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Die wachsende „Fertility Gap“

Nicht nur in Deutschland sinken die Geburtenzahlen. Das stellt herrschende Gesellschaftssysteme vor ernsthafte Probleme. Die sogenannte „Fertility Gap“ soll erklären, warum weniger Kinder gezeugt werden als gewünscht. Die internationale Debatte kennt hierbei Unterschiede sowie Parallelen.

Eine aktuelle Studie des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung (BiB) hat wieder einmal für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Zentrum stehen weiterhin sinkende Geburtenzahlen in Deutschland als auch die vermuteten Gründe für den Geburtenrückgang. Die aktuelle Geburtenrate in Deutschland (Stand: 2024) liegt bei durchschnittlich 1,35 Kinder pro Jahr. 2012 waren es noch 1,58 Kinder pro Jahr.

Die Erkenntnisse der Studie

Die Studie basiert auf einer bundesweiten Befragung von 9.000 Frauen und 6.600 Männern zwischen 18 und 49 Jahren. Es wurde auch erfragt, wie viele Kinder sie sich wünschen würden und was für Gründe für die Befragten dagegen sprechen, Kinder zu bekommen. Dabei wird die sog. „Fertility Gap“ („Fruchtbarkeitslücke“) diagnostiziert. Gemeint ist, dass eine nennenswerte Lücke zwischen dem durchschnittlichen Kinderwunsch und der realen Geburtenzahl besteht. Bei den befragten Frauen lag der Wunschwert bei 1,76 und bei den Männern bei 1,74. Daraus lässt sich ableiten, dass viele (werdende) Eltern tendenziell weniger Kinder bekommen als sie gerne würden. Während der Wunschwert über die letzten Jahre ungefähr gleichgeblieben ist, ist die reale Geburtenrate gesunken.

Besonders die Frage nach den Gründen für diese Diskrepanz, aber auch für den allgemeinen Geburtenrückgang, dominiert die deutsche Mediendebatte. Relativ einig scheint man sich darin zu sein, dass die multiplen gesellschaftlichen Krisen hierfür eine zentrale Verantwortung tragen. So werden Kriege, Umweltkatastrophe, Corona-Pandemie, wirtschaftliche Krisenhaftigkeit aber auch die generelle Unsicherheit bezüglich der Zukunft als zentrale Faktoren genannt. Diese hielten viele Menschen davon ab, dem Kinderwunsch nachzukommen.

Konservative wollen mehr Mütter sehen

Rechtsradikale bis faschistische Parteien wie die AfD nutzen derweil die Situation, um rückschrittliche Frauen- und Familienbilder zu propagieren. So dominiert hier die Behauptung, der Geburtenrückgang wäre eine direkte und negative Folge der Emanzipation der Frauen. Die Antwort wäre dementsprechend eine „Rückbesinnung“ auf die traditionelle bzw. konservative Frauenrolle zur Rolle der Mutter und Ehefrau. Kindergebären und ihre „Aufzucht“ werden hier als patriotische Pflicht gegenüber dem Heimatland betrachtet. In den USA macht der rechte Milliardär Elon Musk sich als Fürsprecher einer solchen nationalistischen „Geburtenbewegung“ groß.

Hierin bestehen aber auch Parallelen zum Rest des bürgerlichen Diskurses, indem die Frage des nationalen „Wohlstandes“ eng an die Geburtenrate geknüpft wird. Die Frage nach der Versorgung innerhalb des Rentensystems sowie das Thema Fachkräftemangel werden hiermit in Verbindung gebracht. Mehr Kinder, d.h. zukünftige Arbeitskräfte, sollen die deutsche Volkswirtschaft retten. Die Möglichkeit einer Rentenreform beispielsweise, bei der vielmehr die Reichen in die Bezahlpflicht genommen werden, oder eine menschliche und konstruktive Migrationspolitik tauchen als Optionen im Diskurs kaum auf.

Die AfD und ihr Frauenbild: deutsch und gebärend

Deutschland ist mit seiner „Geburtenkrise“ nicht alleine

Ein Großteil der Welt verzeichnet Geburtenrückgänge, darunter weite Teile Osteuropas, Südkorea, Japan aber auch das einst geburtenstärkste Land der Welt, die Volksrepublik China. Südkoreas Militär fehlen daher nach eigenen Angaben trotz Wehrpflicht beispielsweise 50.000 Soldat:innen. Alternativen zu höheren Geburtenzahlen sind auch hier eher Mangelware.

In China sei der Geburtenrückgang auf die finanzielle Belastung für Frauen sowie die staatliche Kinderpolitik und ökonomischen Ungleichheiten zurückzuführen. Die traditionelle Präferenz für Söhne, die in einigen ländlichen Gebieten noch immer verbreitet ist, hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass weibliche Föten selektiv abgetrieben oder Mädchen nach der Geburt vernachlässigt wurden. Hinzu kommt die Ein-Kind-Politik, die von 1979 bis 2015 galt. Viele Familien wollten ihr einziges Kind lieber männlich haben, da Männer größere Chancen haben, wirtschaftlich Karriere zu machen.

Inzwischen hat die chinesische Regierung verschiedene Maßnahmen ergriffen, um dieses Problem zu bekämpfen, wie Aufklärungskampagnen, strengere Gesetze gegen geschlechtsselektive Abtreibungen und Förderprogramme für Mädchen. Grund dafür ist aktuell auch dort das sinkende Wirtschaftswachstum. Auch hier sollen Geburten Abhilfe leisten. Dafür ist neuerdings ein Anreiz-System ähnlich dem Kindergeld geschaffen worden, das Neugeborene subventioniert.

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