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Bolivien: 200 Jahre Unabhängigkeit im Zeichen linker Machtkämpfe

Im Jahr 1825 gewann Bolivien seine Unabhängigkeit vom Spanischen Königreich. Das Land mit indigener Bevölkerungsmehrheit wird seit 2006 von der reformistischen „Bewegung zum Sozialismus“ regiert. Die Zukunft ist angesichts eines Machtkampfes in der Regierungspartei und einer Krise des Rohstoffexportgeschäfts jedoch ungewiss.

Am 6. August 1825 wurde in der Stadt La Plata / Chuquisaca die Unabhängigkeit des Staates Oberperu ausgerufen, der bis dahin zum Spanischen Königreich gehörte. Bereits zwei Monate später, benannte sich das Land zu Ehren des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar (1783-1830) in „Bolivien“ um. Bolívar, der in Venezuela als Nachfahre spanischer Siedler:innen und Sohn einer Großgrundbesitzerfamilie geboren wurde, hatte die Unabhängigkeitskriege in Venezuela, Kolumbien (einschließlich des heutigen Panama) und Ecuador angeführt.

In Peru und Bolivien kämpfte Bolívar zwar nicht selbst, hatte aber entscheidenden Anteil am Aufbau der dortigen antikolonialen Armee, die in seinem Auftrag von Antonio José de Sucre (1795-1830) geführt wurde. Die Hauptstadt La Plata wurde zu dessen Ehren später in Sucre umbenannt.

Von der reichen Kolonie zum Armenhaus Südamerikas

Zum 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit, liegt die Zukunft Boliviens nicht zum ersten Mal im Ungewissen. Im 19. Jahrhundert verlor das Land große Teile seiner Gebiete in verschiedenen Kriegen an Nachbarländer wie Brasilien und Argentinien. Besonders verheerend wirkte sich der Verlust des Meereszugangs infolge des Salpeterkriegs (1879-1883) mit Chile aus, der den Andenstaat von internationalen Handelswegen abschnitt.

Das Land, das im 16. Jahrhundert aufgrund seiner Silbervorkommen zu den reichsten Provinzen des spanischen Kolonialreichs gehört hatte, wurde zu einem der ärmsten Länder Lateinamerikas. Dort konzentrierte eine kleine Oberschicht der europäischstämmigen weißen Bevölkerung den gesamten Reichtum und die politische Macht bei sich. Die bolivianische Kompradorenbourgeoisie verdiente am Ausverkauf der zahlreichen Bodenschätze (Zink, Blei, Zinn, Kupfer u.a.) des Landes an die USA und andere imperialistische Mächte. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört einem der zahlreichen indigenen Völker wie den Aymara, Quechua und Guaraní an und arbeitete traditionell in der Landwirtschaft oder dem Bergbau. Das westliche Andenhochland, wo auch der Regierungssitz La Paz liegt, war stets von der Minenindustrie und der kleinen Landwirtschaft geprägt, während im tropischen Osten und Süden der Großgrundbesitz vorherrschte und im Verlauf des 20. Jahrhunderts bedeutende Erdgas- und Ölvorkommen entdeckt wurden.

Der Versuch Ernesto Che Guevaras, die kubanische Revolution auf weitere Teile Lateinamerikas auszudehnen, scheiterte im bolivianischen Urwald und endete mit dessen Ermordung durch Militärs im Jahr 1967. Bolivien war immer wieder Schauplatz heftiger Klassenkämpfe, in denen vor allem die Gewerkschafts- und Bäuer:innenbewegung des Landes eine zentrale Rolle spielten.

Von Massenprotesten zum Plurinationalen Staat

Gerade um die reichen Bodenschätze des Landes tobten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder heftige soziale Kämpfe. Im Jahr 2003 zwang eine landesweite Bewegung von Arbeiter:innen und Kleinbäuer:innen mit Demonstrationen und Straßenblockaden den Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada zur Flucht nach Florida. Dieser hatte zuvor das Erdgas des Landes zu einem Spottpreis an amerikanische Ölkonzerne verkauft. Zwei Jahre später stürzte eine breite Volksbewegung auch seinen Nachfolger Carlos Mesa. Dies ebnete 2006 den Weg für die Regierungsübernahme der „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) unter dem Kokabauern Evo Morales, der als Aymara erster indigener Präsident des Landes wurde.

Die Regierung Morales ließ im Mai 2006 alle Öl- und Gasvorkommen Boliviens verstaatlichen und steckte die Einnahmen aus dem Sektor in verschiedene Sozialprogramme, das Bildungswesen und den Aufbau einiger Industriezweige. Hierdurch stieg auch die Inlandsnachfrage, was einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung in Gang setzte. Erstmals in der bolivianischen Geschichte entstand eine indigene Mittelschicht. 2009 stimmte die Bevölkerung des Landes mit breiter Mehrheit einer neuen Verfassung zu, welche die Kultur und Sprache von 36 verschiedenen indigenen Völkern offiziell anerkannte und das Land in „Plurinationaler Staat Bolivien“ umbenannte. Außenpolitisch näherte sich Bolivien unter Morales an Kuba und Venezuela an.

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Militärputsch 2019 und Krise der MAS

Eine erneute politische Krise des Landes trat im Jahr 2019 ein, als Evo Morales sich – entgegen der von ihm selbst vorangetriebenen Verfassung – zum vierten Mal zum Präsidenten wählen lassen wollte. Das Militär zwang ihn zum Rücktritt und zur Flucht nach Mexiko. Die rechte Senatsvizepräsidentin Jeanine Añez erklärte sich mit Rückendeckung der Großgrundbesitzer sowie von Militär und Polizei zur Übergangspräsidentin und machte sich daran, Teile der Politik von Morales wieder rückgängig zu machen. Der rechte Putsch wurde umgehend mit Streiks und Straßenblockaden beantwortet, bei denen es gemäß der landesüblichen Demonstrationskultur zum Einsatz von Dynamit und Feuerwerkskörpern kam. Añez ließ die Proteste niederschlagen und hielt sich noch bis 2020 im Amt, als sie insbesondere wegen ihres katastrophalen Managements der Corona-Pandemie Neuwahlen ausrufen musste.

Bei diesen kam die MAS-Partei unter dem früheren Wirtschaftsminister Luis Arce wieder an die Regierung. Arce nahm den reformistischen Kurs wieder auf und bekam die Pandemie besser in den Griff als die Putschregierung. Ökonomisch wuchs das Land wieder und die Preise stabilisierten sich. 2023 nahm das lateinamerikanische Wirtschaftsbündnis Mercosur Bolivien auf, 2024 folgte der Beitritt als assoziiertes Mitglied der Brics-Staaten zusammen mit Kuba.

Das einseitige ökonomische Fundament der MAS-Politik bleibt jedoch das Geschäft mit dem Export von Rohstoffen, das zunehmend in die Krise gerät. In den letzten Jahren ist die Produktion von Erdgas in Bolivien um etwa ein Drittel zurückgegangen. Die Erschließung der riesigen Lithiumvorkommen des Landes kommt ebenso kaum voran, wie die ursprünglich angedachte Diversifizierung der Wirtschaft. Die hohen Staatsausgaben, mit denen die MAS-Regierung die Binnennachfrage angekurbelt hat, musste sie in den vergangenen Jahren zunehmend aus Ersparnissen und auf Pump tätigen. Während die Devisenreserven des Landes deshalb langsam zur Neige gehen, steigen die Zinsen auf bolivianische Staatsanleihen.

Zeitgleich mit dieser schleichenden Krise, haben sich der amtierende Präsident Arce und sein Vorgänger Evo Morales spektakulär miteinander überworfen, was zu einer Spaltung des MAS-Lagers geführt hat. Morales wollte bei den Präsidentschaftswahlen 2025 unbedingt wieder antreten, Amtsinhaber Arce jedoch auch. Beide Seiten werfen der jeweils anderen inzwischen eine Verbindungen zu Drogenkartellen vor. Morales unterstellt Arce außerdem, einen Mordversuch an ihm geplant zu haben. Dieser sah sich im Juni 2024 wiederum mit einem bizarren Putschversuch konfrontiert, bei dem der entlassene Armeechef Juan José Zúñiga mit einer Handvoll Soldaten versuchte, den Präsidentenpalast zu stürmen.

Präsidentschaftswahlen und Perspektiven

Im Mai erklärte Luis Arce schließlich seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur und rief Widersacher Morales auf, dasselbe zu tun. Dieser ist durch das Verfassungsgericht zwar von der Wahl ausgeschlossen worden, mobilisiert aber weiter seine Anhänger:innen, um dagegen zu protestieren. Aktuell gilt Senatspräsident Andrónico Rodríguez von der neu gegründeten Partei Alianza Popular als aussichtsreichster Kandidat der Linken, muss sich jedoch wahrscheinlich zwei Konkurrent:innen aus dem eigenen Lager stellen. Das rechte Lager des Landes gilt derweil durch den Militärputsch von 2019 als diskreditiert und bietet nur altbekannte Kandidat:innen auf.

Wie es in Bolivien 200 Jahre nach der Unabhängigkeit weiter geht, ist also offen. Das Land hat in den vergangenen zwanzig Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung gemacht; der reformistische Weg der MAS-Bewegung ist dabei jedoch an seine natürlichen Grenzen gestoßen. Will Bolivien die Fortschritte der letzten Jahrzehnte bewahren und weiterentwickeln, muss es neue Wege beschreiten.

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