Deutsche Twitch-Streamer filmen sich wie sie als Obdachlose leben. Was als sozialkritisches Experiment beworben wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als zynische Verharmlosung von Obdachlosigkeit. Armutsästhetik und Imagepflege statt Systemkritik. – Ein Kommentar von Marius Fiori.
In der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, wo Tourismusboom und Wohnungsnot aufeinandertreffen, inszenierte der deutsche Twitch-Streamer Trymacs derzeit eines der fragwürdigsten Formate der Influencer:innen-Szene: Beim sogenannten „Bettel Royale“ leben wohlhabende Content-Schaffende fünf Tage lang auf der Straße und vermarkten ihre Erfahrungen als Unterhaltung.
Die Problematik beginnt bereits mit der ausgerechneten Wahl des Ortes: Lissabon erlebt seit Jahren eine dramatische Wohnungskrise, bei der Luxussanierungen und Airbnb-Vermietungen Einheimische aus ihren Vierteln verdrängen. Genau in dieser Stadt, wo tatsächliche Obdachlosigkeit ein strukturelles Problem darstellt, inszenieren nun reiche Influencer:innen Armut als freiwilliges Abenteuer.
Die Diskrepanz könnte größer kaum sein: Denn während echte Betroffene mit bürokratischen Hürden, sozialer Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit kämpfen müssen, können die gutbetuchten Streamer:innen jederzeit aussteigen und in ihre Luxusunterkünfte zurückkehren.
Ästhetisierung von Armut
Besonders problematisch ist die Ästhetisierung der Armut im Format. Die Kameras fangen geschickt komponierte Bilder ein: schmutzige Hände, ungemachte Schlafplätze, improvisierte Mahlzeiten. Was als authentisch verkauft wird, ist in Wahrheit eine sorgfältig kuratierte Version von Obdachlosigkeit – bereinigt von den wirklich erniedrigenden und gefährlichen Aspekten. Die tatsächliche Realität, etwa die ständige Angst vor Gewalt, die Demütigungen durch Behörden oder die Schwierigkeiten medizinische Versorgung zu erhalten, bleiben komplett außen vor.
Das Format reproduziert dabei gefährliche Narrative: Es suggeriert, Armut sei vor allem eine Frage der persönlichen Überlebensfähigkeit, und verdeckt damit die systemischen Ursachen. Die Frage „Kannst du obdachlos sein?“ ersetzt die eigentlich notwendige Debatte darüber, warum in einer der reichsten Gesellschaften der Geschichte überhaupt Menschen auf der Straße leben müssen. Indem die Challenge Obdachlosigkeit individualisiert, entpolitisiert sie das Thema und macht es zur reinen Unterhaltung.
Demutsvermarktung
Gleichzeitig nutzen die Teilnehmer:innen das Format geschickt zur Imagepflege. Die vermeintliche Betroffenheit nach der Challenge, die gespielte Demut („Das hat mich so demütig gemacht“) – all dies dient letztlich der Selbstvermarktung. Die eigentlichen Betroffenen kommen kaum zu Wort, ihre Perspektiven werden nicht einbezogen. Stattdessen dominieren die Erlebnisse und Erkenntnisse der reichen Creator die Erzählung – eine klassische Aneignung von Leid zur Profilierung.
Was das Format systematisch ignoriert, sind die Stimmen von Expert:innen und Hilfsorganisationen, die seit Jahren auf die strukturellen Ursachen der Wohnungsnot hinweisen.
Während „Bettel Royale“ auf persönliche Schicksale setzt, fehlt jeder Verweis auf zumindest reformistische politische Lösungsansätze wie Mietpreisbremsen, Leerstandsabgaben oder den sozialen Wohnungsbau. Die Challenge bleibt damit im rein Spektakulären stecken – sie erzeugt Betroffenheit, aber keinerlei Verständnis oder Transparenz für die komplexen Zusammenhänge.
Es geht besser, wenn gewollt!
Alternativen zu solchen Formaten existieren durchaus: Straßenzeitungen lassen Betroffene teils selbst zu Wort kommen und versuchen Menschen in sozialer Not durch den Verkauf von Zeitungen immerhin im geringen Umfang zu helfen. Dokumentarprojekte wie Die Unsichtbaren nähern sich dem Thema mit der nötigen Sensibilität und Tiefe. Doch diese Ansätze erfordern Zeit, Respekt und echte Auseinandersetzung – alles Dinge, die im schnellen Content-Zyklus der Influencer:innen-Welt untergehen.
Am Ende bleibt „Bettel Royale“ vor allem eines: ein weiteres Beispiel dafür, wie der Kapitalismus selbst menschliches Leid zur verwertbaren Ware macht. Das Format mag zwar Aufmerksamkeit für das Thema generieren, aber es verändert nichts an den strukturellen Bedingungen für Obdachlosigkeit und thematisiert diese erst gar nicht. Solange solche Challenges Armut als individuelle Herausforderung darstellen, statt als gesellschaftliches Versagen, bleiben sie Teil des Problems – nicht der Lösung.

