Nachdem Anfang des Jahres die bedeutende Veranstaltungsserie Boiler Room vom Festivalgiganten Superstruct gekauft wurde, regnet es kritische Kommentare und Künstler-Absagen. Was nach einem plötzlichem Ausverkauf aussieht, zeigt mal wieder den grundlegenden Widerspruch von Musik im Kapitalismus auf. – Ein Kommentar von Enrico Telle.
Tagelang wateten die Besuchenden in Wacken im Schlamm: was nach Woodstock klingt, nach Heavy Metal, Rock und Freiheit, ist jedoch längst Teil einer riesigen Entertainment-Industrie. Eine Industrie, in der bei über achtzig der teilweise größten Festivals in Europa seit letztem Jahr auch eine besonders umstrittene private-equity-Firma aus den USA ihre Finger im Spiel hat.
KKR heißt die Investmentfirma, die zunächst relativ unentdeckt letztes Jahr den Festival-Giganten Superstruct übernahm. Bis dann Anfang des Jahres Superstruct wiederum die internationale Veranstaltungsreihe Boiler Room kaufte.
Seitdem häufen sich die Angriffe auf Superstruct-Outlets – Der Shitstorm war kaum zu bändigen, auch Artists sagten ihre Auftritte ab. Und auch jetzt noch, ein halbes Jahr später, flammt der Aufschrei zeitweise wieder auf ob des Genozids in Palästina, an dem sich das neue Mutterunternehmen auf verschiedenen Wege mitschuldig macht.
Zuletzt entzündete sich die Debatte an einem internen Boiler Room Dokument, in dem der Umgang mit dem Protest geregelt wird: Wo immer möglich, sollen Venues Protestierende lieber von der Polizei vorher fernhalten lassen, um das Image zu wahren. Bei den Veranstaltungen selbst seien jedoch die Veranstaltung nicht störender Protest, Fahnen und Schilder beispielsweise erlaubt.
Denn: Boiler Room bekennt sich zum Recht auf Protest, war vor dem Kauf eher als pro-palästinensisch bekannt. Doch wo das Geld spricht, schweigt bekanntlich die Moral.
Kommerz statt Kunst, Streaming statt Rave
Und das Geld fließt: Boiler Room steht wie kein anderes Event für Hype und Streambarkeit. Der Wandel in der elektronischen Musikszene, der gerade seit der Corona-Pandemie von vielen beklagt wird, wurde hier perfektioniert. Es ist der Ort, an dem Marken geschaffen werden, an dem das Raven streambar und jederzeit verfügbar wird, und an dem gerade in Pandemie-Zeiten Gewinne mit Veranstaltungen eingefahren werden konnten. Für Kapitalinteressen in der Veranstaltungsbranche ein seltenes Kleinod, naturgemäß ein eher risikobehaftetes Feld.
Damit ist Boiler Room also genau das richtige Asset für Superstruct, wo letztes Jahr Milliardenumsätze eingefahren wurden, in einer Branche, die wie kaum eine andere unter steigenden Kosten leidet.
Harter Kampf in der Festivalbranche – mit eindeutigen Siegern
Während Superstruct dem Regenwetter in der Branche durch schiere Größe standhalten kann, klagen Festivals wie Clubs seit Jahren über steigende Kosten. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft spricht von einer Kostensteigerung von bis zu 45 Prozent für Festivals seit 2022. Gründe hierfür seien Künstlergagen, die sich teilweise fast verdreifacht hätten, weil die Künstler:innen durch Streaming mehr auf Liveauftritte angewiesen seien, gestiegene Personalkosten und Versicherungskosten wegen Extremwetterlagen.
Ein Leid, das auch das Riesen-Event Wacken klagen kann: 2023 konnten hier wegen extremer Regenfälle statt der geplanten und verkauften 85.000 Tickets nur circa 60.000 eingelöst werden, eine Katastrophe für Fans wie Veranstalter.
Dieses Jahr scheint dem Wetter jedoch eine bessere Vorbereitung entgegengestellt zu sein: trotz Niederschlägen von bis zu 40 Liter pro Quadratmeter konnte das seit September ausverkaufte Festival mehr oder weniger planmäßig ablaufen, mit Gummistiefeln und großen Headlinern wie Guns N’ Roses. Ein voller Erfolg, vor allem möglich durch die Kaufkraft von Superstruct, die seit 2019 das Festival professionalisieren, von der Bier-Pipeline bis zum Schlamm-Management.
So konnte der Konzern seinen Umsatz in 2023 um 26 Prozent steigern auf circa 222 Millionen US-Dollar. Trotz wetterbedingter Verluste ein offenbar interessantes Ziel für KKR, die dann den Deal über circa 1,3 Milliarden Dollar abschlossen.
Anders sieht es jedoch für kleinere Festivals aus: kleinere Puffer, weniger Budget für Top-Headliner, und schwierigere Verhandlungspositionen für Sponsorings und Förderungen. Das sind die Herausforderungen, mit denen viele Festivals kämpfen, und mit denen teilweise auch die großen vor der Entscheidung stehen: entweder aufhören, wie 2024 das Melt-Festival, oder das Angebot der Giganten annehmen, wie 2019 das Wacken Open Air.
Fans und Künstler:innen sehnen sich nach Alternativen
Doch so einer Entwicklung der Kommerzialisierung und der Konzentration geht bisweilen ja auch eine Gegenbewegung entgegen: Während immer wieder gegen die skrupellosen Machenschaften von KKR protestiert wird, entscheiden sich auch Festival- und Club-Besuchende manchmal gerade gegen die großen Namen und die Menschenmassen und für kleinere Veranstaltungen mit locals oder ohne vorher bekannt gegebene Artists.
So lockt das Fusion-Festival seit Jahrzehnten Besucher:innen ohne Line-Up an, die dafür auch noch eine Verlosung für das Ticket gewinnen müssen. Während auch dieses Festival letztes Jahr noch in der Kritik stand für israelsolidarische Positionen, wurden hier 2025 auch palästinasolidarische und konsequent imperialismuskritische Stimmen laut, wie die von Kerosin95.
Und auch der Widerstand gegen die kapitalgetriebene Politik vom Boiler Room stellt ein Positivbeispiel dar: Im Juni gab es gar einen Streik der Künstler:innen einer Boiler Room Veranstaltung in San Francisco, der sogar noch mit einer Benefiz-Gegenveranstaltung von ebenjenen Künstler:innen beantwortet wurde, um Geld für ihre Einbußen und für Hilfsorganisationen in Gaza zu sammeln.
Es zeigt sich also auch im Bereich der Festivals ein Widerspruch im Kapitalismus: Auf der einen Seite stehen Fans, die in Feierstimmung Musik genießen wollen und sich das auch leisten können, auf der anderen stehen Großunternehmen, die so viel Profit wie möglich aus den Events schlagen wollen und ein werbefähiges Image ohne störenden Protest wahren wollen. Während einige Musiker:innen – gerade die größten Headliner und Prominent:innen – sicherlich von den absurden Preisen profitieren und sich auf der Seite der Unternehmer:innen finden, bedeutet die Monopolisierung des Musikmarkts, das kleine Künstler:innen immer mehr auf Live-Musik – und damit die Großunternehmen, die Events zunehmend organisieren – angewiesen sind. Außerdem sehen sich Artists, die sich inner- und außerhalb ihrer Musik politisch positionieren, immer mehr in ihrer künstlerischen Freiheit eingeschränkt.

