Durch städtische Maßnahmen wie Stahlwinkel wird unterbunden, dass wir uns an bestimmten Orten aufhalten oder Bedürfnissen nachgehen können. Doch unter dem Vorwand von Sicherheit und Sauberkeit werden Menschen und Probleme nur verlagert. Städte sollten gerade die Schwächsten schützen. – Ein Kommentar von Aziza Mounir.
Unser öffentlicher Raum ist zunehmend durch defensive Architektur geprägt. Ob Bänke, die durch Armlehnen das Liegen verhindern, Metallstifte oder Noppen auf Oberflächen, die das Verweilen unmöglich machen, dauerhafte Beschallung durch Musik oder Kameraüberwachung – all diese Maßnahmen haben denselben Effekt: bestimmte Personengruppen zu vertreiben oder bestimmte Nutzungen zu unterbinden. Bauherr:innen oder Eigentümer:innen gestalten die Flächen absichtlich besonders ungemütlich. Videokameras ausgenommen, soll so eine „natürliche Überwachung“ entstehen.
Die Gestaltung unserer Städte: Obdachlose nicht erwünscht
Historisch wurden bei der Gestaltung oder dem Umbau von Städten auch strategische Aspekte der Aufstandsbekämpfung und Kontrolle verfolgt. Regierungen verfolgen damit das Ziel, ihre Macht zu sichern und Unruhen oder Aufstände schon im Vorfeld zu verhindern. So war es auch im Paris des 19. Jahrhunderts: Baron Haussmann baute Paris im Auftrag Napoleons III. um. Verwinkelte Gassen und kleinteilige Bebauung wurden durch groß angelegte, lineare Boulevards ersetzt. Diese bieten ein freies Sichtfeld, erleichtern Truppenbewegungen und erschweren den Bau von Barrikaden. Rund um den Arc de Triomphe sind diese Boulevards bis heute sichtbar.
Auch in den USA entstanden in den 1970er-Jahren verschiedene Theorien, die beschreiben, wie durch gezielte architektonische Gestaltung Kriminalität präventiv verhindert werden soll. Die Theorie des „Defensible Space“ behauptet, dass vor allem das Gefühl von Eigentum und Territorialität sowie beobachtbare und einsehbare Räume Kriminalität mindern können.
In Baden-Württemberg gibt es seit Anfang der 1990er-Jahre das Projekt „Kommunale Kriminalprävention“ (KKP). Ein Teilbereich davon ist die „Städtebauliche Kriminalprävention“. Ziel ist es, durch die polizeiliche Mitwirkung an baulichen Planungsprozessen spätere Tatgelegenheiten zu verhindern. Als Maßnahmen führt die Polizei beispielsweise Beleuchtung oder Heckenrückschnitte an. Bundesländer wie Niedersachsen, Hessen, NRW und Berlin haben mittlerweile ähnlich strukturierte Programme entwickelt.
Bahnhöfe besonders betroffen
Bahnhöfe weisen eine besondere Häufung solcher Maßnahmen auf: Es gibt – gemessen an der Anzahl wartender Menschen – nur wenige Sitzmöglichkeiten. Diese sind oft durch Armlehnen unterteilt, um insbesondere obdachlose Menschen vom Schlafen abzuhalten. In Ruhe sitzen ist meist nur an Konsumorten wie Cafés oder Restaurants möglich. Die Beleuchtung ist grell und für längere Aufenthalte unangenehm. Sie erfüllt also mehr als nur eine Lichtfunktion. Zusätzlich hält laut abgespielte Musik Menschen durch Dauerbeschallung von einem längeren Aufenthalt ab.
Auch defensive Architektur löst die zugrunde liegenden Probleme nicht: Menschen, die keinen Ort zum Schlafen haben und deshalb schutzlos auf Bänken nächtigen müssen, Menschen mit Suchtproblemen, oder der Mangel an bezahlbaren Räumen für soziale Begegnungen.
„Sicherheit und Sauberkeit“ statt Raum für alle
Die Rechtfertigung defensiver Architektur liegt meist in einem vagen Sicherheitsgefühl, dem Schutz der Allgemeinheit oder dem Streben nach Sauberkeit. Dass sich Kriminalität – wie am Beispiel New Yorks – oft nur verlagert oder bestimmte Personengruppen ausgegrenzt werden, wird dabei häufig ausgeblendet. Diese Form der Unterdrückung ist subtil, kann jedoch auch deutlich offensiver auftreten – etwa, wenn Polizist:innen gezielt auf obdachlose Menschen zugehen, sie schikanieren und an einen anderen Ort verweisen.
Natürlich gibt es Orte, an denen soziale Kontrolle wichtig ist. Gerade für Frauen existieren, vor allem nachts, sogenannte Angsträume, bei denen mehr Beleuchtung oder breitere Straßen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln können. Dennoch ist das letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn es um den Schutz von Frauen geht. Eine wirkliche Schutzstrategie wurde bislang von keiner Regierung verfolgt – weshalb Frauen sich weiterhin meist auf sich selbst oder auf andere Frauen verlassen müssen.
Vereinzelnder Stadtplanung kollektive entgegensetzen
Warum werden finanzielle, politische und planerische Mittel aufgewendet, um Verdrängungsprozesse voranzutreiben, anstatt reale Lösungen zu schaffen? Am Beispiel der Obdachlosigkeit zeigt sich: Bedingungsloser Wohnraum für alle und die konsequente Bekämpfung von Leerstand werden nicht angegangen. Stattdessen wird das Grundbedürfnis Wohnen dem Profit untergeordnet. Menschen, die nicht über die nötigen Mittel verfügen, um selbst Wohnraum zu schaffen, sind gezwungen, sich den Angeboten derer anzupassen, die über die entsprechenden ökonomischen Ressourcen verfügen.
Doch solche Zustände können wir verändern – gemeinsam. Initiativen wie „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ zeigen, dass es in der Mieter:innenbewegung einen kämpferischen Willen gibt. Solche Kämpfe können ausgeweitet und weitergeführt werden, auch wenn sich parlamentarische Entscheidungsträger:innen der Verantwortung entziehen und Großkonzerne wie Vonovia weiterhin rücksichtslos Profit machen. Und auch geschichtliche Beispiele wie die Pariser Kommune haben uns gezeigt, dass es trotz aufstandsbekämpfender Stadtplanung gelingen kann, diese zu überwinden und eine eigene städtische, kommunistische Selbstverwaltung aufzubauen.

