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Deutscher Kapitalismus: Unternehmen beschleunigen Stellenabbau

Nach einem Bericht der FAZ haben deutsche Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 die Streichung von über 43.000 Jobs angekündigt. Damit beschleunigt sich der Abbau von Arbeitsplätzen. Betroffen ist vor allem die Autoindustrie. Die Gewerkschaften haben die Angriffe bei Ford Köln und ThyssenKrupp Steel kürzlich durchgewunken. – Ein Bericht von Thomas Stark.

Die anhaltende Wirtschaftskrise in Deutschland schlägt sich zunehmend im Abbau von Arbeitsplätzen nieder. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Juli berichtete, haben sich die angekündigten Stellenstreichungen von Unternehmen in Deutschland im ersten Halbjahr 2025 auf rund 43.700 summiert. Im Vorjahreszeitraum waren es bereits ca. 39.000.

Zuletzt hatten Meldungen über Stellenstreichungen unter anderem bei Lieferando, Siemens, Uniper und Daimler Truck die Runde gemacht. Daimler Truck, ein Hersteller von Nutzfahrzeugen, will bis 2030 5.000 von 35.500 Jobs in Deutschland streichen. Uniper will sein Personal vor allem durch die Nichtneubesetzung frei werdender Stellen um 400 Arbeitsplätze reduzieren. Bisher beschäftigt das Energieunternehmen, eine Abspaltung von E.ON, etwa 5.000 Mitarbeiter:innen in Deutschland.

Siemens baut 2.750 Jobs in der Sparte Digital Industries ab und einigte sich mit Gesamtbetriebsrat und IG Metall auf einen unternehmensfinanzierten „Transformationsfonds“ in Höhe von 50 Millionen Euro. Der Fonds soll unter anderem dazu dienen, Mitarbeiter:innen finanzielle Anreize für einen Jobwechsel innerhalb des Unternehmens zu setzen. Noch sind in Deutschland rund 85.000 Arbeiter:innen für Siemens tätig.

Der Essens-Lieferdienst Lieferando wiederum will rund 2.000 seiner Fahrer:innen entlassen und seine Flotte damit um rund 20 Prozent reduzieren. Vor allem Hamburg soll von der Entlassungswelle getroffen werden. Anstatt nur auf eigene Fahrer:innen zu setzen, will Lieferando bei der Auslieferung zu den Endkund:innen in Zukunft stärker mit Subunternehmen zusammenarbeiten.

Autoindustrie besonders betroffen

Die genannten Beispiele zeigen, dass derzeit Unternehmen in vielen Branchen Personal abbauen. Besonders betroffen sind jedoch die Industriebeschäftigten. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY nannte Anfang Juni in seinem Industriebarometer die Zahl von 101.000 gestrichenen Stellen in der deutschen Industrie zwischen März 2024 und März 2025. Gegenüber 2019 seien sogar 217.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen.

Allein in der Autoindustrie sind demnach innerhalb eines Jahres 45.400 Jobs bzw. 6 Prozent aller Stellen weggefallen. Der Kernsektor des deutschen Kapitalismus kommt seit Jahren nicht aus der Krise und hat auch in diesem Jahr wieder schlechte Zahlen vermeldet. Im ersten Quartal haben Porsche mit minus 40,6 Prozent, VW mit minus 41 und Mercedes mit minus 43 Prozent empfindliche Gewinneinbrüche verzeichnet.

Wirtschaftswachstum im Jahresvergleich, Rückgang im Quartal – Autobauer in der Krise

Dafür werden vor allem die Schwäche des Sektors bei der Produktion von Elektroautos und die Unsicherheit auf dem Weltmarkt infolge der US-Zollpolitik verantwortlich gemacht. Die Autoindustrie in Deutschland macht inzwischen rund 70 Prozent ihres Gesamtumsatzes durch Exporte. Bei BMW war im vergangenen Jahr das China-Geschäft um 30 Prozent eingebrochen und der Konzern war wegen Problemen mit seinen Bremsen von einem Auslieferungsstopp betroffen. Bei Elektroautos war jedoch vor allem das Geschäft in Deutschland deutlich zurückgegangen, nachdem die Ampel-Regierung zwischenzeitlich die staatliche Förderung für E-Autos gestrichen hatte.

Martin Gornig, Forschungsdirektor für Industriepolitik am DIW Berlin, machte Ende April im Gespräch mit der Bild-Zeitung vor allem die Veränderungen in der Autobranche für das Schwächeln der deutschen Industrie verantwortlich: Deutschlands Hersteller seien daran gewöhnt, der Welt „teure Autos zu verkaufen“. Doch mit dem E-Auto hätte sich das Spiel geändert. Auch die FAZ sieht das „starke Wachstum chinesischer Konkurrenten“ als ursächlich für die Autokrise. Dieses sei verbunden mit „zahlreichen technologischen Innovationen aus Fernost, etwa Elektroautos oder Softwareplattformen für autonomes Fahren“.

Steuergeschenke der Regierung

Nachdem die Autokonzerne und Zulieferer wie ZF im vergangenen Jahr bereits massive Stellenstreichungen angekündigt hatten, ruderte die Scholz-Regierung zurück und beschloss neue Subventionen und Steueranreize für Elektroautos. Die neue Bundesregierung legte im Juni nach und verabschiedete ein Steuersenkungspaket für Unternehmen in Höhe von rund 46 Milliarden Euro. Firmen können künftig z. B. Sonderabschreibungen in Höhe von bis zu 30 Prozent für Maschinen und (im Anschaffungsjahr) 75 Prozent für betrieblich genutzte Elektrofahrzeuge geltend machen. Daneben hat sich die Union-SPD-Regierung im Koalitionsvertrag auf weitere Kaufanreize für Elektroautos und einen Ausbau der Ladeinfrastruktur geeinigt.

Das Maßnahmenpaket kommt den Lobbyist:innen der deutschen Industrie entgegen. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), spricht schon seit längerem von einer „Krise des Standorts Deutschland und Europa“: „Überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und Steuern, lange Planungs- und Genehmigungsverfahren — all das setzt den Unternehmen immer mehr zu“, so die Lobbyistin gegenüber der Bild-Zeitung.

Die beschlossenen Maßnahmenpakete zeigen aber vor allem, dass die Autoindustrie und andere Zweige des deutschen Kapitals offenbar nur noch dann profitabel und international konkurrenzfähig sind, wenn der Staat ihnen über den Steuerhaushalt zusätzliche Mittel in Milliardenhöhe zuschießt.

Als Legitimation hierfür wird von Union und SPD der Erhalt von Arbeitsplätzen und der Industrie als strategischem Wirtschaftssektor angeführt. Die Subventionspolitik bedeutet aber vor allem, dass das Industriekapital auf Kosten der Arbeiter:innenklasse, die den Staatshaushalt mit ihren Steuern trägt, profitabel gehalten wird. Es findet also eine Umverteilung von unten nach oben statt, und der „Arbeitsplatzerhalt“ entpuppt sich in Wahrheit als Angriff auf den Lebensstandard derjenigen, welche allein den gesamten Reichtum des Industriekapitals Tag für Tag produzieren.

VW: Drohende Werksschließungen als Verhandlungsmasse?

Faule Kompromisse bei VW, Ford und Thyssen

Neben der Regierung zeigen sich auch die DGB-Gewerkschaften kooperativ, wenn es um die Stützung der Industriekonzerne auf Kosten der Beschäftigten geht. Dies zeigen die Beispiele Volkswagen, Ford Köln und ThyssenKrupp Steel.

Der Volkswagen-Konzern hatte bei den Tarifverhandlungen im vergangenen Jahr zehn Prozent Lohnkürzungen sowie Nullrunden in den beiden Folgejahren gefordert und — erstmals in seiner Geschichte — mit Werksschließungen gedroht. Um seine Drohung zu untermauern, kündigte der Konzern im September die seit 1994 geltende Beschäftigungssicherung, was betriebsbedingte Kündigungen ab Juli diesen Jahres ermöglicht hätte. Die IG Metall organisierte zwar zwei eintägige Warnstreiks unter der Beteiligung von jeweils 100.000 Beschäftigten, kam dem Konzern kurz vor der dritten Verhandlungsrunde aber mit der Bereitschaft zu einem Gehaltsverzicht und flexiblen Arbeitszeitkürzungen entgegen.

Ende Dezember einigten sich beide Seiten dann auf einen wenig salomonischen Kompromiss: VW baut bis 2030 mehr als 35.000 Stellen „sozialverträglich“ ab. Die bisherige Beschäftigungsgarantie wird durch einen provisorischen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2030 ersetzt – was danach passiert, bleibt unklar. Die fünfprozentige Entgelterhöhung der Metall- und Elektroindustrie fließt nicht an die Arbeiter:innen, sondern soll zur Abwendung betriebsbedingter Kündigungen verwendet werden. Volkswagen ist damit als klarer Sieger aus dem Konflikt hervorgegangen, die Beschäftigten zahlen mit hohen Reallohnverlusten und blicken mit Unsicherheit in die Zukunft.

Das Muster wiederholte sich in ähnlicher Form bei Ford Köln: Nachdem Ford im November den Abbau von 2.900 Stellen in seiner Europazentrale angekündigt hatte, orientierte die IG Metall sofort defensiv auf Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag, anstatt Forderungen aus der Belegschaft nach sofortigen Streiks aufzugreifen. Um den Druck zu erhöhen, drohte der US-Mutterkonzern Ford dann noch mit einer Aufhebung des Insolvenzschutzes für die deutsche Ford-Werke GmbH. Am 14. Mai kam es in Köln zu einer kraftvollen eintägigen Arbeitsniederlegung, der zuvor 93,5 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb zugestimmt hatten.

Nachdem die IG Metall auf weitere Streiks verzichtete, folgte im Juli ein ziemlich mageres Verhandlungsergebnis: Die 2.900 Stellen fallen weg. Dies soll vorzugsweise freiwillig über Abfindungen und Altersteilzeit geschehen, betriebsbedingte Kündigungen sind anderenfalls aber möglich. Für die übrigen Arbeiter:innen gibt es eine Beschäftigungsgarantie bis 2032. Die Bereitschaft, freiwillig zu gehen, dürfte bei nicht wenigen Arbeiter:innen vorhanden sein. Während des Streiks hatten viele von ihnen in Interviews berichtet, dass die Arbeitsmoral stark gesunken sei, seitdem das in Köln produzierte, teure E-Auto von Ford am Markt gefloppt ist und die Beschäftigten das Gefühl hatten, nur noch „für den Parkplatz“ zu produzieren.

Noch schlimmer als bei VW und Ford fiel im Juli das Ergebnis des Sanierungstarifvertrags bei ThyssenKrupp Steel aus, denn hier ließ sich die IG Metall vom Unternehmen neben dem Abbau von insgesamt 11.000 Stellen auch noch eine Streichung des Urlaubsgelds, eine Reduzierung des Weihnachtsgeldes und eine Arbeitszeitverkürzung von 34 auf 32,5 Stunden mit entsprechenden Lohnabschlägen abverhandeln. Auch hier klopfte sich die IG Metall dafür auf die Schulter, dass „betriebsbedingte Kündigungen vom Tisch“ seien und es „Garantien für Standorte und Investitionen in die Anlagen“ gebe.

Stellenabbau bei Ford und Thyssen-Krupp: IG Metall verwaltet Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse

Wie geht es jetzt weiter?

Defensive Ausgangsforderungen, zaghafte Streiks und schnelle Einwilligungen zu Ergebnissen, welche die Lage für die Beschäftigten heute verschlechtern und für die Zukunft noch unsicherer machen: Gehen die gewerkschaftlichen „Arbeitskämpfe“ gegen den Stellenabbau in diesem Stil weiter, dürften der deutschen Industriearbeiter:innenschaft in den nächsten Jahren noch weitere Zumutungen bevorstehen. Denn es ist bereits abzusehen, dass das deutsche Kapital für die Zukunft weitere Angriffe auf die Beschäftigten plant.

Eine im September vergangenen Jahres bekannt gewordene Analyse der Deutschen Bank ist etwa zu dem Ergebnis gekommen, dass die Produktion der deutschen Autoindustrie gegenüber ihrem Höchststand im Jahr 2018 um fast 23 Prozent gesunken sei, die Zahl der Beschäftigten aber nur um acht Prozent. Die Bank schlussfolgerte daraus, dass es in der Kernindustrie des deutschen Kapitalismus einen „Arbeitskräfteüberhang“ von 130.000 Jobs gebe. Die Gesamtzahl der Beschäftigten in der deutschen Autoindustrie lag 2024 bei ca. 773.000. Geht es nach der Deutschen Bank, müssten also knapp 17 Prozent aller Jobs in der Autoindustrie zur Disposition gestellt werden. Die bisher geplanten Stellenstreichungen bleiben noch dahinter zurück.

Eine ähnliche Rechnung ließe sich aus Kapitalsicht vermutlich für die gesamte Industrie aufmachen. Denn die Industrieproduktion in Deutschland liegt infolge von zwei Überproduktionskrisen, der Corona-Pandemie mit anschließenden Lieferkettenproblemen, dem Ukrainekrieg mit anschließender Energiekrise sowie allen konkreten Transformationsproblemen des jeweiligen Industriezweigs heute noch immer deutlich unter dem bisherigen Hoch im November 2017. Nur die Rüstungsindustrie, die infolge der Militarisierung in Deutschland gerade stark expandiert, bildet eine Ausnahme vom allgemeinen Trend.

Auf harte Bandagen mit harten Bandagen antworten

Die Krise des deutschen Industriekapitals zieht sich also hin und lässt neue Angriffswellen auf die Arbeiter:innenklasse erwarten. Diese vollziehen sich in den Betrieben – durch Stellenstreichungen und Angriffe auf Löhne und Arbeitsbedingungen – sowie politisch durch die Umverteilungspolitik der Regierung auf Kosten der steuerzahlenden Beschäftigten. Die Unternehmerseite hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass sie bereit ist, durch aggressive Forderungen nach Lohnkürzungen und Drohungen mit Werksschließungen sowie der Streichung von Beschäftigungsgarantien rigoros bessere Verwertungsbedingungen für ihr Kapital durchzukämpfen.

Bundeskanzler und Arbeitgeberpräsident: Der Abbau des deutschen Sozialstaats

Auf diese harten Bandagen kann man nicht mit weichen und defensiven Arbeitskämpfen antworten, die nach den ersten erfolgreichen Streiks direkt beendet werden. Vielmehr muss man auf harte Bandagen mit harten Bandagen antworten und die Produktionsmacht der Arbeiter:innen schon früh und konsequent in unbefristeten Streiks ausspielen.

Ebenso sollten sich alle aktiven Kolleg:innen in den Betrieben die altbekannte Wahrheit ins Gedächtnis rufen, dass Lohnverzicht keine Arbeitsplätze sichert. Auf jeden einzelnen faulen Kompromiss der letzten Jahre hat die Kapitalseite nach kurzer Zeit mit neuen Angriffen nachgelegt. Vielen Ford-Beschäftigten ist heute klar, dass die Stellenstreichungen von heute die Werksschließung von morgen vorbereiten und die Zukunft in Köln ab 2032 mehr als ungewiss ist.

Egal ob in der Auto- oder Stahlindustrie, bei den Lieferdiensten oder in anderen Branchen: Die Antwort auf die Krisenangriffe der Industrie und der Regierung kann nur in einer Vernetzung aller aktiven und kämpferischen Kolleg:innen in den Betrieben und der Schaffung von Strukturen liegen, mit denen die Kolleg:innen auf die Angriffe von morgen mit selbständigen Streiks antworten können. Niemand wird die Kohlen für die Beschäftigten in der Krise aus dem Feuer holen, wenn sie es nicht selbst tun.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 101 vom August 2025 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Thomas Stark
Thomas Stark
Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

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