen Berlin und Hamburg wollte die Deutsche Bahn bis 2031 schon fast 40 Strecken saniert haben. Doch unter dem kriselnden DB-Konzern und der Regierung kommen die Pläne erneut ins Stocken.

Die ICE-Strecke zwischen Berlin und Hamburg ist der schnellste Weg zwischen den beiden größten Städten Deutschlands und ist damit eine der wichtigsten und am meisten befahrenen Bahnverbindungen. Seit vergangener Woche, dem 1. August, ist sie im Rahmen der Generalsanierung der Deutschen Bahn (DB) voll gesperrt. Neun Monate lang, bis April 2026, soll die 278 Kilometer lange Strecke für geplante 2,5 Milliarden Euro komplett überholt werden. Gleise, Weichen, Oberleitungen und 28 Bahnhöfe entlang der Strecke sollen während der Vollsperrung erneuert werden.

Die Bauarbeiten haben Konsequenzen für Bahnfahrer:innen im gesamten Norden Deutschlands. ICEs werden umgeleitet und fahren nur noch stündlich statt halbstündlich, mit 45 Minuten längerer Fahrzeit. Das Besondere dabei: Regionalzüge auf der ICE-Umleitungsstrecke müssen zwischen Uelzen und Salzwedel ganz eingestellt werden. Auf der Verbindung über die ehemalige innerdeutsche Grenze wurde auch nach 35 Jahren Beitritt der DDR zur BRD kein zweites Gleis aufgebaut. Auch viele weitere IC- und Regionallinien müssen umgeleitet oder ganz gestrichen werden.

Dafür gibt es dann einen Ersatzverkehr mit Bussen. Der DB-Vorstandsvorsitzende Philipp Nagl spricht vom „größten Schienenersatzverkehr, der je in Deutschland aufgestellt wurde“. 170 Busse fahren auf 28 verschieden Linien. Auf der Seite der Deutschen Bahn können sogar die Standorte aller Busse in Echtzeit verfolgt werden. Trotz des umfangreichen Ersatzverkehrs müssen viele Reisende im Norden Deutschlands in den kommenden Monaten mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen.

Verzögerungen beim Sanierungsplan

Das Vorhaben der Generalsanierungen wurde 2022 von der Ampel-Koalition unter Verkehrsminister Volker Wissing (damals FDP) initiiert. Statt immer wieder kleinere Arbeiten im laufenden Betrieb zu erledigen, sollten zukünftig Strecken für mehrere Monate voll gesperrt werden, um dann eine komplette Sanierung durchzuführen. Dadurch sollen dann für viele Jahre keine Bauarbeiten mehr erfolgen müssen. In den ursprünglichen Plänen sollten bis 2031 über 4.000 Streckenkilometer auf knapp 40 Strecken des „Hochleistungsnetzes“ saniert werden.

Als erstes Projekt wurde die Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim (Riedbahn) bis Dezember 2024 für 1,5 Milliarden Euro saniert. Aktuell laufen Bauarbeiten auf den Strecken Emmerich-Oberhausen und eben: Berlin-Hamburg. Doch der ambitionierte Sanierungsplan kommt immer mehr ins Wanken. Die aktuelle Koalition aus Union und SPD kündigte im Koalitionsvertrag an, das Sanierungskonzept zu überprüfen und anzupassen. Im Juni erklärte die DB, statt 2031 erst „Mitte der 2030er Jahre“ fertig zu werden. Dies geschehe „in Absprache mit der neuen Bundesregierung“, heißt es.

Der ursprüngliche Sanierungsplan hatte vorgesehen, besonders in den Jahren 2028 bis 2030 teilweise acht Strecken gleichzeitig für eine Sanierung voll zu sperren. Das würde im sowieso schon maroden und überlasteten deutschen Bahnnetz womöglich für einen Zusammenbruch sorgen. Die Deutsche Bahn erklärte Anfang Juli, die Pläne für 2026 und 2027 seien schon weit fortgeschritten und würden beibehalten. Ab 2028 soll dann jedoch der Zeitplan gestreckt werden.

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DB weiterhin in der Krise

Im ersten Halbjahr 2025 hat die Deutsche Bahn 760 Millionen Euro Verluste eingefahren. Das Unternehmen verkaufte zuletzt mit dem Logistikunternehmen Schenker ihre einzige gewinnbringende Sparte für 14 Milliarden Euro, um Schulden zu tilgen. Lange konnte sich der Bahnkonzern noch auf jährliche Gewinne aus dem Fernverkehr verlassen, doch durch Schadensersatzzahlungen aufgrund von Verspätungen und Ausfällen ist das Geschäft nicht mehr rentabel. Auch der Güterverkehr mit DB-Cargo ist seit Jahren schon ein Minusgeschäft für die DB.

Der Verlust durch Schadensersatzzahlungen zeigt: Die wirtschaftliche Lage der DB ist untrennbar verbunden mit dem Zustand des deutschen Schienennetzes. Wenn Züge pünktlich und störungsfrei fahren, steigt auch der Gewinn. Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will daher zunächst an den Generalsanierungen festhalten, aber bis Spätsommer dieses Jahres eine überarbeitete Strategie für die Sanierungskonzepte vorlegen. Trotzdem steigen die Preise für Fahrgäste immer weiter: Das Deutschlandticket könnte ab 2026 dann schon 70 Euro kosten und 2027 sogar ganz gestrichen werden. Im Fernverkehr drohen durch Erhöhung der Schienenmaut starke Preissteigerungen noch in diesem Jahr.

Durch mehrere deutschlandweite Vollsperrungen gleichzeitig könnte es kurzfristig sogar zu noch mehr Hindernissen kommen. Bis der massive Sanierungsstau bei der DB abgebaut ist, werden also die bekannten Probleme mit Verspätungen und Ausfällen im deutschen Bahnverkehr bestehen bleiben. 2024 waren Fernzüge so unpünktlich wie seit 21 Jahren nicht mehr.

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